Chanel-Modenschau in der Elbphilharmonie Ahoi, Kapitän Karl!

Karl Lagerfeld hat seiner Heimatstadt Hamburg eine Liebeserklärung gemacht. Der internationale Mode-Jetset feierte die maritimen Looks des Chanel-Designers. Nur zum Ende der Schau wurde es ungemütlich.

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Wer Karl Lagerfeld sehen will, muss warten. Nicht, weil der legendäre Modedesigner sich mal wieder verspätet, nein. Seine Gäste sind zu früh da. 18 Uhr steht auf der Einladung (Dresscode: smart casual). Viele der mehr als tausend geladenen Gäste dachten allerdings, dann fängt die Schau an. Es ist aber der Einlassbeginn. Also heißt es Schlange stehen im eisigen Hafenwind vor der Elbphilharmonie. Wer bis jetzt eine "coiffure" hatte, hat Pech. Genauso wie die Schaulustigen auf der anderen Straßenseite, die keine Einladung, aber Lust auf Glamour und Mode haben - und natürlich auf ihn: Karl den Großen, in Hamburg geboren, in Paris zuhause.

Um sechs gehen die Türen auf. Es wird streng kontrolliert. Ein amtliches Ausweisdokument ist Pflicht. Alle Besucher werden mit Metalldetektoren überprüft, die Taschen durchleuchtet. Nach der Sicherheitsschleuse geht es die lange Rolltreppe hoch, vorbei an den vielen kleinen Mosaikspiegeln, mit denen die Architekten Herzog & de Meuron den Tunnel in Hamburgs neues Wahrzeichen tapeziert haben. Oben angekommen gibt es erst mal ein Gläschen Schampus. Ein paar Selfies. Hallo, hallo! Bussi, Bussi. Schön, dass alle da sind.

Ein Chinese im langen schwarzen Glitzermantel sticht besonders hervor. Es ist der Cantopop-Sänger Wyman Wong aus Hong Kong. Er gehört zu jener wohlhabenden Klientel aus Asien, die inzwischen einen Großteil der Umsätze im Luxussegment ausmacht. Wong hat einen Fächer dabei, früher Karl Lagerfelds Markenzeichen. Für seine 245.000 Instagram-Follower setzt er sich Szene. So viele Menschen erreicht der Hamburger Rapper Jan Delay, wie immer in Herr von Eden, zwar nicht, aber auch knipst eifrig Beweisfotos. Heute gilt ganz besonders: Pic or it didn't happen.

Look of the day #ChanelinHamburg

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Um kurz nach sieben ertönt der Gong, Zeit Platz zunehmen. Natürlich gibt es ein Orchester. Karl Lagerfeld mag nicht immer durch besonderes Taktgefühl auffallen, aber er weiß, was sich gehört. Für seine Chanel-Modenschau in Hamburg, die erste in Deutschland überhaupt, hat er deshalb ein Kammerorchester gebucht. Eine schöne Idee, die von Respekt vor dem Ort zeugt. Immerhin hatte es im Vorfeld Diskussionen gegeben, ob die Elbphilharmonieder richtige Ort sei für ein Modespektakel. Um 19.18 Uhr, zwölf Minuten früher als geplant, setzen die Musiker zur Ouvertüre im Zweivierteltakt an: "La Paloma", der vom Hamburger Volksidol Hans Albers bekannt gemachte Welthit, ist der Auftakt für das Defilee.

Die Models starten im obersten Rang des Konzertsaals und steigen dann die kreisrund um die Bühne angeordneten Treppen herab. Spätestens jetzt ist klar, dass sich der von Lagerfeld persönlich ausgesuchte Veranstaltungsort ganz hervorragend eignet für so ein Event. An allen Gästen laufen die Models vorbei, so dass jeder gut sehen kann, was sich der Modemacher für die neue "Metiers d'Art"-Kollektion ausgedacht hat, eine Zwischenkollektion für den Frühherbst. Prêt-à-porter, also keine Maßanfertigungen, sondern hergestellt in Standardgrößen.

Seit 2002 feiert das französische Luxuslabel mit dieser Zwischen-Schau einmal im Jahr die zum Unternehmen gehörenden Ateliers. Zwölf Manufakturen, die in Tausenden Stunden Handarbeit das herstellen, was Karl Lagerfeld zum Arbeiten braucht: Marocainseide, Kaschmirwolle, Mousselin, Organza, Plissee, Perlenstickereien, Federschmuck, Hüte, Schuhe und Zierrat. Manche der Zulieferer - wie etwa der Knopfhersteller Desrue - haben schon für Coco Chanel gefertigt. Zusammen bringen es die Traditionsfirmen auf mehr als tausend Jahre Handwerkserfahrung.

Über das, was Karl Lagerfeld aus dieser Kunstfertigkeit machen würde, hat die Modebranche im Vorfeld viel spekuliert. Kapitänsmützen und Ringelhemden wie Coco Chanel sie 1917 salonfähig gemacht hatte, oder gar von der Reeperbahn inspirierte Modelle? Schließlich zitieren die "Metiers d'Art"-Entwürfe immer den Ort, an dem sie gezeigt werden. In der Regel Städte, zu denen Coco Chanel einen Bezug hatte. Oder eben Karl Lagerfeld, seit mehr als 30 Jahren der Bewahrer ihres modischen Erbes, der wegen seines Ausnahmetalents bei Chanel einen Vertrag auf Lebenszeit hat.

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Chanels "Métiers d’Art": Modekunsthandwerk aus Frankreich

Lagerfeld hat sich für den Matrosenlook entschieden. "Ich bin nun einmal Hamburger", wird er nach der Modenschau sagen. Die Kollektion ist eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt: Die Damen haben Elbsegler und Tellermützen auf dem Kopf. Die Hüte sieht man auch viel im Publikum, Lagerfeld hatte sie als Gastgeschenk in die Hotelzimmer seiner Gäste legen lassen. Die Casquette de Parité wiederum tragen nur die Models: Mit der langen Seidenschleife hat Hairstylist Sam McKnight ihnen die Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden.

Dazu kombiniert Lagerfeld lange Strickpullis mit Zopfmuster, die als Kleid getragen werden. Die Beine der Models stecken in dicken Strickstulpen oder ausgestellten wadenlangen Hosen, die Füße in hochhackigen Wildlederstiefeln mit der markanten schwarzen Schuhspitze. Die Jacken und Blusen haben Exerzierkragen.

Marineblau ist der dominierende Farbton, nur wenige der rund 80 Outfits sind weiß oder bunt. Alles ist weniger opulent, als man es von Chanel gewohnt ist, sehr tragbar. Natürlich gibt es auch die feinen Tweedkostüme, für die das Modelabel bekannt ist, diesmal mit britischen Karos in Rot und Weiß, den Farben der Hansestadt. Außerdem elegante Smokings mit Culotte-Hosen. Ein typischer Coco-Chanel-Look. Als Accessoires sind Seesäcke gedacht, oder Kofferhandtaschen, die wie Frachtcontainer aussehen.

Die wenigen männlichen Models - Chanel bietet keine wirkliche Herrenkollektion an - tragen Seemannsuniform. Lagerfelds langjährige Muse Brad Kroenig führt eine Zopfstrickvariante des typischen dunkelblauen Troyers vor, dem Wind- und Wetterpullover des Nordens. In der Hand hält er eine Pfeife. So viel nautisches Klischee muss sein.

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Lagerfelds Chanel-Schau in der Elbphilharmonie: "Ich bin nun einmal Hamburger"

Nach knapp 20 Minuten ist das Schauspiel vorbei. Karl Lagerfeld, klassisch in einem Gehrock, engen Jeans und mit hohem Vatermörderkragen nach seinem Dandy-Vorbild Harry Graf Kessler, kommt kurz auf die Bühne. Wie seit einigen Jahren üblich, empfängt er den Schlussapplaus an der Hand des Kindermodels Hudson, Brad Kroenigs Sohn und eins von Lagerfelds sieben Patenkindern. Der Applaus ist laut und heftig. Hamburg und der internationale Mode-Jetset, darunter auffallend viele superreiche Bewunderer aus Asien, sind begeistert.

Als Erste steht Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton - im cremefarbenen Seidenanzug - auf den Beinen und spendet Standing Ovations. Mit Schauspielkollegin Kristen Stewart und Schauspieler-Tochter Lily Rose-Depp war sie für die erste Reihe gebucht. Als Chanel-Testimonial absolvieren die drei hier quasi einen Pflichttermin. Die deutsche Prominenz wird durch Marius Müller-Westernhagen und den Regisseur Tom Tykwer vertreten, außerdem sind die Schauspielerinnen Christiane Paul und Johanna Wokalek gekommen. Für etwas Hanse-Glamour sorgt das aus Hamburg stammende Ex-Topmodel Tatjana Patitz. Auch der ehemalige Regierende Bürgermeister Ole von Beust ist unter den Gästen.

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Die wahren Fashionshow-Profis halten sich allerdings nicht lange mit Beifall auf. Sie schnappen sich ihre "Goodie Bag" - Inhalt: vier Lippenstifte, ein Bildband über Hamburg und ein Opernglas - und machen sich auf den Weg Richtung Fischmarkt. Zwar sind 300 Limousinen für den Transfer zur Aftershow-Party in die Hamburger Fischauktionshalle gebucht. Doch offenbar können es viele der Zuschauer nicht erwarten, in einer der S-Klassen zu landen. Es kommt zu Szenen, die nicht so recht zur feinen Gesellschaft passen wollen.

Damen im Pelzmantel schieben sich an den Wartenden vorbei. Vielleicht ist es der kalte Hafenwind, der die Leute drängeln lässt, oder das, was jetzt ansteht: Champagner und ein Sechs-Gänge-Menü: Wintersalat Hokkaido mit Rosenkohl, dazu leicht gebeiztes Fjordforellenfilet und Hamburger Aalsuppe; als Hauptgang Hamburger Backfisch, Gerstenrisotto mit Steinpilzen und geschmortes Angusrind; zum Dessert rote Beerengrütze oder Schokoladenküchlein.

Auf der Aftershow-Party haben sich dann alle wieder lieb. Ein adretter Fischerchor schmettert ein Begrüßungsständchen, die Halle ist in schummriges Kerzenlicht getaucht. Das Motto des Abends lautet: "Der Hamburger Hafen in den Dreißigerjahren". Dafür ließ das Chanel-Team zwölf Lastwagen mit teilweise antiken Requisiten nach Hamburg karren. Gespeist wird an langen Tafeln. Der Lounge-Bereich ist mit Kaffeesäcken gepolstert - natürlich aus Chanel-Jute. Karl Lagerfeld weiß, was sich gehört.

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palimpalom 07.12.2017
1. Jaja...
..die Elbphilharmonie.. Offiziell für das Volk gebaut.. Mit Steuergeldern. Schmuckstück für alle. Was findet dort statt? Wer kann sich die Karten leisten oder interessiert sich für solcherlei Inhalte wie diesen hier? Ich nicht. Ein paar Kindergärten, Lehrer, Pflegekräfte mehr hätten besser geholfen. Ein Hoch auf Elbphilharmonie, Bayreuth und Debütantinnenbälle.. Adel und Stände gibts bis heute. Nur mit mehr RTL und Mallorca statt Brot und Spielen..
siebke 07.12.2017
2. Forist 1
ich zum Beispiel interessiere mich für solche Beiträge...... Die Schönheit des Gebäudes, gefüllt mit der Schönheit und Kunst eines der besten Modeschöpfer unserer Zeit !
licorne 07.12.2017
3. Gut so
Das bringt Prestige und Geld nach Hamburg und fördert die lokale Wirtschaft. Somit färbt ein bisschen von Lagerfelds Glanz auch auf Hamburg ab und nicht ausschließlich auf Paris. Tolle Kulisse für die Show.
Japhyryder 07.12.2017
4. Forist 1: Elbphilharmonie/Lagerfeld
Bist ja nur neidisch. Als Hamburger finde ich die E-Philharmonie klasse. Und Lagerfeld sowieso. Im übrigen gibt es sehr preisgünstige Karten für ein sehr vielfältiges Programm. Für den spanischen Flamencogitarristen Tomatito habe ich eine Karte für 10 Euro ergattert. Musst halt rechtzeitig bestellen. Auch ich war zuvor recht skeptisch, aber die E-Philharmonie ist ein voller Erfolg. Auch Bekannte von mir, die normalerweise in dunkelste Punkschuppen gehen und obskursten Absteigen Antgarde-Jazz oder sonstiges im experimentellen Musikbereich hören, erkennen an, nachdem, sie sich vor Ort getummelt haben: Nicht schlecht das Ding.
nadennmallos 07.12.2017
5. Dekadenz in Vollendung ....
... wenn Kaiser Karl die Feinen und Reichen zu Füßen liegen. Man darf mir ruhig Neid vorwerfen, das trifft mich nicht wirklich, denn letzen Endes (siehe Schlußpassage) passiert sowas: "Es kommt zu Szenen, die nicht so recht zur feinen Gesellschaft passen wollen." Nothing more to say :) Ein Wort zur Elbphilharmonie zum Schluss, abgesehen von den Kosten oder für wen sie letzten Endes gebaut wurde: Ein wunderschönes Gebäude für ein erstklassiges Orchester. Einfach toll!
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