Calvin Klein zum 75. Der Mann, der Feinripp sexy machte

Calvin Klein gehört zu den größten Modedesignern unserer Zeit. Er hat den Hedonismus der Neunziger in Stoff gekleidet, vor allem aber hat er ein Gefühl von Schönheit verkauft. Auch dank wohl kalkulierter Skandale.

imago/ ZUMA Press

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Calvin Klein wird für immer der Mann sein, der Feinripp sexy machte. 1982 entscheidet der New Yorker Modedesigner, alles was es dazu braucht, sind hauteng anliegende Mikrofaserbaumwolle - und ein Gummibund, auf dem sein Name steht. Calvin Klein hat Mode verkauft, aber vor allem einen Lifestyle, ein Gefühl von Schönheit und Macht. Dazu braucht es Bilder von Models, die Schönheit und Macht ausstrahlen. Jemand wie Tom Hintnaus zum Beispiel. Der brasilianische Stabhochspringer war das erste männliche Modell für Calvin Kleins Unterwäsche.

Klein lässt den Athleten von Bruce Weber auf Santorini fotografieren. Der Andonis lehnt an einer Wand, am Körper nicht mehr als die Reizwäsche mit den elf Buchstaben, die Sex verheißen. Der Körper des Mannes ist perfekt in Szene gesetzt, der Fokus liegt auf der Unterhose und dem, was sie mehr schlecht als recht verbirgt. Das Foto ist hier noch zu sehen. Webers Pack Shot wird später einen Verkehrsstau am Times Square verursachen.

Genauso wie viele davor und die meisten danach. Die Unterhosen verkaufen sich so gut, dass Kleins Tochter Marci, sein einziges Kind, einige Jahre später in einem Interview klagen wird: "Jedes Mal wenn ich mit einem Mann ins Bett gehe, sehe ich den Namen meines Vaters auf der Unterwäsche."

Vor dem Sex kommt Calvin Klein, das war im Prinzip auch immer die Werbebotschaft des Unternehmers. Schon Ende der Siebziger als er die damals 15-jährige Brooke Shields für einen TV-Spot bucht. "Weißt du, was zwischen mich und meine Calvins kommt?", fragt die nur mit hautengen Jeans und einer aufgeknöpften Seidenbluse bekleidete Lolita lasziv räkelnd. Antwort: "Nichts!" Amerika ist empört - und begeistert. Allein in der ersten Woche gehen 200.000 Paar Jeans über die Ladentheke.

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Vierzig Jahre Mode: Calvin Kleins Karriere in Bildern

Es wäre jedoch eine Fehleinschätzung, Calvin Klein auf Feinripp und Denim zu reduzieren. Tatsächlich beginnt die sagenhafte Erfolgsgeschichte des Sohnes eines Gemüsehändlers und einer Schneiderin schon sehr viel früher, vor Designerunterhosen und Designerjeans. Und zwar 1968 im York Hotel in New York - und nicht im legendären "Studio 54", wie manchmal zu lesen ist, auch wenn das für eine Modelegende natürlich sehr viel cooler wäre.

Im York Hotel sitzen Calvin Klein und sein Geschäftspartner und Kindheitsfreund Barry Schwartz in Zimmer 613, um dort die erste Calvin-Klein-Kollektion vorzustellen, als sich Donald O'Brien, der Chefeinkäufer des Kaufhausgiganten Bonwit Teller in den Show-Room verirrt. O'Brien ist begeistert von den Kleidern, Röcken und Blusen, besonders aber von den halblangen Mänteln. Kurze Zeit später haben Klein und Schwartz einen Auftrag im Wert von 50.000 Dollar. Außerdem handeln sie das Recht heraus, auch an andere Händler verkaufen zu dürfen. Ein cleverer Schachzug, denn schon bald sind die Teile bei Bonwitt Teller vergriffen.

Das liegt natürlich an Kleins Talent aber auch daran, dass Klein und Schwartz von Anfang Einkäufer und Modejournalisten umgarnen. Viele werden später zu Verbündeten wie Frances Stein von der "Vogue". Sie hilft dem Designer seinen endgültigen Stil zu finden: schlichte, gerade Schnitte, minimalistisch, wenig Farbe. Calvin Klein trifft den Zeitgeist. Amerikas Frauen haben wenig Zeit, sie sind berufstätig. Sie brauchen Kleidung mit der sie bei der Arbeit, danach beim Essen und später im Club cool und gleichzeitig elegant aussehen. Was Klein nicht ahnt, Frauen auf der ganzen Welt geht es genauso. Zehn Jahre nach der Gründung, Klein ist gerade einmal 36, erwirtschaftet die Calvin Klein Inc. 100 Millionen Dollar.

Kokain, Alkohol und Valium

Doch der Erfolg hat seinen Preis. 1974 wird die Ehe mit Jayne Centre nach zehn Jahren geschieden. Ein paar Jahre später wird seine Tochter kurzzeitig entführt, woraufhin sich Klein aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Klein experimentiert zu dieser Zeit mit verschiedenen Stoffen. Die für seine Damenmode werden weicher, die für seinen Rausch härter. Kokain, Alkohol und Valium werden ihn ab diesem Zeitpunkt nie mehr ganz los lassen und später in verschiedene Entziehungskliniken bringen.

Zunächst einmal läuft aber alles weiter fabelhaft. 1977 - nun kommt die "Studio 54"-Episode - wird Klein während einer wilden Disconacht gefragt ob er nicht Lust habe, viel Geld mit Jeans zu machen. Hat er.

Nach den Jeans kommen die Unterhosen - zunächst nur für Männer, später auch für Frauen. Die Idee mit den Männerschlüpfern für Frauen stammt von Kleins Assistentin Kelly Rector und ist allein 1984 70 Millionen Dollar Umsatz wert. Zwei Jahre später heiraten Klein und Rector. (Die Ehe hält bis 1996, wird aber erst zehn Jahre später offiziell geschieden.) Klein baut seine Modemarke endgültig zum Imperium aus. Er vergibt Lizenzen für Uhren, Sonnenbrillen, Bademode, Haushaltstextilien und Schmuck. Außerdem kreiert er mit ck One das erste Unisex-Parfüm.

Bill Clinton nennt die Bilder "empörend"

Besonders die Kampagnen für die Parfüms bringen Publicity, auch für die Models. Kate "Heroin Chic" Moss und Marky "Ich greif mir in den Schritt" Mark, heute bekannt als Mark Wahlberg, werden dank ihrer Fotos zu Stars. Doch nicht immer gelingt es dem Modedesigner und den von ihm engagierten Topfotografen, so wohl dosiert zu provozieren, dass es gerade noch erträglich ist. Die 1995 von Steven Meisel gedrehte Fernsehwerbung erinnert viele an Kinderpornographie. Bill Clinton nennt die Bilder "empörend". Nach drei Wochen zieht Klein die Spots zurück.

Weitaus schlimmer als das Debakel mit der missglückten Fernsehwerbung ist aber der Rechtsstreit, den sich Klein und Schwartz ab 2000 mit Warnaco liefern. Ein Lizenzvertrag mit dem Hersteller rettete das CK-Imperium Mitte der Neunziger vor der Pleite, nachdem sich Klein und Schwartz mit Schrottanleihen verspekuliert hatten. Doch Klein findet nun, sein Name werde verramscht, die Verkaufsstellen und die Produkte missfallen ihm. Es folgen eine für alle Beteiligten peinliche Schlammschlacht und schließlich eine außergerichtliche Einigung. Spätestens zu diesem Zeitpunkt suchen Klein und Schwartz einen Käufer, doch die angeblich geforderte Milliarde schreckt alle ab.

2003 kommt es doch noch zum Abschluss. Für 400 Millionen in bar und ein dickes Aktienpaket verkaufen die beiden Geschäftspartner und Freunde ihre Lifestyle-Mode-Firma schließlich an den Bekleidungskonzern Phillips-Van Heusen. Gut dotierte Beraterverträge binden Klein bis 2012 an das Unternehmen und sichern dem Kunstsammler weiter jährliche Millioneneinnahmen. Viel von dem Geld fließt in den Umbau von Kleins sensationellem Luxusanwesen in den Hamptons, den der Perfektionist bis zur Vollendung 2013 bis in kleinste Detail selbst beaufsichtigt.

Zuletzt hat er ein Fotobuch veröffentlicht. Nur bei der Marke Calvin Klein mitentscheiden darf er nicht mehr, dafür ist seit dem vergangenen Jahr der Belgier Raf Simons zuständig. Den Verkauf seines Unternehmens habe er aber nie bereut, sagt Klein: "Überhaupt nicht. Ich mache andere Sachen, reise, spreche an Universitäten. Ich habe ein wundervolles Leben, ein reiches Sozialleben zwischen New York und Los Angeles." An diesem Sonntag wird er 75.

Mit Material von dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
c.PAF 21.11.2017
1.
Feinripp - ist - nicht - sexy. Zumindest für mich nicht.
nein_zur_vds 21.11.2017
2. Also...
Ich hab verstanden dass ein richtiger Kerl auf seinem Slip ausgerechnet ‚Klein‘ stehen hat :)
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