Stararchitekt Bjarke Ingels "Wir holen das Außergewöhnliche aus dem Gewöhnlichen"

Bjarke Ingels ist einer der gefragtesten Architekten weltweit. Er hat den zweiten Turm des World Trade Centers entworfen und Kraftwerke, die gleichzeitig Skipisten sind. Im Interview erklärt er seinen pragmatischen Utopismus.

Bjarke Ingels Group

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Architektur ist komplex. Ihre Bauten wirken hingegen leicht und spielerisch. Bringen Sie den Funk in Funktion?

Ingels: Ja, so kann man das vielleicht nennen. Es gibt eine Tendenz, in bloßer Theorie, wie dem Funktionalismus, Fragen durch Antworten zu ersetzen. Jede Bewegung in der Politik, Kultur oder Architektur verwandelt sich ab einem gewissen Punkt in ein Dogma. Sie wiegt sich in der Sicherheit, keine Fragen mehr zu stellen, weil man die Antworten bereits kennt.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie anders?

Zur Person
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    Bjarke Ingels, 42, gründete 2005 das Architekturbüro BIG (Bjarke Ingels Group) in Kopenhagen. Sein Comic-Manifest "Yes Is More" forderte 2010 eine lebensbejahende Architektur zwischen Radikalem und Realem. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem "Vorstadtkratzer" 2016 in New York und dem Bau eines Turms des neuen World Trade Centers.

Ingels: Wir erinnern uns jedes Mal daran, Fragen zu stellen. Viele Fragen! Andere Fragen, die zu neuen Antworten führen. Es gibt einen guten Begriff aus dem Management für das Gegenteil: begabte Inkompetenz. Wenn du so gut bist, in dem was du tust - und das schon sehr lange. Wenn du nicht mehr zuhörst und alles eh schon weißt, dann entstehen die größten Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie uns ein Beispiel, wie neue Fragen zu anderen Antworten führen.

Ingels: Das Klima ändert sich. Technologie schreitet voran. Es erwachsen neue Möglichkeiten. Auf dem Dach eines Kopenhagener Müllheizkraftwerks haben wir eine Skipiste errichtet. Die Müllverbrennung dort ist so sauber, es ist die sauberste Anlage auf dem Planeten. Von einem gewöhnlichen Kraftwerk hältst du dich so weit wie möglich fern. Aber in Kopenhagen konnten wir etwas anderes machen: die erste Skipiste in einem Land, das komplett flach ist.

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Kopenhagen: Skiabfahrt auf dem Müllberg

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen um Umdeutung, das Aufbrechen von Gewohnheiten?

Ingels: Menschen werden von Gewohnheiten regiert. Ich auch. Es braucht mehr Aufwand, den Rahmen zu sprengen. Wir versuchen, mit jedem Projekt die Grenzen des Normalen weiter zu verschieben. Wir holen das Außergewöhnliche aus dem Gewöhnlichen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Credo lautet: "Yes is more". Offen sein, für Überraschungen im Prozess.

Ingels: Jedes Mal, wenn wir ein Projekt beginnen, entstehen dabei Möglichkeiten. Wie zum Beispiel beim Courtscraper (Anmerkung der Redaktion: einer Mischung aus europäischem Vorhof und einem US-amerikanischen Wolkenkratzer, die 2016 mit dem Hochhaus-Preis ausgezeichnet wurde). Normalerweise stapeln sich beim Wolkenkratzer Boxen aufeinander. Das Gebäude beweist, dass man auch an der Skyline von New York City etwas ändern kann, wenn man Dinge anders betrachtet.

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Hochhaus Preis 2016: Innovativ statt hoch

SPIEGEL ONLINE: Zeichnet sich Ihre Haltung dadurch aus, dass Sie nicht mehr radikal dagegen sind, sondern dafür? Salopp gesagt: das Beste daraus machen.

Ingels: Ich spreche gern von pragmatischem Utopismus. Das Problem mit bloßer Utopie? In ihrem Ursprung bedeutet sie nicht "Nicht-Ort". Eine Wunschwelt, in der alles perfekt ist. Wenn du alles auf einmal umgestalten willst, entsteht eine nahezu totalitäre und unmögliche Vision. Wir wollen hingegen die Welt eines Projektes verändern, sie praktischer, offener und spannender gestalten. Um so unserer Traumwelt schrittweise näher zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: An der Westküste Dänemarks haben Sie das Tirpitz Museum gebaut. Teil des Ensembles: ein Bunker aus der Zeit deutscher Besatzung. Wie lässt sich der dunkle Schatten der Geschichte aufarbeiten?

Ingels: Wir haben das Museum als absolute Antithese zum Bunker aufgefasst. Er ist hermetisch, aus Beton und verschlossen. Uns kam die Idee, eine einladende Begegnungsstätte zu gestalten. Deshalb haben wir die Landschaft geöffnet.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Düne wie einen Kuchen aufgeschnitten.

Ingels: Ja. Mit chirurgischen Schnitten. Es ist fast wie eine heiße Kartoffel. Man schneidet sie in der Mitte an, drückt sie leicht auf, und das weiche Innere kommt zum Vorschein. Die vier Pfade, die sich ergeben, treffen sich in einem offenen Mittelpunkt, der ins Museum führt.

Tirpitz Museum
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Tirpitz Museum

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit der Verantwortung um? Wer kein Fleisch mag, geht nicht zum Metzger. Wer keine Filme mag, nicht ins Kino. Aber Architektur entkommt man nicht. Sie ist da!

Ingels: Architektur ist eine plurale Kunstform. Und Menschen sind so vielfältig. Deswegen gibt es keinen Grund, warum Apartments oder Gebäude gleich aussehen sollten. Die Stadt ist ein interessantes Experiment. Menschen treffen aufeinander, Geschichten, Nationalitäten, sexuelle Orientierungen. Und es gibt begrenzten Raum. Ziel ist es, die Möglichkeiten für jeden zu erweitern, ohne die der anderen einzuschränken.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Ingels: Architektur ist oft zu konform. Das Witzige an der Durchschnittsperson ist: Es gibt sie nicht! Warum baut man dann für den Durchschnitt? Jeder Mensch ist auf seine Art besonders. Wir schauen uns bei jedem Projekt an, was der Fall ist. Einigen gefällt es, andere stößt es vor den Kopf. Aber wenn du den kleinsten Nenner bedienst, inspirierst du niemanden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit 42 Jahren mehr gebaut als andere Architekten in ihrem gesamten Leben. Noch hungrig?

Ingels: Wir haben noch nicht mal richtig angefangen.

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Baumeister Bjarke Ingels: Architektur mit Witz und Hintersinn

SPIEGEL ONLINE: Radikaler werden?

Ingels: Radikalität ist schwierig. Sie vernachlässigt immer das Umfeld. Ich will nicht radikaler werden auf Kosten der Relevanz. Relevanz ist heute wichtiger. Es gibt ein schönes deutsches Wort: Formgebung, etwas eine Form zu geben, das noch keine hat. Du kannst die x-te Version einer Kaffeetasse gestalten - auch gut. Aber manchmal ereilt uns existenzieller Wandel in Kultur und Technologie. Mit ihm entsteht ein neues Bedürfnis, das noch keine Form gefunden hat. Diejenigen, die es formen, formen unsere Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Entwicklungen spielen Sie an?

Ingels: In den letzten zwanzig Jahren fanden zum Beispiel die größten Innovationen im virtuellen Raum statt. Jetzt folgt die Kehrtwende in den physischen Raum: das Internet der Dinge. Neue Materialien, selbstfahrende Autos, die Hyperloop-Strecke. Die letzten Jahre haben wir nur geübt. Jetzt können wir dem Wandel eine neue Form geben.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie darin die Rolle des Architekten?

Ingels: Architekten stehen am Anfang einer Gesellschaft, die sich selbst zur Welt bringt. Sie sind wie Hebammen, Geburtshelfer für eine Gesellschaft, die sich neu erschafft.

SPIEGEL ONLINE: Der Schweizer Architekt Peter Zumthor sagte 2014, der Architekt sei heutzutage ähnlich bedeutend wie ein Sanitärinstallateur. Der Architekt wird nur noch als Marke gebraucht.

Ingels: Ich bleibe optimistisch. Es stimmt, Architektur darf nicht zum Selbstzweck werden. Sie ist nicht das Ziel, sie liefert die Mittel. Es geht darum, den besten Rahmen zu bauen. Architektur schafft nur die Bühne, auf der sich eines abspielen sollte: das Leben.



insgesamt 8 Beiträge
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Papazaca 10.08.2017
1. Skulpturale Architektur voller Ideen
Interessanter Artikel. Der Frankfurter Flughafen erinnert mich immer an eine Architektur, an die man sich danach nicht mehr erinnert. Im Gegensatz dazu wollen wir in unserem Leben doch auch unverwechselbare (hoffentlich positive ...) Momente erleben. Der Architekt Ingels zeigt, welche Formenvielfalt möglich ist. Sehr inspirierend.
Alpe 10.08.2017
2. Spektakel.
In der Tat spektakuläre Bauten. Aber ist es das, was gute Architektur ausmacht? Reden wir in zwanzig Jahren wieder drüber...
melanie84bergmann 10.08.2017
3.
Eine wirklich talentierter Architekt der sein Handwerk versteht. Die Gebäude von ihm beeindrucken einfach durch die Kombination aus Schlichtheit kombiniert mit extravaganten Komponenten. Sehr schön.
Cyman 10.08.2017
4. Bitte kein Ingels 2 WTC
Der Ingels-Entwurf zum 2 WTC ist dermaßen hässlich, dass er seit seiner Vorstellung im Gespräch ist. Ich hoffe stark, dass dieser Entwurf nicht realisiert wird und stattdessen das ursprüngliche Design Fosters umgesetzt wird - oder ein besserer Vorschlag kommt.
nwz86 10.08.2017
5. Vitruv würde fluchen
Zu den Vitruv'schen Tugenden gehörte einst Venustas, die Schönheit. Diese scheint man offenbar als reaktionären Ramsch anzusehen und komplett über Bord geworfen zu haben. Zeitgenössische Architektur zeichnet sich oft durch Abwesenheit von Ästhetik, Form- und Proportionsgefühl aus, und glänzt dafür durch arrogante "look at me" Provokation, welche wohl das fehlende Talent kaschieren soll. Wenn man in einer Stadt wie Berlin sich die Neubauten anschaut, kommt einem der Döner wieder hoch. Im 20. Jahrhundert gab es mehrere große menschenfeindliche Bewegungen, den Kommunismus, das Dritte Reich, und das Bauhaus. Leider hat sich letzteres, im Gegensatz zu den zwei erstgenannten, bis heute halten können.
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