"Fashioned from Nature" Designermode? Natürlich!

Tiere und Pflanzen liefern Rohstoffe und Ideen für Kleidungsstücke. Eine Ausstellung in London zeigt, wie die Natur seit jeher die Mode bestimmt - und wie sehr das die Umwelt schädigt.

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Der Mensch und die Natur haben eine komplizierte Beziehung. Während sie ihn nicht unbedingt braucht, kann er nicht ohne sie leben. Paartherapeuten würden von einer einseitigen Abhängigkeit sprechen. Häufig erwächst die aus einem geringen Selbstwertgefühl. Das drückt sich auch darin aus, dass der Mensch - das vermeintlich verfeinerte Tier - immer ein wenig neidisch war auf die Serienausstattungen anderer Spezies. Statt eines bunten Federkleids oder eines warmen Pelzes kann er nur Fellreste vorweisen.

Um dem Tod zu entgehen - sei es durch zu niedrige Körpertemperatur oder mangels Fortpflanzungspartner - musste Mensch sich also an der Natur bedienen. Gegen die Kälte wurden Säugetiere gehäutet. Vögel und sogar Insekten lieferten Statussymbole, die das andere Geschlecht anlocken sollten. Das Volk der Shuar zum Beispiel stylte sich mit Gefieder und Käferpanzern: Tukanfedern verzierten die Gewänder der Ureinwohner Amazoniens, schillernde Käfer endeten als Ohrschmuck.

Auch die Singhalesen am anderen Ende der Welt erlagen den optischen Reizen verschiedener Prachtkäfergattungen. Dank weltumspannender Handelsnetze wurden die Panzer der Art Sternocera aequisignata - das sind Smaragdkäfer - Anfang des 19. Jahrhunderts nach Großbritannien verschifft. Dort war die schillernde Importware aus Asien bald der letzte Schrei - in großer Menge auf ein Kleid gestickt ließ sie dessen Trägerin glitzern.

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Aha-Momenten wie diesen begegnen Besucher der Ausstellung "Fashioned from Nature" im Londoner Victoria & Albert Museum immer wieder. Dschungelartige Soundkulissen stellen sich als Stimmen jener Vögel heraus, deren Federn damals für Hutschmuck, Kragen oder Muffs verwendet wurden. Zum Teil in solch einem Ausmaß, dass es schon im 19. Jahrhundert die ersten Umweltproteste gab. Davon zeugen historische Plakate gegen die massenhafte Tötung von Fell- und Federtieren für die Kleiderproduktion.

Seitdem kam das Thema nie mehr ganz aus der Mode.

Jean-Paul Gaultier dienten "tote Tiere als Kleidung" mehr als hundert Jahre später als Inspiration für ein Outfit. 1997 fertige er ein Bustierkleid mit Leopardenfell und -kopf an, ohne allerdings vorher eine der Wildkatzen töten zu lassen. Sein Modell kommt dank technischer Innovationen ohne echtes Tierhaar aus.

Statements gab es immer mal wieder im wörtlichen Sinne: Slogan-Shirts und Mode-Kampagnen, die mal mehr, mal weniger glaubwürdig auf den Preis der High und der Fast Fashion aufmerksam machten. Für die Ausstellung hat die Kuratorin, Edwina Ehrman, ein "Save the Arctic"-T-Shirt ausgewählt. Gestaltet hat es Vivienne Westwood. Früher stand auf T-Shirts des britischen Designer-Punks "Destroy". Doch seit etwa zehn Jahren kämpft Westwood nicht mehr nur gegen das Establishment, sondern auch für den Planeten.

"Fashioned from Nature" zeigt eindrückliche Beispiele dafür, wie menschengemachte Formen und Motive von botanischen Vorbildern abgeleitet wurden. Dior hatte seine Blütenkelchlinie, Christopher Kane ließ eine Generation später Sweatshirts mit Fruchtstempeln besticken, die in ihrer knalligen Überdimensioniertheit nicht zufällig an menschliche Sexualorgane erinnern.

Die Natur als Ideenlieferant und Rohstoffquelle

Doch inspirieren ließ sich der Mensch immer auf doppelte Weise: Fauna und Flora lieferten nicht nur Ideen für Designs und Dessins. Sie waren auch Ausgangsmaterial für Herstellungsverfahren: Baumwollstoffe, Leinen, Seide oder Gummi wären ohne natürliche Ressourcen undenkbar. Ironischerweise wird durch deren industrielle Produktion der Umweltschaden noch vergrößert.

Im dritten Teil der Ausstellung geht es deshalb um alle nur erdenklichen Formen modernen Upcyclings. So färbt der Designer JW Anderson alte Teile neu ein und schickt sie dann zurück in den Warenkreislauf statt auf die Deponie. Denn der Stoff, aus dem ökologische Träume sind, ist alles, was nicht auf dem Müll landet - oder unter Verschwendung wertvoller Ressourcen wie Wasser neu hergestellt werden muss. Doch was im 21. Jahrhundert für Applaus in der Modewelt taugt, ist im Prinzip ein alter Hut. Den upgecycelt wurde schon in früheren Jahrhunderten, wenn auch mehr aus finanzieller denn aus ökologischer Not.

Kunstfasern aus Plastikmüll

Zukunftsfähig wird die Modeproduktion erst durch ausgeklügelte Techniken, die Probleme grundsätzlich angehen: Kunstfasern, komplett aus Plastikflaschen hergestellt - und dann zu Designerroben verarbeitet wie 2016 von Calvin Klein für Emma Watsons Met-Gala-Kleid. Oder garantiert umweltfreundliche Färbemittel, die aus DNA-modifizierten Mikroorganismen gewonnen werden. Ob all dies dann wirklich Einzug in die Kaufhäuser und Kleiderschränke hält oder bloß eine umweltverträgliche Spielart des modischen Luxus darstellt? Bleibt abzuwarten. Schließlich möchte der Mensch der prächtigste Pfau bleiben.


"Fashioned from Nature" bis zum 27. Januar 2019 im Londoner Victoria & Albert Museum.

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