Leben in London Brutaler Wohnen

Das Barbican Estate in London ist eine Stadt in der Stadt - 4000 Menschen leben in dem Gebäudekomplex. Ein Fotograf zeigt, wie die Bewohner sich in den lebensfeindlich wirkenden Bauten ein Heim schaffen.

Anton Rodriguez/ VSCO Artist Initiative

Das Barbican macht es einem nicht leicht. Wenn man sich von der Moorgate Underground Station kommend nähert und nicht so recht weiß, was genau man sucht und einfach läuft, immer weiter, dann neigt dieser Gebäudekoloss dazu, einen zu verschlucken.

Man findet sich plötzlich in seinem Bauch wieder, zwischen der Haustechnik, den Müllräumen, den Garagen, wo es stinkt und lärmt. Und wenn man wieder hinausgefunden hat, und es regnet und sich das London-Grau und das bräunliche Barbican-Betongrau vermengen, dann begreift man, warum es Menschen gibt, die dem Architekturstil des Brutalismus im Allgemeinen und dem Barbican im Besondern ablehnend gegenüberstehen.

Diejenigen verstehen auch nicht, warum der in den Sechzigern und Siebzigern erbaute Komplex in den Neunzigerjahren unter Denkmalschutz gestellt worden ist oder dass jemand bis zu 600.000 Pfund - das ist selbst für Londoner Verhältnisse nicht günstig - für eine Einzimmerwohnung dort ausgibt. Die Preise für Penthouse-Wohnungen bewegen sich durch die Bank im siebenstelligen Bereich.

Auch der Fotograf Anton Rodriguez hatte anfangs keinerlei Interesse an dem Koloss. Eher war es die Beschreibung der Wohnung - guter Zustand, ordentlicher Schnitt, Lage - die ihn, frisch aus Liverpool in die Hauptstadt gezogen, zur Besichtigung trieb. Was ihn überzeugte, war am Ende aber nicht der Schnitt, auch nicht die brutalistische Architektur mit ihrer groben, geometrischen Formensprache oder die Tatsache, dass eine Wohnung im Barbican Statuswert besitzt. "Es war das Licht", sagt er knapp. "Ich bin Fotograf. Und das Licht in dieser Wohnung war so wunderbar, dass ich bleiben wollte."

Barbican-Wohnanlage: "Ein bisschen wie in einer Kleinstadt"
Corbis

Barbican-Wohnanlage: "Ein bisschen wie in einer Kleinstadt"

In den Folgejahren lernte Rodriguez auch die Umgebung zu schätzen. Stellte fest, dass im Rohen des Barbican eine eigene Schönheit liegt. Entdeckte Lieblingsplätze, etwa in dem großen, sich über zahlreiche Ebenen erstreckenden Innenhofbereich mit seinen Gärten und Wasserspielen. Und: "Die Vorstellung der Gemeinschaft, die dort herrscht, hat mir immer besser gefallen. Das Barbican ist in einzelne Blocks eingeteilt, die eigene Namen haben. Man lebt ein bisschen wie in einer Kleinstadt. Die Nachbarn, mit denen ich meinen Gang teile, sehe ich beinahe jeden Tag."

Nach einer Weile begann er, sich für die anderen Menschen zu interessieren. Die, die in den Wohntürmen lebten oder - auch das gibt es im Barbican - in den Reihenhäusern von Brandon Mews, einer kleinen Anlage, die versteckt im hintersten Winkel des Estate liegt. Schließlich hinterlegte er eine digitale Notiz im hauseigenen Intranet und platzierte einige Postkarten in den Geschäften des Komplexes. Mit der "VSCO Artist Initiative", einem Funding-Projekt der gleichnamigen Photo-App, fand er einen Sponsor und legte los.

14 Bewohner-Porträts gibt es bisher zu sehen, interessant ist die enorme Bandbreite der Serie. Natürlich sind viele derer, die Lust hatten, sich und ihre Wohnung zu präsentieren, im weitesten Sinne vom Fach: Architekten, Designer, Journalisten, Buchhändler. Aber eben auch Banker, Lehrer und Synchronsprecher. "Die kreative Klasse hat das Barbican in den letzten zehn Jahren für sich entdeckt", erzählt Rodriguez.

Erforschen, wie die Londoner wohnen

Er habe sich aber vor allem gefreut, wenn jemand ihm Zutritt zu seiner Wohnung gestattete, der schon lange im Barbican Centre wohnte. Und in der Tat sind die interessantesten Fotos die, die jenseits der Kreativ-Elite entstanden. Etwa die von Kate Wood, einer alten Dame, die im Februar 1976 ins Barbican zog - in ihrem Komplex war sie eine der ersten Bewohner überhaupt. "Eigentlich verdient sie eine eigene Geschichte", sagt Rodriguez.

Die Fotos unterstreichen das: Der andernorts dominierende Minimalismus wird in Woods Wohnung entspannt genommen; Bücher, Bilder, alte Möbel - bei Kate Wood wird kein Lebensstil, sondern ein Leben erzählt. Ihr Mietvertrag wurde damals noch durch die City Of London Cooperation ausgestellt. Heute sind die meisten der Wohnungen in privater Hand.

Rodriguez plant als nächstes ein Buch mit seinen Bildern. Danach möchte er an ähnlicher Stelle weitermachen. Erforschen, wie die Londoner wohnen. Sehen, wie das Zusammenspiel zwischen Mensch und Architektur woanders funktioniert. Den passenden Ort hat er bereits im Auge. "Das Golden Lane Estate ist nicht so bekannt wie das Barbican, aber auch eine tolle Wohnanlage und stammt ebenfalls von Chamberlin, Powell and Bon - also den gleichen Architekten. Einige Bewohner haben mich bereits eingeladen, bei ihnen vorbeizuschauen. Und das Beste: Es liegt direkt neben dem Barbican Estate."

"Barbican Residents" (Website zum Fotoprojekt)



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