Design-Show Design, das weh tut

Waffen für Kinder, Gasmaskenfilter und Kassam-Raketen aus Schokolade: Die Ausstellung "Brutal schön" im Museum Marta Herford zeigt, wie Design und Gewalt zusammenhängen.

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Das kleine dicke Mädchen trägt pinke Flipflops, einen pinken Rock und ein pinkes Gewehr. Die Kleine ist acht Jahre alt und fürchtet sich vor Dinosauriern, zumindest hat sie das mal geantwortet als sie gefragt wurde, wovor sie Angst hat. Die belgische Fotografin An-Sofie Kesteleyn hat das Foto geschossen, es ist Teil ihrer Serie "My First Rifle" ("Mein erstes Gewehr"). So heißt auch eine Waffenmarke des US-Unternehmens Crickett, das sich auf die Zielgruppe Kind spezialisiert hat und mit den Worten "Quality Firearms for America's Youth" wirbt.

Max Borka wollte in der Ausstellung "Brutal schön. Gewalt und Gegenwartsdesign" eigentlich gar keine Gewehre zeigen, weil er den Gedanken "Gewalt + Design = Waffen" eigentlich zu naheliegend findet. Doch an dem Mädchen mit der Flinte kam er nicht vorbei. Der belgische Kunst- und Designkritiker hat die Schau mit betreut; zu sehen ist sie seit Sonntag im nordrhein-westfälischen Museum Marta Herford.

Warum Design und Gewalt auch auf andere Weise eng miteinander verbunden sind, erklärt Borka so: "Designer drängen dem Material eine Form auf. Sie deformieren es." Außerdem sei das Design, so wie wir es kennen, eine Lüge. "Design macht Objekte schöner als sie in Wahrheit sind."

Design kann aber auch auf eine andere Weise mit Gewalt verknüpft sein, wie Max Borka findet. Das zeigt sich zum Beispiel am Handy. Es werde mit Material hergestellt, das aus Minen komme, in denen Menschen ausgebeutet würden. Außerdem werde es so schlecht produziert, dass es viel zu schnell wieder auf einem Müllhaufen lande. "Ein Handy ist viel gewalttätiger als ein Revolver", sagt Borka.

Schokoladenzäune in Goldpapier

Gewalt sichtbar zu machen, das will diese Ausstellung. Und Künstler, die Gewalt sichtbar machen, sind zum Beispiel der Brite James Bridle und der norwegische Designer Einar Sneve Martinussen. Sie zeichnen die Umrisse von Drohnen auf Bürgersteige und Straßen, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Drohnen in Gebieten wie dem Gazastreifen zum Alltag gehören. "Drone Shadow" haben sie ihr Projekt genannt.

Auch Ron From aus Israel versucht dem Töten etwas Kreatives abzugewinnen und bastelt Kassam-Raketen und Grenzzäune aus Schokolade. Schön verpackt in goldener Folie oder edlen Schächtelchen. "Goods from Israel" heißen die Süßigkeiten.

Der israelische Designer Ezri Tarazi macht nicht mit Schokolade, sondern mit Möbeln und Kleidung auf Missstände und Gewalt aufmerksam. Er gestaltet Sitzecken aus Sandsäcken und baut Gasmaskenfilter in den Rollkragen von Pullovern ein. Bazooka Joe nennt er diese Kreation.

Musikinstrumente aus Müll

Doch Ziel der Ausstellung ist es nicht nur, die Schattenseiten von Design aufzuzeigen. Sie will vielmehr all dem Bösen auch etwas entgegensetzen, eine "optimistische Perspektive auf unsere Zeit eröffnen", schreiben die Kuratoren im Vorwort der Publikation zur Ausstellung.

Deswegen werden im Marta Herford auch Initiativen gezeigt, die gut sind. Wie zum Beispiel "Skateistan", die erste Skate-Schule Afghanistans, in der Mädchen und Jungen die Sportart lernen oder "Landfillharmonic". Das Orchester kommt aus Paraguay, aus einer Region um die Hauptstadt Asunción, die nicht besonders schön ist, und über die es kaum etwas zu berichten gibt. Nur, dass es eine riesige Landschaft aus Müllbergen gibt. Und den Umwelttechniker und Musiker Favio Chavez, der vor zehn Jahren diese Müllberge besuchte. Dort lernte er Menschen kennen, die nach verwertbaren Materialien suchten, um sie zu verkaufen.

Chavez kam auf die Idee, aus dem Müll Instrumente herzustellen: Saxofone aus Bierdosen, Kontrabasse aus Mülleimern und Violoncellos aus Ölfässern. Einige der Recycler halfen ihm bei der Herstellung und schon bald waren so viele Instrumente gebaut, dass Chavez das Orchester gründen konnte.

Mittlerweile treten die Musiker vor Tausenden Menschen auf und sind in ganz Paraguay bekannt. "Die Welt hat uns Müll geschickt und wir schicken Musik zurück", hat Favio Chavez einmal gesagt.

Ein schöner Kontrast zu Kindergewehren.


Die Ausstellung: "Brutal schön. Gewalt und Gegenwartsdesign", Museum Marta Herford, bis 1. Mai 2016



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insgesamt 11 Beiträge
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managerbraut 09.02.2016
1. Das Eine hat mit dem Anderen, wie Förderung
von Gewalt bei Kindern nichts zutun! Ebenso denken wir nicht das die Künstler - Fotografen, wie dieser Max Gorka und Andere über eine Psychologische - Pädagogische - Analytische wissenschaftliche Ausbildung verfügen um solche Aussagen treffen zu können. Da werden selbstgefällige Aussagen getroffen welche man wohl mit kommerziellen Interessen auf ausgestellte Kunstwerke projeziert. Unserer Meinung als Eltern nicht mehr als billige PR!
l.augenstein 09.02.2016
2. Was ist das den für eine schräge Argumentation?
Wenn ich in der Logik dieser Künstler argumentiere, ist jedes Auto, egal wie gut gestaltet, schlechtes Design, weil es auch Menschen töten kann. Eigentlich ist so betrachtet jede Art von Design schlecht. Schlimmer noch: Jede Art von Tun ist schlecht, weil es auch negative Auswirkungen nach sich ziehen kann. Im Übrigen frage ich mich, was die in dem Artikel aufgeführten Beispiele mit ernsthaftem Design zu tun haben!
hajoschneider 09.02.2016
3. Ach so ...
@managerbraut Jetzt müssen wir uns also alle eine psychologische/pädagogische/analytische wissenschaftliche Ausbildung aneignen, um Relevantes zum aktuellen Zeitgeschehen sagen zu können. Wobei Pädagogik und Psychologie in den Augen mancher analytisch orientierter Wissenschaftler als Wissenschaften nicht ernst zu nehmen sind. Was nun? »Die Kunst bietet den Menschen die einzigartige Möglichkeit, sich zu entgrenzen. Das müssen sie, denn wie sonst sollten sie sich erkennen und verändern können?« Roger Willemsen
felisconcolor 09.02.2016
4. Na ja
"ein Handy ist viel gewalttätiger als ein Revolver" so so! Was für eine schräge Argumentation die darauf folgt. Am Handy mögen sicher viele Billigarbeitsplätze hängen, am Revolver sicher auch. Aber mit einem Handy hat noch NIE jemand jemanden erschossen. Oder habe ich da was verpasst. An seiner Kunstaktion an sich ist nichts zu deuteln allerdings bewegt sich der Künstler in einer Gedankenspirale die das Ganze zu einer Farce werden lässt und wahrscheinlich nur noch für Ihn selbst einen Sinn macht und verständlich ist. Schade
miketh 09.02.2016
5. Waffen sind NICHT gleich Gewalt!
Waffen generell mit Gewalt gleichzusetzen, ist hanebüchen. Ist ein Polizist ein Gewalttäter, weil er eine Dienstwaffe trägt? Ist ein Koch ein Gewalttäter, weil er ein langes Küchenmesser besitzt? Waffen sind nur so gefährlich wie deren Benutzer. Eine Nutzung beispielsweise für den Schießsport, Jagd oder historische Sammlungen ist ein gesellschaftlich akzeptierter und legaler Bereich. Warum muss man sowas immer gleich mit Gewalt gleichsetzen? Fetisch?
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