Fotobuch "Swiss Rebels" Sind die cool, Man!

Außenseiter mit zerzaustem Haar in Leder und Denim: Karlheinz Weinberger hat ab den Fünfzigerjahren Halbstarke fotografiert, die sich nach mehr sehnten als nach Bergen und Kühen. So haben Sie Schweizer vielleicht noch nie gesehen.

Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff

Karlheinz Weinberger macht es einem nicht schwer, sich in die Protagonisten hineinzuversetzen, die er seit den Fünfzigern über Jahrzehnte in der Schweiz porträtiert hat: Jugendliche und junge Erwachsene, die etwas anderes vom Leben erwarten als Berge, Kühe, die Enge des eigenen Kinderzimmers - und die ihre eigene Subkultur zum Beispiel aus US-amerikanischem Rock 'n'Roll adaptierten.

Die Bilder des Fotografen zeigen Rocker, Biker, Bauarbeiter; Lederjacken und selbstgemachte Gürtelschnallen und Embleme, die man nirgendwo zuvor gesehen hat und nirgendwo jemals wieder sehen wird. Außenseiter mit zerzaustem Haar in Leder und Denim. Dass man ihre Geschichte heute überhaupt erzählen kann, ist neben Karlheinz Weinberger dem Göttinger Steidl Verlag zu verdanken, der seine Fotos jetzt unter dem Titel "Swiss Rebels" in anekdotengespickter Buchform herausbringt.

Die Anziehungskraft von Weinbergers Aufnahmen ergibt sich aber nicht allein aus dem Kontrast von Rockern und Aussteigern auf saftigen Wiesen vor Alpenpanorama. Vielmehr gelang es dem 2006 verstorbenen Amateurfotografen, der abgesehen von seiner Arbeit als Fotograf für die Schwulenzeitschrift "Der Kreis" keinerlei karrieretechnisch-künstlerischen Ambitionen hegte, aus seiner eigenen Faszination fürs Sujet eine universelle zu machen.

Allein die Reihe mit den aberwitzig dekorierten Männerschößen ist Glamrock Pur: Wie die Protagonisten selbstbewusst mit ihren überdimensionierten, selbstgefertigten Schmuckstücken vor der Kamera stehen, handgemalter Elvis auf der Gürtelschnalle oder gar ein Hufeisen vorm Gemächt, die Hände hier und da in die Gürtelschlaufen gesteckt, ihr Schoß auf Weinbergers homoerotischen Bildern prominent in den Fokus gerückt.

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Fotostrecke: Schweizer Rebellen

Der Stil jener Halbstarken ist einer aus analogen Zeiten. Nicht einmal Fernsehgeräte waren flächendeckend vorhanden. Die Jugendbewegung wird in der Isolation geboren, in einer eben genuin Schweizerischen Variante. Nostalgisch blickt der Betrachter auf Zeugnisse einer Zeit, in der Do-it-Yourself keine Attitüde, sondern eine Notwendigkeit und die passende Kleidung zum Lebensgefühl in keinem Kaufhaus zu haben war.

Weinberger spürte seine Protagonisten auf Festivals, Volksfesten und Rockertreffen auf und lud die Aussteiger zum Musikhören in seine Wohnung. Die Porträts aus dem improvisierten Studio zeigen junge Halbstarke und Mädchen, nicht immer scharf, manchmal im Lachanfall verwackelt. Weinberger fing sie ein, wie man Digital-Natives-Teenager heute höchst selten zu Gesicht bekommt: Mit einiger Scheu vor der Kamera, zwischen kindlicher Schüchternheit und erwachendem Stolz auf die eigene Szenezugehörigkeit.

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Karlheinz Weinberger:
Swiss Rebels

Steidl Verlag; 240 Seiten; 65 Euro

Dass diese umfassende Dokumentation einer sonst wohl kaum gewürdigten Sub- und Jugendkultur überhaupt öffentlich geworden ist, verdankt sich vielleicht auch dem Zufall: Der hat die richtigen Menschen auf Weinberges Arbeiten aufmerksam gemacht, erst 2000, mit 79 Jahren, kam die erste große Einzelausstellung.

Wer ist dieser Mann, der seine Fotos offenbar nur aus ganz privatem Interesse, aus Faszination für jene Anderen in einer Welt aus Gleichem anfertigte? Der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1986 als Lagerist arbeitete und bis zum Schluss im selben Haus wohnte, in dem er schon seine Kindheit und Jugend verbracht hatte? Der Bildband skizziert einen Fotografen, der in fremde Leben eintauchte, seinen Modellen Treffpunkt und Rückzugsort bot, dabei aber stets Außenstehender blieb.

Vor den Rebellen porträtierte Karlheinz Weinberger Straßenarbeiter mit viel nackter Haut, ebenfalls reichlich homoerotisch aufgeladen. Später bezahlte er einen drogenabhängigen Stricher, den er bei regelmäßigen Treffen in allen nur erdenklichen, oft expliziten Posen ablichtete. Die dabei entstandenen Farbbilder dokumentieren auch den körperlichen Verfall des Mannes. Der berichtete viele Jahre später über die anfangs merkwürdigen, dann vertrauteren Begegnungen mit Karlheinz Weinberger, dem Dokumentar seines Lebens.

Er sei ein "Fotograf für das Ungewöhnliche" stand auf Karlheinz Weinbergers Visitenkarte. Die Publikation im Steidl-Verlag gibt nun erstmals einen tieferen Einblick, wie dieses Ungewöhnliche aussieht.



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