Modeschöpfer Azzedine Alaïa Der Meisterschneider

Azzedine Alaïa machte Kleider wie aus Stein gemeißelt, die doch saßen wie eine zweite Haut. Eine Schau in London zeigt, wie aus dem Bauernsohn einer der letzten großen Couturiers unserer Zeit wurde.

Arthur Elgort

Wie um alles in der Welt hat er das gemacht? An dem langen schwarzen Plisseerock reiht sich eine Falte an die andere, so fein gelegt, dass es fast schon ans Groteske grenzt. Ein paar Schritte weiter wird Leder in einer Art und Weise eingesetzt, wie es die Modewelt bis dato noch nie zuvor gesehen hatte: mit Wasserdampf geschmeidig gemacht und hauchzart aufgefächert an der Schulter eines lachsfarbenen Lederkleids, so als sei es Chiffon. Mit jedem seiner Entwürfe legte der französische Modemacher Azzedine Alaïa die Messlatte höher. So zieht sich vor allem diese eine Frage wie ein roter Faden durch den Ausstellungsparcours im Londoner Design Museum: Wie ist das möglich?

Eine Antwort liefert die Schau leider nicht für jedes der 60 Exponate. Mehr als um Arbeitsprozesse geht es in "Azzedine Alaïa: The Couturier" um die Entwicklung eines Bauernsohns aus Tunesien zu einem der letzten großen Modeschöpfer unserer Zeit. Sehenswert ist die Ausstellung trotzdem. Hier wird gestaunt, bewundert und studiert - von einem Publikum, das weitaus vielfältiger ist als der Kreis jener Frauen, die sich tatsächlich eine dieser Kreationen auf den Leib schneidern lassen konnten. Die Strahlkraft von Alaïas Kleidern wirkt eben ungebrochen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Ethnie, Geldbeutel und Statur der Menschen.

Der im November 2017 verstorbene Modedesigner hat die Ausstellung noch selbst mitkuratiert. Das war typisch für ihn: Er behielt bis zum Schluss die Kontrolle über seine Arbeit. Alle Entwürfe schneiderte und drapierte er eigenhändig. Er verzichtete auf Werbung, machte sich nie gemein mit der Modeindustrie und ihren stetig schneller rasenden Zyklen - und wurde von ihr genau dafür verehrt. Seine Kollektionen präsentierte er, wenn sie fertig waren, nicht wenn der Pariser Schauenkalender es vorsah. Die "New York Times" titelte zu seinem Tod: "Der unabhängigste Modedesigner der Welt ist mit 82 Jahren gestorben."

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Mode aus dem Maison Alaïa: "Dramatisch, aber nie theatralisch"

Mode und ihre Schöpfer werden aktuell von vielen Ausstellungsmachern als Sujet entdeckt, doch für Azzedine Alaïa war das nichts Neues: Schon 1996 hatte er seine erste Retrospektive im prächtigen Palazzo Corsini in Florenz, zusammengestellt von der damaligen "Vogue Italia"-Chefredakteurin Carla Sozzani. Ausstellungen im New Yorker Guggenheim oder später in der Galleria Borghese in Rom folgten - Letztere zeigte zum ersten Mal Mode zwischen Ölgemälden und Statuen der großen Meister, zwischen Caravaggio und Canova - die richtige Umgebung für die skulpturalen Roben Alaïas, der eigentlich Bildhauer werden wollte.

Ab 1950 besuchte er die Kunsthochschule in seiner Geburtsstadt Tunis. Damals war er 15. Um angenommen zu werden, schwindelte er bei seinem Alter. Nebenbei nähte er zum Geldverdienst - und so gut, dass daraus sein Beruf wurde. Als Schneider der Comtesse de Blégiers gelangte er in die Pariser Oberschicht, die seine Kleider liebte. Greta Garbo, Marlene Dietrich und Cécile de Rothschild gehörten zu seinen Kundinnen.

Die Branche wechselte, aber Künstler und Kunstschaffende umgaben ihn Zeit seines Lebens. Mit Maler Christoph von Weyhe, den die Pressemappe als "life-long partner" ausgibt, teilte er alle Aspekte seiner Arbeit - ideell und ästhetisch inspirierten sich beide gegenseitig, aber auch organisatorisch war Weyhe involviert, beispielsweise beim 1981 gegründete Maison Alaïa.

Für die aktuelle Ausstellung malte Weyhe Goauchen von Azzedine Alaïas Entwürfen. Sie hängen nun wie ein persönliches Lebewohl zwischen den Kollektionen, die im besten Sinne des Wortes aus der Zeit gefallen sind: 1989, 1997, 2016 - ihr Entstehungsjahr sieht man den einzelnen Kleidern, Jacken und Mänteln selten an.

"King of Cling"

Klar, in den Achtzigern war mehr Stretch - und nirgendwo mehr als bei Alaïa, was ihm den Spitznamen "König des Stretches" einbrachte - doch mehr als solche Phänomene wirkt der Gesamteindruck: Die Finesse mit der er Materialien dehnbar machte und Kleider wie Skulpturen meißelte, seine Experimente mit Leder, Nieten und immer wieder Reißverschlüssen. Roben, die sich gar nicht unbedingt, wie oft schwärmerisch behauptet, einer gängigen Vorstellung von Schönheit unterwerfen müssen. Die Kleider aus seiner letzten Kollektion strahlen auf ihren Spiegelsockeln durchaus düstere Faszination aus.

Bei so viel Liebe zum kleinsten Nadelstich fällt umso schneller auf, was Alaïas Perfektionismus nicht genügt hätte: Manches Atelier-Bild von Fotograf Richard Wentworth ist so verpixelt, als würde es sich um einen billigen Computerausdruck handeln. An den Videostationen versagt manchmal die Akustik. Wenn sie funktioniert, hören die Besucher einstige Wegbegleiter und befreundete Designer schwärmen. Andere Clips zeigen den Meister beim Kochen in seiner Wohnung im Pariser Marais, wo er am liebsten mit seinem Freundeskreis aus Supermodels, Promis und Künstlern speiste.

"Er war ein lebendiger und großzügiger Gastgeber, wie ein Zirkusdirektor, der immer dafür sorgte, dass jeder glücklich und zufrieden war, " erinnert sich Designer Konstantin Grcic im Begleitheft - und fasst dessen außergewöhnliche Gabe so zusammen: "Azzedine Alaïa hatte einen dreidimensionalen Blick und die magische Verknüpfung von den Augen zum Gehirn zu den Händen."


"Azzedine Alaïa: The Couturier" bis zum 7. Oktober im Londoner Design Museum.

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