Handtaschen Fest an ihrer Seite

Stil-Klassiker: Birkin oder Kelly? In ihrem Buch "For the Love of Bags" stellt Julia Werner die beliebtesten Handtaschen der vergangenen Jahrzehnte vor und verrät, wie Social Media den Erfolg der Accessoires anfeuert.

Sandra Semburg/ teNeues

Ein Interview von Lisa Srikiow


SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Bildband stellen Sie klassische und ausgefallene Handtaschen vor, zum Beispiel die Kelly Bag und weitere berühmte Modelle von anderen internationalen Labels. Eine hat sogar 2012 ein Urteil des Amtsgerichts Erding provoziert. Warum?

Werner: Richtig, das war die Knuckle Clutch von Alexander McQueen. Der Griff ist einem Schlagring nachempfunden. Die Zollbeamten am Münchner Flughafen beschlagnahmten sie, weil sie dachten, die Tasche könne man als Waffe einsetzen. Die Trägerin klagte und das Gericht stellte fest, dass der Griff tatsächlich nur ein Griff ist. Die Frau erhielt ihre Tasche zurück. Die Knuckle Clutch hat aber nicht nur deswegen für Gesprächsstoff gesorgt, sie war einfach ein aufsehenerregendes Modell.

Zur Person
  • Andreas Ortner
    Julia Werner, Jahrgang 1979, ist Stilkolumnistin der Süddeutschen Zeitung und seit Juli 2015 stellvertretende Chefredakteurin der deutschen Glamour. Werner lebte und arbeitete fünf Jahre in Florenz, dem Zentrum der internationalen Täschnerkunst.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Designer solche Modelle schaffen, um aufzufallen, oder tun es auch klassische Taschen?

Werner: Als Designer denkt man mittlerweile eher darüber nach, wie die Produkte auf einem Foto aussehen werden. Ein gut gemachtes Streetstyle-Foto ist heute genauso wertvoll wie eine durchdachte Werbekampagne - und Bilder einer besonders auffälligen Tasche verbreiten sich viel schneller im Internet. So wird das Modell bekannt und weckt das Interesse der Leute. Vor zwei Jahren kamen beispielsweise die Conversation Bags auf, also surrealistische Taschen, die aussehen wie Cornflakes-Packungen oder Bahnhofsuhren, die schnell auf Twitter, Instagram und Pinterest verbreitet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb ein Kapitel über Taschen geschrieben, die Menschen auf ihren Social-Media-Kanälen bekannt gemacht haben?

Werner: Ja, wir wollten zeigen, welche Taschen da eine besonders große Rolle spielen, zum Beispiel die Modelle der italienischen Designerin Paula Cademartori. Ihre Taschen sind sehr verspielt, sie haben aufwendige Intarsien und Applikationen und fallen auf Fotos einfach auf. Als Streetstyle-Ikonen wie Anna Dello Russo anfingen, Taschen der Designerin zu tragen, wuchs ihre Anhängerschaft auf Instagram rasant.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Bildband sieht man auch, wie faszinierend das Handwerk eines Täschners ist.

Werner: Es war mir wichtig, auch diese Seite zu zeigen. Ich liebe es, wie sich Taschen anfühlen. Dahinter steckt viel Arbeit: Die Kelly Bag von Hermès wird beispielsweise oben an den Kanten mit Wachs versiegelt, der Täschner wiederholt diesen Vorgang wieder und wieder, bis die Oberfläche ganz glatt ist. Es ist faszinierend, dabei zuzusehen. Andere Labels machen das zwar auch, allerdings nicht mit dieser Präzision. Leider geht die Wertschätzung für diese Arbeit immer mehr verloren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Werner: So toll Social Media und Blogs auch sind, oft geht es nur darum, wie Taschen wirken oder aussehen - und nicht, welche Geschichte dahintersteckt. Zum Glück investieren einige Traditionsmodehäuser noch sehr viel in die Ausbildung ihrer Täschner. Sie wissen, dass das Handwerk ihre DNA ist und sie nur so diese hohe Qualität liefern können.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Gewinnspanne solcher Designertaschen?

Werner: Die sind extrem hoch. Material- und Arbeitskosten betragen in vielen Fällen nur einen Bruchteil des Verkaufspreises. Dafür bekommt man aber außergewöhnliches Design - und das hat ja auch seinen Wert. Modehäuser geben außerdem exorbitante Summen für das Marketing aus, das fängt schon bei einer Fashion Show an.

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SPIEGEL ONLINE: Die trapezförmige Kelly Bag mit einem Henkel, die geräumige, lässige Birkin Bag mit zwei Griffen, die kleine quadratische Lady Dior - alles Ikonen dank Frauen wie Grace Kelly, Jane Birkin oder Lady Diana. Werden Taschen nur dank berühmter Persönlichkeiten bekannt?

Werner: Das denke ich schon. Die Kelly Bag wurde bereits in den Dreißigerjahren entworfen, damals interessierte sich noch niemand für sie. Erst als Grace Kelly sie entdeckte, erkannte man ihr Potenzial. Leider betrachten zu viele Menschen Taschen als reines Statussymbol, sie kaufen ein Modell in sämtlichen Farben und bilden sich darauf etwas ein. Das gilt gerade für die Kelly Bag. Dabei sind die besten Trägerinnen diejenigen, die einen solchen Schatz auf dem Flohmarkt finden, ihr Geld dafür zusammenkratzen und sich die Tasche zu eigen machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Werner: Sie kombinieren die Tasche mit ihrer Kleidung und persönlichen Accessoires und hauchen ihr so Leben ein. Das Schöne an diesen Vintage-Taschen ist ja, dass sie schon eine eigene Patina, also Kratzer und Beulen besitzen. Das macht sie einzigartig.

SPIEGEL ONLINE: Kann man ernsthaft eine Kelly Bag auf dem Flohmarkt finden?

Werner: Ich habe mal eine auf einem Flohmarkt in Saint-Tropez entdeckt. Die Verkäuferin wollte 1300 Euro haben - ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass die Vintage-Preise für sie viel höher liegen. Leider hatte ich nicht genug Bargeld dabei.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Lieblingstasche?

Werner: Das ist wohl die Constance von Hermès - eine kleine schlichte Umhängetasche mit einem H als Schnalle. Aber ich denke auch, dass eine schöne Tasche nicht teuer sein muss. Ich habe beispielsweise mehrere Mochilas, bunte Häkeltaschen mit vielen Quasten und Troddeln, die ich gern im Sommer trage. Diese Modelle kommen aus Südamerika, sie sind wunderschön und auch unter hundert Euro zu haben.

insgesamt 4 Beiträge
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beerentraum 22.01.2016
1. Lieber Zeitschrift als Blog
Nennt mich altmodisch, aber ich persönlich kaufe lieber Dinge, die ich in Zeitschriften sah und nicht auf Social Media Plattformen. Bei denen muss man ja auch extrem aufpassen, weil die meisten großen Fashionblogger Kooperation mit gewissen Labels haben und die Mode/Taschen entweder fürs Shooting geborgt bekommen oder sogar geschenkt. Diese Streetstyle Fotos sind im Endeffekt nichts anderes, als billigere Werbung für den Konzern. Da kaufe ich mir lieber eine Zeitschrift, in der entweder gekennzeichnete Werbung drinnen ist wie Vogue oder eine, die so gut wie gar keine Werbung hat wie das Freizeit Extra Trendheft. Da hat man wenigstens Klarheit über die Inhalte und nicht, wie bei Social Medias.
phoenix68 29.04.2017
2. Lieber gar keine Handtasche
Vor Jahren habe ich meine letzte Handtasche weg geworfen. Ausweise, Kreditkarte, Telephon haben alle Platz in Hosen, bzw. Jackentaschen. Haende sind frei, Handtaschenraeuber haben keine Chance - ein neues Lebensgefuehl. Warum nur der Zwang zur Handtasche?
mam71 29.04.2017
3.
Zitat von phoenix68Vor Jahren habe ich meine letzte Handtasche weg geworfen. Ausweise, Kreditkarte, Telephon haben alle Platz in Hosen, bzw. Jackentaschen. Haende sind frei, Handtaschenraeuber haben keine Chance - ein neues Lebensgefuehl. Warum nur der Zwang zur Handtasche?
Ich weiss ja nicht, was für Hosen Sie so tragen, aber vollgestopfte Taschen sehen nicht schön aus und schädigen ggf. sogar das Kleidungsstück. Als Mann beneide ich die Frauen (aus rein praktischen Gründen) wirklich um die Möglichkeit, eine Handtasche tragen zu können.
peterbruells 30.04.2017
4.
Zitat von mam71Ich weiss ja nicht, was für Hosen Sie so tragen, aber vollgestopfte Taschen sehen nicht schön aus und schädigen ggf. sogar das Kleidungsstück. Als Mann beneide ich die Frauen (aus rein praktischen Gründen) wirklich um die Möglichkeit, eine Handtasche tragen zu können.
Der Trick ist, die überflüssigen Dinge auszusortieren. Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, nichts davon muss man am Körper tragen. Klimpergeld kann man durcj Kartenzahlung und konsequentes Aussortieren vermeiden. Und man braucht auch nicht alles Schlüssel. Schon reicht eine Minibörse mit zwei Karten und ein paar Scheinen. Trortdem habe ich als Mann bei Bedarf eine Handtasche mit. Nur halt was rustikales aus gewachster Baumwolle. Geht auch. Juckt niemanden. Aber wie gesagt, bei Bedarf. Im Alltag reichen eben besagte Börse, Telefon und drei Schüssel.
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