"Catwalk"-Ausstellung Schönheit als Waffe

Das weltberühmte Rijksmuseum in Amsterdam zeigt "Catwalk" - eine prächtige Modenschau aus vier Jahrhunderten, die mit betörender Schönheit und extravaganter Handwerkskunst in eine andere Welt entführt.

Von Gunda Schwantje

Foto: Erwin Olaf/ Rijksmuseum Amsterdam

Langsam schweben die luxuriösen Kleider und Mäntel über den Catwalk. Einem raffinierten schwarzen Samtmantel aus den Zwanzigern mit prächtigem Futter aus Goldbrokat folgt Haute Couture von Christian Dior, ein Kostüm aus dem Jahr 1952. Beschwingte Musik, eine lange Reihe weißer Stühle für Besucher: die 20 Puppen mit exklusiver Mode aus dem 20. Jahrhundert drehen sich auf dem Laufsteg.

"Ich nutze die Schönheit als Waffe", sagt Erwin Olaf, Jahrgang 1959, der international renommierte niederländische Fotokünstler, der vom Rijksmuseum in Amsterdam engagiert wurde, um die Ausstellung "Catwalk" zu entwerfen. "Ich will die Menschen verführen, sie einladen in andere Lebensrealitäten." Ungefähr 10.000 Stücke umfasst die Kollektion des Museums: Frauen-, Männer-, Kinderkleidung, Accessoires. Eines der ältesten Kleidungsstücke der insgesamt 80 Exponate von "Catwalk" ist ein Reitermantel aus dem Jahr 1632, vermutlich aus Friesland. Das jüngste ist von 1965, das sogenannte Mondrian-Kleid von Yves Saint Laurent, inspiriert durch die Arbeit des Malers.

Es ist das erste Mal, dass Olaf eine solche Aufgabe löst, und ebenso ein Abenteuer für das Rijksmuseum. Die historische Kleidung ist äußerst fragil, Kleidung zerfällt. Die kostbarsten Stücke werden nur hinter Glas gezeigt, alle anderen aber einfach so präsentiert, ohne weiteren Schutz. Und weil ein Teil der Ausstellung tatsächlich ein Laufsteg sein sollte, konnten dafür nur die Kleidungsstücke aus dem 20. Jahrhundert verwendet werden, also jene Stücke auf dem sich bewegenden Laufsteg.

Mode als Schutzwall

Die Puppe, die das Mondrian-Kleid trägt, hat als einzige die Arme weit ausgebreitet. Sie steht erhöht in einer Art Tor, gegenüber einer Gesellschaft, Puppen mit goldenen Gesichtsmasken in Anzügen und Ballkleidern aus dem 18. und 19. Jahrhundert. "Die Frauen zwängten sich damals in Korsetts, Kragen waren steif, man hatte kaum Bewegungsfreiheit, das war der Geist der Vergangenheit", so Olaf. "1965 dagegen fiel die Kleidung locker, Ärmel waren kurz, Röcke wurden immer kürzer. Die Zeit der Frauenemanzipation." Mit Twiggy als Stilikone und Flowerpower auf der Straße.

Schönheit, ausgesuchte Handwerkskunst und Besucherbildung verbinden sich in "Catwalk" auf anregende Weise. Ein zehnminütiger Dokumentarfilm informiert über Modeschätze, die das Rijksmuseum konserviert. In dem Film ist auch zu sehen, wie die Puppe, die das Kleid der niederländischen Bürgerstochter Helena Slicher anhat, präpariert wird.

Zwei Tage dauerte es, um das Brautkleid mit den vielen Unterkleidern, das Slicher anlässlich ihrer Vermählung mit einem Baron 1759 trug, für "Catwalk" auszustaffieren. Mit mehr als zwei Metern Breite ist das Kleid das breiteste der Niederlande - die Trägerin konnte nur seitwärts durch Türen gehen. "Die Grandeur von Paris hatte dieses Kleid jedoch nicht", kommentiert Erwin Olaf trocken. "Es ist kein goldener Draht verarbeitet, sondern ein gelber. Daran ist deutlich zu sehen, dass wir ein Land von Kaufleuten sind."

Mode ist Silhouette; ist Aufmerksamkeit verschieben durch Betonung der Körperteile. Tief ausgeschnittene Dekolletés oder hoch geschlossene, Flügelärmel oder enganliegende, die Hüften oder Taille betonen: Erwin Olaf hat eine faszinierende Computeranimation bauen lassen, um das zu illustrieren. Selbst sei er kein fashion victim, sagt er. "Ich nutze Mode und Äußerliches auch als Schutzwall. Man kommuniziert, wer man ist. Der Haarschnitt, die Schuhe, die Tasche, maximal drei Sekunden sind nötig, um jemanden abzutasten. Dann hat man Informationen über das soziale Milieu."

Und immer, um es mit Worten der Konservatorin der Ausstellung, Bianca du Mortier, zu beschreiben, hätten die reichsten und mächtigsten eine Botschaft, die sie bewusst oder unbewusst mit ihrer Kleidung aussenden.

Mode, Identität, Lebensgefühl, Zugehörigkeit. Im Saal der Silhouetten meint man schließlich eine Dame aus dem 19. Jahrhundert vorbeischreiten zu sehen. Ihre Haartracht ist kunstvoll gefertigt, aus Papier, drapiert im Stil ihrer Zeit - das eindrucksvolle aktuelle Handwerk einer Mitarbeiterin des Rijksmuseums. Die Dame trägt eine Robe aus dunkelviolettem Samt mit blumenverzierter Schleppe. Licht ist punktgenau gesetzt, sodass der eigene Blick geschärft wird. So etwas kreiert Erwin Olaf durch seine Leidenschaft für Details und Vollendung. Kurzum: "Catwalk" ist eine gelungene Verbindung verschiedener Disziplinen und Inspiration zugleich.


"Catwalk"; bis 15. Mai; Philipsflügel im Rijksmuseum; Niederlande

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