Bildband "Archiflop" Was hat dich bloß so ruiniert?

Öde Hotelbaustellen, marode Vergnügungsparks, leere Retortenstädte: Der Bildband "Archiflop" plädiert dafür, moderne Ruinen stehen zu lassen - als Denkmäler des architektonischen Scheiterns.

Jauder Ho/ Getty Images

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Wahrscheinlich ist es nur konsequent, dass ein Italiener einen Bildband über Ruinen schreibt. Allein Rom ist letztlich ja nur eine Geröllhalde für Säulenreste und andere antike Brocken, an jeder Straßenecke stolpert man über Architekturbrösel.

In "Archiflop" hat Alessandro Biamonti, Architekt und Design-Dozent in Mailand, eine Sammlung aus 25 Pleiten-, Pech- und Pannen-Bauten zwischen Pjöngjang, Caracas und Berlin zusammengetragen. Allerdings nichts Antikes - und auch keine Brutalismus-Hässlichkeiten, wie der Titel suggeriert - sondern zeitgenössischen Architekturmüll, der vergessen in der Gegend rumsteht und vor sich hin siecht.

Das Buch ist ein Plädoyer dafür, diese Reste anders wahrzunehmen. Weil sie wie echte Antikenstätte halb Denkmal, halb Mahnmal sein können: für bekloppte Ideen, Ideologien des Unrechts, Megalomania, schlechtes Geschäftsgebaren. In Zeiten von Großbaukrampf wie Stuttgart 21, BER oder die Dakota-Access-Pipeline bei Standing Rock in North Dakota sind derartige Ruinen als Memento erst recht essenziell.

Und so blicken einen vor allem blinde Fenster an, wenn man sich durch den Fotoband blättert. Alles Dokumente städteplanerischen, wirtschaftlichen und politischen Scheiterns. Schauriges wie eine Hotelbaustelle an einer Steilküste bei Neapel, die nach 50 Jahren als Betongerippe dann halt doch gesprengt wurde. Trauriges wie der "Torre David" in Caracas ("Homeland"-Gucker werden sich erinnern an den Ort, an dem Nicholas Brody in Staffel drei eingekerkert war), jene riesige Bauruine, in der Tausende eine Bleibe fanden und die so zum vertikalen Slum wurde.

Absurdes wie das nordkoreanische Pyugyong-Hotel in Nordkorea, an dem seit den Achtzigerjahren gebaut wurde, einem - typisch Diktatur - phallischen Machtprotzbau von 330 Metern, dessen Fassade vor ein paar Jahren ein ägyptischer Telekommunikationskonzern verglasen ließ, Potemkin lässt grüßen.

Kurioses wie das seit zehn Jahren unfertige Retorten-Paris in China, mit pittoresken Fassaden samt Eiffelturm, dessen Häuser jedoch größtenteils leer stehen, weil sie schlicht zu teuer sind; und die als Location nur für einen Zweck gefragt sind: als Hochzeitsfotohintergrund.

Oder Morbides wie der Vergnügungspark "Dreamland" im chinesischen Nara, der 1961 eröffnete, aber seit einem Jahrzehnt pastellfarben dahinrottet - und so überraschende Schönheit wachsen ließ: Die Achterbahn, ein Fahrgeschäft ganz aus Holz, ist längst samtgrün überwuchert. Und somit weiterhin eine Attraktion für Besucher, nur eben im Stillstand.

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Alessandro Biamonti:
Archiflop

Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur

aus dem Italienischen von Ulrike Stopfel

DVA; 192 Seiten; 29,95 Euro

Gerade das Kapitel über Vergnügungsparks, in denen das Vergnügen vorbei ist, zeigt, was so kostbar ist an modernen Ruinen: Sie sind das Gegenteil der glatt gebürsteten Hochglanzfassaden, mit denen Immobilienmakler werben - und eben darum erhaltenswert. Als Memento an eine andere Ära, eine andere Gesellschaftsidee. "Im Allgemeinen tendieren wir dazu, sie zu zerstören oder zu renovieren, in jedem Fall also als Ruinen zu eliminieren", schreibt Biamonti. "Es ist, als wollten wir die Anzeichen eines Misslingens aus unserem Umfeld tilgen."

Es wäre leicht gewesen, diese Flops durch einen Schleier verwunschener Industrieromantik zu zeigen. Biamonti aber konterkariert jede märchenhafte Stimmung, indem er die bloßen Fakten danebenstellt: gebaut dann und dann, abgerissen dann und dann, hat soundsoviele Millionen und Abermillionen verschlungen, dahinter steckte jene oder doch eine andere bekloppte Idee.

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Fotostrecke: Der morbide Charme der Industrie

Es sind Orte, an denen man quasi im Gedächtnisraum einer Epoche herumlaufen kann. Und der Vorteil gegenüber Pompeji oder dem Colosseum ist, dass es leichter fällt, sich in diese Zeiten hineinzuversetzen - einfach weil es Bauten aus den vergangenen Jahrzehnten sind.

Wie groß der Bedarf an dieser Auseinandersetzung ist, zeigt, dass diese verlassenen Orte Touristenziele sind - allein rund um Berlin sind viele dieser runtergerockten Objekte zu Sehenswürdigkeiten geworden: von den Beelitzer Heilstätten über die Abhöranlage der Amerikaner auf dem Berliner Teufelsberg bis zum Spreepark im Plänterwald (der auch im Buch zu sehen ist). Sie alle sind wie ein Geschichtsspeicher - eben weil an ihnen die ganzen Schichten von den hoffnungsvollen Entwürfen bis zur bröckelnden Abnutzung abzulesen sind.

Von daher sei jetzt, 1700 und ein paar zerquetschte Tage seit Nichteröffnung des BER, der Berliner "Flughafen" für eine spätere Neuauflage des Buchs nominiert. Bis dahin organisiert sicher irgendwer Gruseltouren über die Baustelle.

insgesamt 12 Beiträge
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Marvel Master 13.03.2017
1. Ich hätte noch weitere Meisterwerke im Angebot
Zum Bsp das hier: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/uni-lueneburg-eroeffnet-libeskind-protzbau-a-1138328.html Wird sicherlich auch eine moderne Ruine aus einer verkorksten Zeit. Oder diese Beton Kirche die hier bei Spiegel mal vor einiger Zeit vorgestellt wurde. Finde leider den Artikel gerade nicht wieder.
Nania 13.03.2017
2.
Zitat von Marvel MasterZum Bsp das hier: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/uni-lueneburg-eroeffnet-libeskind-protzbau-a-1138328.html Wird sicherlich auch eine moderne Ruine aus einer verkorksten Zeit. Oder diese Beton Kirche die hier bei Spiegel mal vor einiger Zeit vorgestellt wurde. Finde leider den Artikel gerade nicht wieder.
Ich finde das Gebäude sehr ansehnlich und besser als diese 70er-80er-Jahre-Standard-Hörsaalbauten, die andere Universitäten so schön verschandeln. Dann am besten auch aus Beton und in ein paar Jahren völlig verdreckt. Da fühlt man sich wohl... Der Bau in Lüneburg ist zu teuer gewesen, der Ansicht kann man sein. Aber hässlich oder in eine Linie zu stellen mit den Lost Places, die hier im Buch vorgestellt werden, ist wohl nicht angebracht. Außerdem wäre es mal sinnvoll, sich mit Lost Places an sich zu beschäftigen. Viele dieser Gebäude gehörten zu Institutionen, die pleite gegangen sind oder sich nicht dauerhaft saniert haben - also irgendwann nicht mehr dem Stand der Technik entsprachen und nicht mehr nachziehen konnten - zumindest ist das bei einigen Lost Places in Deutschland der Fall.
bicyclerepairmen 13.03.2017
3. Der Libeskindbau sieht...
..für mich aus wie die gestrandete Nautilis von Jules Verne. Also hat irgendwas. Ich komme eher mit der Bildausfall nicht zurecht. Was sollen uns die überwucherten Bauten irgendwelcher maroden und Pleite gegangenen Freizeitparks zum Thema Architektur sagen ? Und selbst der angeblich nicht fertige Protzbau vom dicken Kim, sowas findet man auf sicher in Dubai, Baku sonstigen auf Öl gebauten Trabantenstädten....
ruinator 13.03.2017
4. Murphy's Gesetz:
Ein Arzt kann seine Fehler begraben, dem Architekten kann man nur raten Efeu zu pflanzen! :-).
2cv 13.03.2017
5. Ich wäre der erste...
...wenn es eine Möglichkeit gäbe, solche Gebäude in meiner Stadt kostengünstig errichten zu können, oder diese von den Orten preisgünstig nach Deutschland transportieren zu lassen (klar, ist illusorisch), dort einzuziehen. Leider scheitert das aber an den behördlichen Vorgaben. Meist sind in den Architekturzeitungen auch immer kreativ-innovative Entwürfe drin, zumeist aber realisiert durch Architekten (für sich selbst) oder solche Portemonnaies, die weit jenseits vom Budget des "Standard-Häuslebauers" liegen. Schade eigentlich!
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