Möbeldesign Sklaven des Systems

Der Mensch ist ein unersättlicher Sortierer und Kategorisierer. In der Kölner Ausstellung "System Design" findet er, was er dafür braucht. Doch dient Ordnung uns noch - oder dominiert sie uns schon?

Von Vivien Timmler


Er ist vier mal zwei Zentimeter groß, besitzt acht runde Noppen und ist mal blau, mal rot, mal gelb, mal grün: ein Legostein. Auf den ersten Blick ist er nicht gerade das Paradebeispiel für großes Design. Seine Erfindung bedeutete 1958 aber den Sprung vom bloßen Stapeln zum Kombinieren: Weil die einzelnen Steine temporär verbunden werden können, explodierte die Anzahl der Kombinationsmöglichkeiten. Die Noppen machten den Legostein zum Systemdesign in seiner puristischsten Form.

Mehrere Objekte mithilfe von Verbindungen zu einem größeren Konstrukt zu vereinen - dieser Gedanke war in den Sechzigerjahren auch in der Möbelbranche revolutionär. Bis dahin hatte man sich auf die Produktion von Programmen beschränkt, die durch ihre Formensprache zusammen gehören: etwa die Thonet-Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer. Nun konnten einzelne Module mithilfe von Verbindungselementen auch temporär zusammengefügt werden, je nach Bedürfnis. Dieter Rams machte mit seinem Regalsystem "606", das er 1960 für Vitsoe entwarf, zum ersten Mal die Schiene zum dominierenden Modul. Der Inbegriff des Verbindungselements wurde aber ein anderer: der Knoten.

Alles transparent?

Unumgänglich denkt man bei sichtbaren Verbindungsknoten an das Möbelbausystem USM-Haller - für René Spitz, den Kurator der Ausstellung, das Systemmöbel schlechthin. Aber Knoten ist nicht gleich Knoten: Im Lichtsystem "Giogali" wird dieser vom Italiener Angelo Mangiarotti regelrecht poetisiert, er wird zum alleinigen, kunstvollen Element des Möbels. Alles ist sichtbar, alles durchschaubar - eine Ideologie der Transparenz.

Von zeitgenössischen Designern wird diese immer seltener vertreten. In seinem System "add" für den Möbelhersteller Flötotto verlagerte Werner Aisslinger den Knoten nach innen. Und auch auf der Internationalen Möbelmesse in Köln zeigen Aussteller wie S+ Systemmöbel gerade, dass Transparenz längst nicht alles ist. Was die Formensprache der Sechziger ausmachte, ist heute vor allem eins: unsichtbar. Knoten ja, sichtbar nein.

Dies ist gleichsam ein Spiegel der Gesellschaft: Wir wollen keine Transparenz, keine völlige Durchdringung mehr. Wir delegieren die Verantwortung an den Erschaffer, legen unser Vertrauen in seine Hände. Äußerliche Ästhetik ist an die Stelle der Transparenz getreten. Sind wir genügsam geworden? Oder einfach nur einen Schritt weitergegangen?

Sklaven des Systems

Längst haben auch Technik-Unternehmen Systeme als Geschäftsmodell erkannt. Schnittstellenprogramme wie iTunes verknüpfen unterschiedlichste Geräte miteinander, ganze Maschinensysteme basieren auf golfballgroßen Espresso-Kapseln. Die Komplexität dieser Vorgänge hingegen bleibt unsichtbar. Transparenz würde uns auch hier überfordern; wir vertrauen in die Macht der Systeme.

Ob wir unsere Umgebung als Ordnung oder Chaos wahrnehmen, ist natürlich eine Frage des Standpunkts. Ebenso wie die Entscheidung, Marcel Breuers Thonet-Stahlrohrmöbel neben einer Fast-Food-Verpackung auszustellen. Die Ausstellung "System Design" ist in vielen Punkten eine bewusst provokative Gegenüberstellung verschiedener System-Disziplinen, die vor allem eins zeigt: Unser Drang nach Ordnung und Kategorisierung ist allgegenwärtig.

Und der Versuch, einen kleinen Bereich unserer Umwelt vom Chaos zu befreien, schlägt nicht selten gnadenlos fehl. Statt penibler Ordnung schaffen wir einen System-Dschungel aus undurchschaubaren Modulen, dem wir uns kaum mehr entziehen können. Wann haben Sie zuletzt versucht, Ihren Mobilfunkanbieter zu wechseln, in der neuen Stadt den U-Bahn-Plan zu ignorieren oder eine wirkliche Alternative zu den unverschämt teuren Original-Druckerpatronen zu finden? Nur selten sind Systeme vergleichbarer Art miteinander kompatibel.

System ist alles, alles ist System. Und wir sind seine Sklaven.


Ausstellungsangaben:
"System Design. Über 100 Jahre Chaos im Alltag". Museum für Angewandte Kunst Köln, 20. Januar bis 07. Juni 2015.

"imm cologne". Kölnmesse, 23.-25. Januar für Besucher; Fachpublikum ab 19. Januar.



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insgesamt 7 Beiträge
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timelock 20.01.2015
1. Ordung ist Sicherheit
Ordnung bedeutet Sicherheit und das Streben danach ist eine evolutionäre Überlebensstrategie. Aber vollkommene Sicherheit ist eine Fiktion - genauso wie vollkommene Ordnung. Denn die orientiert sich an dem (eingeschränkten) Horizont desjenigen, der sie definiert. Und Chaos ist vielleicht nur eine Ordnung, deren Systematik erst jenseits dieses Horizontes erkenn- und dechiffrierbar ist. Ich kann die Ausstellung wirklich nur empfehlen.
bichsel 20.01.2015
2. Assoziation
Ich muss beim Inhalt dieses Artikels an die Buchserie von Usus Wehrli denken, die mit "Kunst aufräumen" ihren Anfang nahm. Manchmal kommt es mir so vor, dass ein Ordnungssinn, der sich zur permanenten Sortiererei fortentwickelt, - wie in diesen Büchern anschaulich vor Augen geführt - nach den falschen Kriterien sortiert oder auch vor dem Detail nicht halt macht.
2cv 20.01.2015
3. Ordnung - oder Fernsteuerung? Oder Förderung von Alzheimer und Co.?
Im Zeitalter der Digitalisierung übernehmen zunehmend andere Instanzen die Aufgaben der Ordnung - der Regelassistent im Mailprogramm sortiert schon mundgerecht die eingehenden Nachrichten in die passenden Schubladen... Macht er das eigentlich noch? Oder macht das gar mein Mailanbieter, indem er Spam filtert? Oder indem er mir Nachrichten erst gar nicht zugänglich macht, an denen ich noch interessiert sein könnte? Wieviel "angebliche Ordnung" regelt Facebook schon vorab für mich, frei nach dem Motto "tausend andere können sich nicht irren"? Wir sind derzeit an einem fließenden Übergang, bei dem andere Instanzen uns diese Ordnung suggerieren, in Wahrheit aber schon manipulieren...! Darüber hinaus natürlich noch die Frage, wenn ich selbst nicht mehr ordnen muss - "nur ein Genie beherrscht das Chaos" - ob der zunehmenden Ordnung nicht zugleich auch der Bedarf entfällt, kreativ und ständig aufs neue herausgefordert zu sein. Alzheimer und Co. werden durch Ordnungssysteme sicherlich gefördert. Wer erinnert sich eigentlich noch an die Telefonnummer seines Nachbarn, oder die der Verwandtschaft zweiten Grades?
3-plus-1 20.01.2015
4.
Nur wer ordnet und sortiert macht sich auch Gedanken und kommt zu weilen zu der Entscheidung auch Dinge loszuwerden. Die Ordnungablehner sind dagegen die Messies, die sich keine Gedanken machen wollen und dann zunächst ihren Keller und danach ihren Lebensraum zumüllen und -stellen und sich selbst folglich in ihrem Bewegungsraum einschränken.
Spon Bob 20.01.2015
5. Ordnung oder Struktur?
Ist es nicht des Menschen Willen sich selbst zu definieren? Wie soll dies aber geschehen, wenn man die eigene Struktur verrät und sich den Gegebenheiten des Designs unterwirft? Das Individuum degeneriert! Und Ordnung ist nicht als Befreier zu verstehen! Sie engt uns ein und verschiebt die Grenzen der Freiheit auf ein Minimum. Kreativität entsteht nicht aus bestehenden Mustern, sie entsteht meist aus dem Zufall, dem Chaos. Nur dies ermöglicht uns ein Denken über die Grenzen hinaus. Da ich an keinen Gott glaube, so scheint es mir, dass das Chaos die einzige "göttliche" Instanz darstellt, die uns Menschen überhaupt hat entstehen lassen!
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