Architektur Beton brutal

Grusel, Ärger, Bewunderung - brutalistische Bauwerke polarisieren. Denn sie haben meist mehr Ausstrahlung als alles, was heute im öffentlichen und privaten Raum platziert wird.

Wolfgang Leeb

Ein Debattenbeitrag von


"Raw Concrete: The Beauty of Brutalism", "This Brutal World", "Concrete Concept" oder "New Brutalism": Auch der Büchermarkt feiert den wiederentdeckten Baustil (der streng genommen eigentlich gar nicht so genau definiert steht). Brutalistische Bauwerke werden in Pinterest-Listen geteilt und in Ausstellungen wie jetzt im Deutschen Architekturmuseum einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.

Klar, gut gedacht ist auch hier natürlich längst nicht immer gut gemacht: Einige Gebäude sind baubedingt extrem hellhörig, finster, schlicht enorm unpraktisch. Diese Nachteile sollten im Begeisterungsjubel nicht unerwähnt bleiben. Doch wenn mein Kollege Philipp Wurm davon spricht, dass die neue Betonverrücktheit den Fokus der Diskussion um lebenswerteres Wohnen völlig ad absurdum führe, dann klingt das für mich allerdings wie eine Scheindebatte.

Sadistischer Beton: Mit einem Mal sind sie wieder hip, die Betonklötze der Brutalismus-Architektur. Überall werden die Nachkriegsbauten gefeiert, auf Instagram, in Ausstellungen, im Feuilleton. Ein Irrsinn, findet Philipp Wurm.

Als ob die heiße, aber vermutlich auch eher kurz andauernde Brutalismus-Liebe dazu führen könnte, dass junge Architekten plötzlich wieder genau so konzipieren und bauen würden. Darum geht es nicht und ging es niemals. Die alten Betonklötze - die bisweilen auch ziemlich elegant, gar verspielt oder luftig ausschauen können - sind kein Ersatz für neue Ideen.

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Vom Abriss bedroht: Baukunst aus Backstein und Beton

Was diese Bauten hingegen schon sind: in Beton gegossene Erinnerungen an die Nachkriegszeit, zumindest in Europa, an Utopien vom sozialen Miteinander. Politische Ideologien, an die viele nicht erinnert werden möchten oder die etlichen offenbar längst überholt erscheinen. Sollte man deshalb alles, was heute störend oder hässlich wirken könnte, tilgen? Im Osten des Kontinents wird damit schon fleißig begonnen: Wie in Skopje, wo brutalistische Gebäude durch pseudoklassizistische Fassaden verkitscht werden. Doch auch kleinere Eingriffe wie geweißelte Fassaden verändern das Antlitz der Gebäude gewaltig.

Der Habiflex-Wohnkomplex in Wulfen, der berühmte "Mäusebunker" in Berlin, die "Neue Mensa" am Frankfurter Campus Bockenheim: Auch hierzulande stehen etliche architektonisch teils einzigartige Gebäude kurz vor dem Abriss oder wurden bereits abgetragen. Selbst ein geschlossen auftretendes, Brutalismus befeuerndes Feuilleton - was so nicht existiert - könnte daran viel ändern. Das aktuelle Revival ebenso wenig.

Bessere Wohnbedingungen? Unbedingt!

Architektonisch wünschen sich viele Menschen offenbar lieber gleich zwei oder drei Generationen zurück - siehe den Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses, das heute als Neubau im pseudohistorischen Gewand am Rande der Innenstadt prunkt (das Berliner Stadtschloss soll folgen, und dann das "Stadtbild heilen"). Wenn die Vergangenheit so rekonstruiert wird, bis sie jeweils gefällt, dann könnte man dies durchaus als Geschichtsklitterung bezeichnen.

Es gibt Tagespolitik, und es gibt Tagesgeschmack. Bessere Wohnbedingungen für alle? Unbedingt! Gärten, Licht und Luft dürften den meisten Menschen gefallen. Aber es gibt eben auch solche, die so gern in einem Betonkoloss wie dem Londoner Trellick Tower leben möchten, dass sie Preise fernab der einst üblichen Sozialmiete dafür zahlen. Ganz abgesehen von den unzähligen brutalistischen Gebäuden im öffentlichen Raum, den Kirchen und Kulturzentren, Ämtern, Hotels oder Universitäten wie der in São Paulo, die nichts mit konkretem Wohnen, aber viel mit gewachsenem Stadtbild zu tun haben.

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Fotostrecke: Playmobil-Set des öffentlichen Sektors

Neben Ansprüchen wandeln sich auch Geschmäcker. Hinter Baukonzepten stecken reale Bedürfnisse, aber darüber hinaus auch Vorstellungen, wie die Welt ist und wie sein sollte. Design und Architektur entstehen nicht im luftleeren Raum. Sicherlich wird auch mit dem, was heute als State of the Art gilt, nicht das Ende der Geschichte eingeläutet werden. Der Abriss bestehender Bausubstanzen zugunsten einer schönen, neuen Welt wäre in erster Linie reaktionär - sofern es keine guten Gründe hierfür gibt: Wenn der Erhalt viel kostspieliger oder aufwendiger wäre als ein Neubau oder andere zwingende Nachteile bietet, muss wie überall objektiv abgewogen werden.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Nötig wäre es aber eben doch: Wer bestimmt die Denkmalwürdigkeit eines Bauwerks, das nicht auf den ersten Blick gefällig scheint? Was steckt hinter dem offenbar nicht so seltenen Bedürfnis, lieber in einer Art hübschem Freilichtmuseum zu leben? Und ließen sich bestehende Gebäude nicht auch ganz pragmatisch verbessern? Das kann auch eine Frage der Nachhaltigkeit sein.

Brutalistische Bauwerke polarisieren, das macht natürlich auch ihren Reiz aus. Gebäude sind von Menschen gemacht, der Brutalismus erhebt sich relativ frech über diese. Ein manchmal Grusel, Ärger oder Bewunderung hervorrufender Störer, der in seiner aberwitzigen Präsenz allerdings viel mehr Ausstrahlung entfalten kann als mancher historische Nachbau oder das, was heute im öffentlichen und privaten Raum vielleicht ebenso gut gemeint, aber vergleichsweise langweilig platziert wird.



insgesamt 49 Beiträge
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LJA 20.03.2018
1. Die heutige,
in vielen Bereichen oft quälend langweilige Architektur des öffentlichen Raumes, wird von 2 Faktoren getrieben: 1) Von nahezu komplett sozialdemokratisch dominierten Stadtverwaltungen, deren oberstes Ziel die architektonische Gleichmacherei ist. 2) Von einer deutschen Architektenschaft, die nur zu gerne den Vorgaben von 1) folgt, weil es die eigene Arbeit ja so viel einfacher macht. Eine Änderung dieser Situation ist bis auf weiteres nicht zu erwarten. Die gesamte erste Hälfte des 21. Jahrhunderts droht im zukünftigen Stadtbild komplett unter zu gehen.
hellocapetown 20.03.2018
2. Danke,
...für diesen denkanregenden Artikel. Wir haben gerade diese Diskussion über das Werdmuller Center des berühmten, inzwischen verstorbenen Architekten Roelof Uytenborgaard auf unserer Facebook Seite: The Cape's threatened Buildings. Das Werdmuller sollte ein Einkaufszentrum sein das allerdings nie richtig funktioniert haben soll, und als höchst unpraktisch bezeichnet wird. Inzwischen ist es am verfallen. Viele Kapstädter wollen es leider am liebsten schon gestern abgerissen sehn; generell haben sie wenig für Denkmalschutz übrig, vor allem was das frühe bis mitt zwanzigste Jahrhundert angeht. Der momentane Bauboom spornt den Abriss solcher Architekturen natürlich auch noch regelrecht an. Leider mangelt es entsprechend an Vermarktungsinitiativen ein schätzenswertes Umdenken zu erreichen; das Interesse und die Potenzialerkennung der Autoritäten und der lokalen Politik ist zudem extrem limitiert und lässt viel zu wünschen übrig. In 30 Jahren wird es ihnen sicherlich Leid tun. http://werdmullercentre.blogspot.co.za/2008/01/werdmuller-centre-main-road-claremont.html?m=1
P-Schrauber 20.03.2018
3. Das tolle (nicht bei allen) dieser Häuser ist sie altern mit Würde!
Das Tolle an diesen Häusern ist sie altern mit Würde, das fehlt. Statt Betonfassaden die in kürzester Zeit veralgen oder wo an den falschen Stellen Laufspuren von ablaufenden Regenwasser zusehen ist bekommen diese Gebäude eine angenehme Patina und so mit den Jahren eine gewisse Natürlichkeit. Gerade weil man noch die SChlabretter erknnen kann. Leider fehlen die größten Protagonisten des Beton brut so z.B. Le Corbusier und auch Arno Ruusuvuori vor allem letzterer hat eine wie ich meine guten Mittelweg gefunden den Beton brut mit Maßstab und der Neudefinition eines Orte und schönen Innenräumen zu verbinden. Schade das diese beiden wirklichen Klassiker und Idole der Architektur unerwähnt bleiben, zeigt mal wieder auch das zumindest ich mir mehr Tiefgang bei den Spiegelautoren wünsche. Oder wie Ruusuvourio einmal 1989 in "Concrete in Finnish Architecture" bemerkte: "Concrete has undeservedly got a bad reputation" und "Above all one should understand that despite the echo of its name, concrete is am extremely sensitive material whose making and treatment require very great professional skills" Gilt noch Heute und sollte mich jetzt jemand als Verächter des glatten Beton abstempeln, ich kann mit der glatten Fassade der Schulhaus in Haslach Au von Beat Consoni sehr gut leben!
box-horn 20.03.2018
4. soso!
was Ihnen dabei konkret vorschwebt, bleibt wohl Ihr Geheimnis. Der International Stil der 50er wie auch die Neigung zu brualistischer Stadtarchitektur ab den 1970ern ist kein Vorrecht der SPD-Stadtverwaltungen sondern gab es überall. Der Grund, aus dem sie so weite Verbreitung gerade auch im städtischen Bereich fanden, ist vor allem historisch zu sehen. Viele Innenstädte waren kriegsbedingt weitgehend zerstört, wenn ich das in Erinnerung rufen darf, und daß auch die Verwaltungen die Nachkriegsprovisorien gegen neue zweckmäßige und moderne Gebäude tauschen wollten, ist nachvollziehbar und menschlich, auch wenn man die Folgen für das Stadtbild heute kritischer sieht. Heute greift eine Baumode um sich, die vielleicht auch in 40 oder 50 Jahren kritisch gesehen werden wird, nämlich der "Nachbau" prominenter Stadtvierteil der Vorkriegszeit. In Frankfurt beispielsweise hat dies dazu geführt, daß vor ein paar Jahren scheußliche weil vernachlässigte und mangels Pflege heruntergekommene brutalistische Verwaltungsgebäude abgerissen wurden und durch eine nachempfundene Vorkriegsaltstadt ersetzt wird. Es gibt eine Reihe weiterer derartiger Beispiele. Übrigens dürfte es sich bei vielem, was Sie möglicherweise unter de Architektur der "ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts" (vermutlich meinen Sie das 20. Jh.) verstehen, um Wiederaufbau aus den späten 1940ern/1950ern handeln. Mit scharfen Blick für typische Stilelemente der 1950er findet man auch in angeblichen Altstädten so mancherlei erstaunliches. Was die von Ihnen gescholtene deutsche Architektenschaft angeht, kann ich nicht ganz folgen. Was daran "leicht" sein soll, nach den Wünschen der Bauherren zu bauen, kann ich nicht nachvollziehen. Der originelleste, individuelle Entwurf nützt einem Architekten nichts, wenn der Bauherr ihn nicht will. Der muß ihn nämlich zahlen. Was individuelle Architektur angeht: Ich persönlich habe mich etwa an Frank Gehry übergesehen und ziehe zeitlosere Architektur vor...
Filsbachlerche 20.03.2018
5. SChlabretter
Zitat von P-SchrauberDas Tolle an diesen Häusern ist sie altern mit Würde, das fehlt. Statt Betonfassaden die in kürzester Zeit veralgen oder wo an den falschen Stellen Laufspuren von ablaufenden Regenwasser zusehen ist bekommen diese Gebäude eine angenehme Patina und so mit den Jahren eine gewisse Natürlichkeit. Gerade weil man noch die SChlabretter erknnen kann. Leider fehlen die größten Protagonisten des Beton brut so z.B. Le Corbusier und auch Arno Ruusuvuori vor allem letzterer hat eine wie ich meine guten Mittelweg gefunden den Beton brut mit Maßstab und der Neudefinition eines Orte und schönen Innenräumen zu verbinden. Schade das diese beiden wirklichen Klassiker und Idole der Architektur unerwähnt bleiben, zeigt mal wieder auch das zumindest ich mir mehr Tiefgang bei den Spiegelautoren wünsche. Oder wie Ruusuvourio einmal 1989 in "Concrete in Finnish Architecture" bemerkte: "Concrete has undeservedly got a bad reputation" und "Above all one should understand that despite the echo of its name, concrete is am extremely sensitive material whose making and treatment require very great professional skills" Gilt noch Heute und sollte mich jetzt jemand als Verächter des glatten Beton abstempeln, ich kann mit der glatten Fassade der Schulhaus in Haslach Au von Beat Consoni sehr gut leben!
Tasten vertauscht: Kann jedem passieren. Doch über den „SChlabretter“ mußte ich doch einige Sekunden nachdenken, bis ich auf „Schalbretter“ kam. Glückwunsch! Ich kann mein fröhliches Grinsen ob dieser ungewollten Innovation nicht stoppen. Doch zum Eigentlichen: Le Corbusier war tatsächlich innovativ und in gewisser Weise genial. Seine Lichteffekte sind toll. Doch wurde dieser Stil zur Mode und schlecht nachgemacht. In den 1970er Jahren diskutierte ich mit einem Architekten über den damaligen Begriff „Kunst am Bau“. Das bedeutete, vor einen brutalen Betonklotz ein Kunstwerk zu setzen. Ich hielt dagegen, mir sein „Kunst im Bau“ lieber. Also lieber mehr Fantasie in der künstlerischen Gestaltung des Baus selbst. Und nicht nur Klotz auf Klotz. Dieser Meinung bin ich heute noch.
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