Große Oberweite "Unkontrollierte kinetische Schwungmasse"

Fremde fühlen sich von Annika Line Trosts großen Brüsten entweder bedroht - oder herzlich eingeladen. Über ihr Leben mit BH-Größe 75F hat die Berliner Musikerin nun ein Buch geschrieben.

Ein Interview von Jenny Hoch

Fischer Verlag/ Hadley Hudson

Zur Person
Als großbusige Hälfte des Elektropunk-Duos Cobra Killer goss Annika Line Trost sich bei Auftritten Rotwein über den Kopf und tat auch als Solo-Künstlerin einiges, um von ihrer Körbchengröße 75F abzulenken. Da man sein schweres Schicksal leichter trägt, wenn man es teilt, schrieb die 38-Jährige die Geschichte ihrer Oberweite auf. Herausgekommen ist "75F - ein Buch über wahre Größe".
SPIEGEL ONLINE: Frau Trost, wie viele Synonyme für die weibliche Brust kennen Sie?

Trost: Dutzende. Das geht von Airbags über Möppler bis zu Vulkanen und Zitzen. Wobei ein und derselbe Begriff schmeicheln oder verletzten kann. Es kommt immer darauf an, wie er verwendet wird und von wem.

SPIEGEL ONLINE: Was geht gar nicht?

Trost: Beutel und Tüten. Alles, was hohl klingt. Als wären Brüste ein Gefäß, das fremde Menschen befüllen können.

SPIEGEL ONLINE: Früher hatten Sie Körbchengröße 75F, das waren...

Trost: ...Monstertitten, sprechen Sie es ruhig aus. Meine Brüste waren so groß wie zwei Honigmelonen und so schwer wie vier Hefeweizen. Betrat ich ein Restaurant, verstummten die Gespräche und alles schwieg in Richtung Ausschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Wer glotzt mehr, Männer oder Frauen?

Trost: Beide gleich. Die Reaktionen der Männer sind allerdings geräuschlastiger. Sie grunzen, johlen, brummen und zischen. Frauen dagegen lachen irritiert und fangen an, laut zu tuscheln, dass das ja schon nicht mehr schön sei und außerdem frauenfeindlich. So eine Brust ist ja sehr nah am Herzen gebaut, vielleicht reagieren die Leute deswegen so emotional.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das typische Vorurteil?

Trost: Dass eine Frau mit großen Brüsten oberflächlich ist. Nach dem Motto: Eine Frau, die nicht flach ist, kann keine Tiefe haben. Die Leute vergessen, dass da ein Mensch dranhängt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Tarnung, wenn Sie mal nicht auffallen wollen?

Trost: Ein schwarzer Ledermantel, den man zuschnüren kann. Er wirkt wie eine dicke Schicht zwischen mir und der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es, die Klamotten ein paar Nummern zu groß zu kaufen?

Trost: Das ist eine Zwickmühle, denn man sieht darin aus wie schwanger: einfach nur dick. Bei einer großen Oberweite ist es wichtig, die schmaleren Parts zu betonen, die Taille zum Beispiel. Schwarz ist cool und trägt nicht auf. Allerdings wurde das bei mir oft in Richtung Domina interpretiert. Und wenn man mit 75F einen Ausschnitt trägt, fühlen sich manche davon bedroht und andere etwas zu herzlich eingeladen. Schade, denn Mode sollte Ausdruck der inneren Haltung sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Einschränkungen gibt es noch?

Trost: Als Kind bin ich gerne gejoggt, das ging nicht mehr, als mein Busen gewachsen ist. Seitdem mache ich kaum noch Sport, und ich verpasse den Bus aus Prinzip. Ich müsste meine Brüste sonst beim Rennen mit beiden Händen festhalten.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich können es Mädchen in der Pubertät ja kaum erwarten, einen Busen zu kriegen, wie war das bei Ihnen?

Trost: Ich hatte eine Zahnspange, eine Brille und Einlagen für die Schuhe. Mit zehn Jahren hat mir der Kinderarzt dann auch noch einen BH verordnet. Der Busen wuchs so schnell, er musste gestützt werden. Ich brauchte jeden Morgen eine Dreiviertelstunde, um das Teil anzuziehen, weil ich mich immer verheddert habe. Das reinste Folterinstrument.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihre Brüste besonders sind?

Trost: Ich war elf und stand mit einem Alf-T-Shirt, das meine Mutter mir geschenkt hatte, an der Bushaltestelle. Leider war es durchsichtig. Ein Typ hörte gar nicht mehr auf zu glotzen. Ich konnte seinen Blick noch nicht einordnen. Ich dachte, der Mann sei ein Zombie, so wie in den Filmen, die mein großer Bruder schaute.

SPIEGEL ONLINE: Später wurden Sie Punk. Wie machten sich die Brüste beim Pogen?

Trost: Das war unkontrollierte kinetische Schwungmasse. Man will sich beim Tanzen ja vergessen, allerdings wurden die Leute erst recht auf mich aufmerksam. Aber nicht, weil ich so krass war, sondern weil meine Brüste so krass waren. Aus Pogo wurde Gogo.

SPIEGEL ONLINE: Sie bekamen jede Menge Angebote vom Film oder von Aktfotografen.

Trost: Ja, ich sollte eine lesbische Nazi-Krankenschwester spielen und wurde als menschliche Melone fotografiert. Ich werde heute oft gefragt, ob ich keinen Hass entwickelt habe. Auf die Männer, auf die Menschheit. Aber ich habe mir meinen Humor nicht nehmen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich zu Rendezvous am liebsten in Fußballkneipen verabredet?

Trost: Ein Ball ist immer interessanter als zwei. Ich wusste, dass die Augen der anderen Gäste am Fernseher kleben würden und wir ungestört sein konnten. Die Neunziger waren das Jahrzehnt der Ironie, es war cool, sich in so einer Kneipe zu treffen. Für mich war es reiner Pragmatismus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher als Türsteherin gearbeitet. Standen die Leute Ihretwegen Schlange?

Trost: Das war ein HipHop-Klub, die Rapper fuhren auf Hintern ab. Brüste waren für die ein anderer Code, sie standen für Mütterlichkeit. Die harten Jungs haben sich an meiner Schulter ausgeheult.

SPIEGEL ONLINE: Heute leben wir im Zeitalter des Hinterns, siehe Kim Kardashian.

Trost: Ich weiß nicht, ob Brüste jemals out sein können. Aber es stimmt, es hat sich einiges verändert. In den Neunzigern wollte niemand einen zu großen Hintern. Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Frauen zeigen, was sie haben. Egal, was.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Feministin?

Trost: Ich finde es absurd, wenn junge Frauen heute sagen, sie seien keine Feministinnen. Wie soll das gehen? Allerdings bin ich für einen Feminismus, der Sex nicht ausschließt.

SPIEGEL ONLINE: Sex ist wahrscheinlich das Erste, woran die Leute denken, wenn sie große Brüste sehen.

Trost: Das ist so ein Steinzeitding, nehme ich an.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich Ihre Oberweite nie weggewünscht?

Trost: Schon, aber ich habe nie darüber nachgedacht, sie verkleinern zu lassen. Das ist eine blutrünstige Sache, die Brustwarzen werden rausgeschnitten, alles muss neu zusammengenäht werden. Ich habe nicht eingesehen, dass etwas, das zu mir gehört, weg soll, nur weil es groß ist.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal verändert sich ja auch die Größe der Oberweite mit den Jahren.

Trost: Genau. Nach dem Stillen meiner zwei Söhne ist sie schon kleiner geworden. Für viele Mütter ist das ein schlimmer Effekt, für mich ist es großartig, weil die Pneumatik raus ist. Inzwischen kann ich normale Konfektion tragen. Und die Frauen gucken mir jetzt auf die Schuhe.

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
01099 20.05.2015
1.
Muss denn auf dieser Welt jeder Mensch ein Buch schreiben..? Noch dazu über so etwas Banales wie die eigenen Brüste. Was ist denn der Anspruch dahinter? Lebenshilfe, die keiner eingefordert hat oder ein verstecktes, narzisstisches Bedürfnis, sich Öffentlichkeit zu schaffen? Das ist doch Pillepalle-Literatur, die in einem halben Jahr für 99ct auf dem Wühltisch landet.
dodgerone 20.05.2015
2.
Grosse Brüste sind schön, daran gibts kaum etwas zu deuteln. Aber einen Menschen darauf zu reduzieren bzw. mit Klischees zu beladen sollte Tabu sein. Aber ganz ohne Sexismus gehts wohl auch heute noch nicht. Schade!
Will_Fry 20.05.2015
3.
ok, und um was geht es nun in dem Buch?
Pixopax 20.05.2015
4. Ochherrje..
Es gibt viele Frauen die 75 F haben, so ungewöhnlich ist das nun auch wieder nicht. So wie 70 G und 65 H ist das nicht so wahnsinnig selten. Klar ist es nicht immer leicht, aber kein Weltuntergang. Und wenn sie als Mädchen eine Dreiviertelstunde gebraucht hat einen BH anzuziehen, wird sie gleich sehr unglaubwürdig, so etwas erledigt jede Frau in Sekunden.
glen13 20.05.2015
5.
Schön, dass Sie Bilder ausgewählt haben, auf denen man keine großen Brüste sieht.
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