Berlin Fashion Week Jeans zum Schreddern und Mieten

Noch nie waren so viele Labels bei den Eco-Fashion-Messen in Berlin. Die Branche wächst: mit Kleidung aus recycelter Baumwolle, Algen und Plastikmüll.

Carolin Wahnbaeck

Von Carolin Wahnbaeck


Elektro-Hip-Hop hämmert durch die dunkle Halle, das Publikum versinkt im Schwarz. Dann fällt grelles Licht auf den Laufsteg, aus dem Dunkel stakst das erste Model auf den Catwalk der Öko-Modenschau "Ethical Fashion on Stage". Enge Jeans an dünnen Beinen, hohe Hacken, leerer Blick: Wer erwartet hatte, dass die Models bei "grünen" Catwalks ungeschminkt, gesund und natürlich aussehen, hat sich geirrt. Die Mode, die sie tragen, ist es aber umso mehr.

So zum Beispiel die Jeans von Mud, einem niederländischen Öko-Jeanslabel. Die öko-faire Jeans kann man kaufen - oder leasen, für 7,50 Euro im Monat. Ein, zwei Monate tragen - und bevor sie zum langweiligen Schrankhüter wird, bringt man sie zum Hersteller zurück. Je nach Zustand vermietet Mud die Jeans entweder weiter, repariert sie oder - wenn gar nichts mehr zu machen ist - schreddert sie. Aus den Recycling-Jeans-Fasern macht das Label neue Strick-Sweaters. "Wir träumen von einer Welt ohne Müll. Deswegen leasen und recyceln wir Jeans. Wir wollen die Stoffe im Kreislauf halten, statt sie wegzuschmeißen," sagt Petra Wentholt von Mud-Jeans.

"Kreislaufwirtschaft" ist eins der Top-Themen auf den Öko-Messen der Berlin Fashion Week. Denn: Neue Fasern verbrauchen zu viele Ressourcen. Weltweit werden Wasser und Anbauflächen für neue Baumwolle knapp. Kunstfasern verschlingen Erdöl und viel Energie. Recycling statt neuer Fasern zeichnet daher viele Kollektionen der 166 Labels auf der "Ethical Fashion Show" für grüne Alltagsmode und dem "Greenshowroom" für nachhaltige Luxuslabels aus.

Noch nie waren so viele Labels dabei. Durch die Gänge schieben sich bärtige Mode-Blogger in engen Hosen und weiten Jacken. Die Grünen-Politikerinnen Renate Künast und Katrin Göring-Eckardt binden sich nachhaltige Krawatten um. Ladenbesitzer bestellen Sneakers aus Kork-Abfällen, Taschen aus Kokos-Resten, T-Shirts aus holzbasierten Fasern, Hemden aus Biobaumwolle und Unterwäsche aus Algen. Idealismus zeichnet die Branche aus - und treibt sie an, immer neue Alternativen zu Baumwolle und Polyester zu finden.

"Vegane Seide" aus eingeschmolzenen PET-Flaschen

Und scheint damit einen Nerv zu treffen: Die Eco-Fashion-Branche wächst - gegen den insgesamt schrumpfenden Modetrend. Zwar gibt es noch keine umfassenden Marktdaten für die grüne Mode, aber die Zahlen des streng ökologischen Textilsiegels IVN Best geben Hinweise: Während der konventionelle Modehandel seit Jahren um zwei Prozent jährlich schrumpft, haben die Kleidungshersteller mit IVN-Best-Siegel um fünf Prozent zugelegt.

An dem positiven Trend ändern auch gelegentliche Konkurse wie aktuell der von Kuyichi nichts: Der niederländische Öko-Jeans-Hersteller musste am 19. Januar den Betrieb einstellen. Die ehrgeizige Wachstumsstrategie war nicht aufgegangen, das Unternehmen konnte den Schuldenberg nicht mehr stemmen.

Jan'n June ist dagegen eins der kleinen, aufstrebenden Labels. Den Recycling-Gedanken haben die jungen Gründerinnen Juliana Holtzheimer und Anna Bronowski fest in der DNA ihrer feinen Alltagsmode-Kollektion integriert. Holtzheimer hält einen fließenden, seidenweichen Jumpsuit in dunklem Petrol hoch - hergestellt aus PET-Flaschen. Die werden eingeschmolzen, zu neuen Kunstfasern gezogen und in Italien zu "veganer Seide" gestrickt, zertifiziert nach dem "Global Recycling Standard". Jan'n June lässt in Polen produzieren, die Produktionswege sind damit kurz. Und wenn der Jumpsuit aus der Mode ist: einfach ins Textilrecycling geben. "Die Bluse kann wieder eingeschmolzen werden," sagt Holtzheimer. Und zwar so oft man will. Das ist der Vorteil der künstlichen Fasern gegenüber Baumwolle oder Wolle. Denn die natürlichen Fasern werden beim Recycling kürzer und verlieren an Qualität.

Besser als Recyceln ist immer noch weniger zu kaufen

Dass die Eco-Fashion-Branche inzwischen etabliert und erwachsen ist, zeigen hochspezialisierte Labels wie LangerChen. Der deutsch-chinesische Jackenhersteller kombiniert natürliche Wolle mit der Funktionalität von Outdoor-Jacken. Dafür haben die Eigentümer Miranda Chen und Philipp Langer gewalkten Wollstoff technologisch aufgerüstet: innen gefüttert mit Biobaumwolle, dazwischen eine PU-Membran geklebt. Das Ergebnis ist winddicht, atmungsaktiv und trägt sich weich und warm wie Wolle. Außerdem kommt der Stoff ohne schädliche Chemie aus - anders als die meisten klassischen Outdoor-Jacken. LangerChen verlässt sich dabei nicht auf ein Netz von undurchsichtigen Zulieferern, sondern produziert in seiner eigenen Fabrik in China ökologisch korrekt und zu fairen Löhnen. Nur Recycling-Wolle verwendet er nicht - mit Absicht. "Die Qualität reicht nicht. Ich will Jacken machen, die lange halten," sagt Langer.

Denn bei dem Hype ums Recycling gerät leicht außer Acht: Besser als Recyceln ist immer noch, weniger und dafür hochwertige Sachen zu kaufen, die lange halten. Wenn die Dinge kaputt oder aus der Mode gehen: reparieren oder wiederverwenden. Erst danach kommt das Recycling. Aber besser als die Mülltonne ist es allemal - denn da landen auch in Deutschland noch immer etwa vier von fünf Kleidungsstücken.



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territrades 20.01.2016
1. Entschleunigte Mode
Eigentlich sehe ich in den Kaufhäusern nur einen einzigen permanten Schlussverkauf, weil gerade die Frühjahrs-/Sommer-/Herbst-/Winterkollektion frisch reingekommen ist und die alte raus muss. Wie wäre es stattdessen die Lebensdauer der Kollektionen in Jahrzehnten statt in Monaten zu rechnen? Wenn nach drei Jahren mein Lieblingshemd kaputt ist würde ich gerne in den Laden gehen und mir genau das gleiche Stück noch einmal kaufen.
Jana_Richter 22.01.2016
2. super Sache!
Eco Fashion wie sie zb auch Anne Gorke zeigt, finde ich sehr gut.
easyrider52 25.01.2016
3. Eco-Fashion, geile Idee !
Ich finde die Kleidung in Eco Fashion Style einfach eine gute Idee, wenn ich ehrlich bin. Die Outdoor Jacken, vom Label LangerChen, wie im Artikel beschrieben, wo gibt´s die denn in Deutschland zu kaufen ? ich wollte meiner Frau mal so eine Outdoor Jacke bzw. so ein Art Winterparka kaufen...hat einer eine Idee ?
sternenhimmel55 26.01.2016
4. Da gibt´s ein paar Möglichkeiten
Zitat von easyrider52Ich finde die Kleidung in Eco Fashion Style einfach eine gute Idee, wenn ich ehrlich bin. Die Outdoor Jacken, vom Label LangerChen, wie im Artikel beschrieben, wo gibt´s die denn in Deutschland zu kaufen ? ich wollte meiner Frau mal so eine Outdoor Jacke bzw. so ein Art Winterparka kaufen...hat einer eine Idee ?
Ein paar Möglichkeiten gibt´s da, glaube ich, wenn Sie für den Winter eine Outdoor Jacke suchen im Eco Fashion Style, dann würde ich Ihnen empfehlen einfach mal im Internet nachzugucken. Auf Anhieb fällt mir da avocadostore.de (Link:https://www.avocadostore.de/) ein, oder vielleicht auch bei winterparka-damen.de, ist aber mehr eine Suchhilfe, aber trotzdem nützlich wenn es um alle Arten von Winterjacken geht (hier der Link: http://winterparka-damen.de). Ansonsten fällt mir da spontan auch nichts weiter ein. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig weiterhelfen.
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