Kunst Beim Barthaar des Propheten

Von Sokrates bis Söder, von Aristoteles bis Justin Bieber - früher trugen Philosophen Bart, heute jeder, der sich für hip hält: Eine Ausstellung in Berlin stutzt jetzt den Blick auf die Bartmode zurecht.

Corbis

Was für ein Gedanke: Der Deutsche Ethikrat will ein neues Mitglied wählen. Der Kandidat hat zwar erstklassige Referenzen, aber, hm, Probleme mit dem Bartwuchs. Ein Ausschlusskriterium.

Echt wahr, so lief das früher zu Zeiten Marc Aurels in Athen: Philosophen ohne Gesichtshaar hatten keine Chance. Der Bart stand für alte Sitten, tradiertes Wissen - und die Überzeugung, nicht in den Lauf der Natur einzugreifen. Die Stoiker waren bekannt dafür, alles wild wachsen zu lassen, die Peripatetiker pflegten sich wenigstens. Man muss nur durch eine beliebige Antikensammlung schlendern, es ist unübersehbar: Aristoteles, Platon, Sokrates, Epiktet, alle tragen Vollbart.

Wir haben heute Justin Biebers Flaum. Und Markus Söders' Urlaubsstoppel.

Eben jener Clash war Ursprung der neuen Ausstellung "Bart. Zwischen Natur und Rasur" im Berliner "Neuen Museum", bekannt für Nofretete, Werke aus der Frühgeschichte und Antike. "Unser Fokus war der Bart als Zeichen und Kommunikationsmittel", sagt Sarah Wassermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Museumsforschung, die zusammen mit fast zwei Dutzend Kollegen aus verschiedenen Hauptstadtsammlungen die amüsante Schau über 5000 Jahre Gesichtshaartrends kuratiert hat; inklusive Rasierinstrumenten aus der Bronzezeit, die aber eher nach Mordwerkzeugen aussehen.

Inspiration der Macher war tatsächlich der Alltag: Die Bartdichte bei 20- bis 40-Jährigen in bestimmten Bezirken ist einfach nicht zu übersehen. "Wir befragten auch Museumsmitarbeiter", so Wassermann. "Einige sagten, ihr Bart sei aus Bequemlichkeit entstanden", sie seien froh, sich aufgrund der aktuellen Mode nicht so häufig rasieren zu müssen.

"Früher haben sich Bürger an den Bärten der Herrscher orientiert"

Und alles nur wegen David Beckhams Entscheidung, sich nicht mehr zu rasieren. Die Schau rückt mit Büsten von Agamemnon, Martin Luther und ein paar Propheten die Perspektive zurecht - in einer Zeit, in der ganze Wirtschaftszweige neu entstanden sind, von Barbierstudios, Bartpflegemitteln bis zu millimetergenauen Trimmanleitungen der Kosmetikindustrie. Und einige sich sogar zu selbstironischen Fotoserien oder Apps hinreißen lassen. "Wir wollten zeigen: So außergewöhnlich ist die Bartmode heute gar nicht", sagt Wassermann. "Es gibt immer wieder Phasen, in denen er in Mode ist."

Ein Indiz für glatt rasiert oder haarig sind aktuelle Machtverhältnisse - kurz: Wer heute ein Hitlerbärtchen trägt, zeigt, wes Geistes Kind er ist. "Früher haben sich Bürger an den Bärten der Herrscher orientiert", sagt Kuratorin Wassermann und meint damit alle, Kaiser, Päpste, Christus. "Heute sind eher Sportler und Schauspieler Vorbilder." Alexander der Große hingegen, seinerzeit der Allererste, der sich quasi nackig an die Spitze einer Bewegung stellte, fackelte nicht lange: Er zwang seine Soldaten zur Rasur - aus Sicherheitsgründen. Ohne Haare, so seine Strategie, lasse sich besser kämpfen.

Bart als schambesetztes Gender-Tabu

Aber jenseits all der Hipster-Allüren, stutzt die Schau nebenher zum Glück auch ein gängiges Vorurteil zurecht: Sie zeigt bärtige Frauen. Und zwar nicht nur Conchita Wurst, die Pharaonin Hatschepsut mit ihrem künstlichen phallischen Herrscherbart oder jene Frauen, die jahrhundertelang als Zirkusattraktion neben siamesischen Zwillingen posieren mussten. Nein, die Schau im "Neuen Museum" rührt an ein schambesetztes Gender-Tabu: Bartwuchs ist so strikt männlich konnotiert, dass die meisten Frauen, denen an Kinn und Oberlippe Haare wachsen, lieber alles wegzupfen, wegwachsen, statt es wuchern zu lassen. Aber, so Wassermanns Beobachtung, im Zuge der wachsenden feministischenSelbstbehauptung ändere sich das Rollenmuster gerade.

Auch wenn die Ausstellung betont, dass ein Bart von Typen wie Karl Marx, dem Bildhauer Auguste Rodin oder Salvador Dalí mit seinen Lakritzschnüren auch immer als Geste der Abgrenzung verstanden worden sei, so ist das derzeit kaum vorstellbar. Was auf den Großstadtstraßen herrscht, ist höchstens die Uniformität des Individuellen.

Vielleicht ändert die schneidige Idee von Zar Peter dem Großen was am Status quo: Er führte um 1700 eine Bartsteuer ein. Wer sich nicht rasierte, musste zahlen - und bekam als Quittung eine Bartkopeke. Wer ohne erwischt wurde, wurde stante pede zwangsbarbiert. Die Rasur, sie stand für zivilisatorischen Fortschritt.

Schon allein darum würde sich das momentan lohnen. Na, Herr Schäuble?


Die Ausstellung: "Bart. Zwischen Natur und Rasur",Neues Museum, Berlin, noch bis 28.2.2016.



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