Starfotograf David LaChapelle "Ich dachte, ich wäre durch mit der Fotografie"

Von Pamela Anderson bis Amy Winehouse: David LaChapelle hat sie alle porträtiert. Doch 2006 kehrt er dem Glamour den Rücken und zieht in den Dschungel. Im Interview erklärt er, wieso er noch immer an Werbung glaubt.

David LaChapelle Studio / Courtesy of TASCHEN

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David LaChapelle hasst Interviews, heißt es. Was man aber nicht merkt, als er im Berliner Taschen Store zum Gespräch empfängt. LaChapelle hat gute Laune. Das liegt vermutlich daran, dass er "Good News" dabeihat. "Good News. Part II", um genau zu sein - einen von zwei Bildbänden, die er im Oktober veröffentlicht hat. "Lost + Found. Part I" heißt der andere. Es sind zwei Bücher, die ihm sehr wichtig sind. Denn seit er sich vor zehn Jahren nach Maui verabschiedet hat, wo er die meiste Zeit des Jahres in einer ehemaligen Nudistenkolonie im Dschungel lebt, fotografiert er nur noch, worauf er Lust hat.

Das Treffen findet nur wenige Meter vom Kurfürstendamm und den Läden der teuersten Luxusmarken statt. Jener Warenwelt also, die LaChapelle glänzen ließ wie niemand vor ihm, bis er 2006 beschloss: keine Werbung mehr, keine Modestrecken, keine Promis. Damals war er einer der bestbezahlten Fotografen des Planeten. Die komplette A-Liste der Unterhaltungsindustrie wollte auf eins dieser quietschbunten Bilder, die ihn berühmt gemacht haben. Ein LaChapelle-Porträt dokumentierte die eigene Bekanntheit und Coolness. Seine Fotos konnten aber auch als gesellschaftskritischer Kommentar gelesen werden.

Britney Spears zeigte er als schöne Popstarleiche in einer Badewanne - Jahre bevor sie zwangseingewiesen werden musste, weil sie eine Gefahr für sich und andere war. Marylin Manson inszenierte er als Schülerlotsen, auf dessen Ansage eine kleine Armee Goth-Kids wartet, Lil' Kim mit nichts als Luis-Vuitton-Logos am Leib. Hillary Clinton fotografierte er mit Lippenstift auf den Zähnen und blutunterlaufenen Augen. Courtney Love ließ sich von ihm einen Jesus in den Schoß legen, der aussah wie ihr verstorbener Mann Kurt Cobain.

"Mach, was du willst, aber sorge dafür, dass alle gut aussehen."

LaChapelle war früh auf Promis abonniert. Eigentlich seit ihn Andy Warhol Anfang der Achtziger für sein "Interview"-Magazin verpflichtet hatte. Das war drei Jahre nachdem LaChapelle mit 15 Jahren das erste Mal aus dem ländlichen Connecticut nach New York abgehauen und im Studio 54 rumgehangen ist. "Mach, was du willst, aber sorge dafür, dass alle gut aussehen", hatte sein Entdecker ihm mit auf den Weg gegeben. Doch 25 Jahre später kam es ihm so vor, als befolge er nur noch den zweiten Teil des Ratschlags: Sorge dafür, dass alle gut aussehen. Also Vollbremsung - und ab auf die Insel. Erste Frage an ihn deshalb:

SPIEGEL ONLINE: Herr LaChapelle, was haben Sie dort gefunden?

David LaChapelle: Ich habe mehr Balance gefunden - und Einsamkeit. Alleinsein erforderte Kraft und Mut - zuvor war ich immer unterwegs und von vielen Menschen umgeben. Das war am Anfang ein Schock. Doch es gab mir die Gelegenheit zu wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nichts vermisst?

LaChapelle: Nein, ich habe viel gewonnen, vor allem Zeit. Ich konnte so lange an Bilderserien arbeiten, wie ich wollte - ein Jahr, zwei Jahre, auch an mehreren gleichzeitig. Vorher hatte ich sehr knappe Deadlines.

Zur Person
  • Thomas Schweigert
    David LaChapelle, geboren 1963, wurde mit seinen hyperrealen Fotos zu einem der bestbezahlten Fotografen der Welt. Sein artifizieller Look war in den Neunzigern stilprägend. Neben seiner Arbeit als Fotograf hat er auch Musikvideos (u.a. für Elton John, Jennifer Lopez und Christina Aguilera) und Filme ("Rize") gedreht. 2006 kehrte er der Werbe- und Hochglanzfotografie den Rücken und konzentriert sich seitdem wieder mehr auf künstlerische Bilder. Er lebt auf Hawaii und in Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie damals eigentlich ein Burn-out?

LaChapelle: Ausgebrannt war ich nicht. Doch ich wollte ein anderes Leben ausprobieren. Meine Bilder haben die Bedürfnisse der Magazine nicht mehr erfüllt - und meine eigenen auch nicht. Ich habe viel infrage gestellt, ich glaubte nicht mehr daran, dass Konsum glücklich macht. Ich zeigte dann zwar noch die Kleidung, allerdings in einem anderen Kontext. Für Conde Nast fotografierte ich 2005 eine Strecke, die den Klimawandel thematisierte.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigten Models in Hochwasser und vor zerstörten Häusern. Eine Woche nach der Veröffentlichung in der italienischen "Vogue" fegte der Hurrikan Katrina über die USA hinweg.

LaChapelle: Ja, das brachte Conde Nast viel Kritik ein. Sie wollten nur mehr vom alten. Also habe ich mich verabschiedet. Alles, was ich zur Welt der Mode und Stars zu sagen hatte, habe ich gesagt. Es gab nichts mehr zu erzählen. Ich dachte, ich wäre durch mit der Fotografie.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich?

LaChapelle: Ja. Ich liebe Fotografie, aber ich hatte das Gefühl, nie mehr in Galerien ausstellen zu können, wenn ich weiter diese Bilder mache.

Fotostrecke

17  Bilder
Fotostrecke: Paradise now

Zum Beginn seiner Karriere stellte LaChapelle viel aus. Doch je mehr seine Karriere an Fahrt aufnahm, desto mehr ging die Kunstwelt auf Distanz. Besonders der zweite Teil seiner beiden neuen Bildbände liegt ihm deshalb am Herzen. Es ist der Versuch, zurück zu seinen Wurzeln zu finden. Teilweise verwendete er sogar dieselbe Technik wie damals, nur dass er heute keine Negative mehr von Hand nachkolorieren muss. "Good News" schlägt einen großen Bogen von frühen Aufnahmen nackter Engel und Liebender aus dem New York der Achtzigerjahre bis zu aktuellen Bildern, auf denen sich sein Refugium auf Hawaii in einen schillernden Garten Eden und Celebrities in Heilige verwandeln.

Ganz ohne Promis geht es bei LaChapelle nämlich nicht. Doch in sein Bilderparadies lässt er heute nur noch wenige. 2017 fotografierte er unter anderem Miley Cyrus und Pamela Anderson, die er seine Muse nennt sowie Julian Assange und Sergei Pollunin. Dem Balletttänzer aus der Ukraine dankt er auch ausführlich in seinem Buch. Gewidmet ist es aber seinem Freund Christopher - und Stevie Wonder, der auf keinem einzigen der Bilder zu sehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie "Good News. Part II" Stevie Wonder gewidmet?

LaChapelle: Weil ich sein Album "Songs in the Key of Life" so oft gehört habe während der Arbeit daran. Besonders sein Song "Saturn" kommt meiner Vorstellung von einer besseren Welt sehr nahe.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die aus?

LaChapelle: Ein Ort, an dem Empathie herrscht, an dem Menschen, Tiere und Natur in Harmonie leben.

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David LaChapelle:
Lost + Found. Part I

Taschen Verlag, 278 Seiten; 49,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Ein Selbstporträt in Ihrem Buch zeigt sie blutverschmiert an einem Schreibtisch sitzen. Unter dem Tisch liegt der Teufel und greift nach Ihrem Fuß. Was wollen Sie mit diesem Bild sagen?

LaChapelle: Damals hatte ich wirklich zu kämpfen, um nicht vom Weg abzukommen. Es gab verrückte, dunkle Phasen in meinem Leben.

Hier würde man natürlich gerne mehr erfahren, aber LaChapelle hat mit diesem Thema abgeschlossen. Vermutlich eine Anspielung auf seine bipolare Störung und die extremen Stimmungsschwankungen, unter denen er eine Zeit lang litt. Drogen waren wohl keine im Spiel. Außer Kaffee und Alkohol nimmt er nichts, sagt er. Doch damals in New York hat er schon seine Erfahrungen gemacht. Einige seiner Freunde hat das Heroin vernichtet. Andere hatten Aids, auch sein damaliger Freund Luis, dessen Namen er auf die Knöchel seiner rechten Hand tätowieren ließ.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neueren Bilder zeigen häufig apokalyptische Szenen, eine Serie haben Sie "Deluge" genannt (dt. Sintflut). Muss alles vor die Hunde gehen, bevor es besser werden kann?

LaChapelle: Das muss es nicht. Es gab im Laufe der Geschichte viele Menschen mit dieser Einsicht; die Stoiker, Buddha, Jesus, Ghandi, der Dalai Lama, wenn Sie so wollen. Die meisten erkennen jedoch erst im Angesicht einer Krise, was wirklich zählt. Das soll aber nicht heißen, dass ich hoffe, dass es so weit kommt, ich bin Optimist.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollten Sie keine Werbung mehr machen. Für Diesel haben Sie 2016 trotzdem wieder eine Kampagne fotografiert. Finden Sie es nicht widersprüchlich, dass Sie in Ihren Bildern auf die Zerstörung des Planeten hinweisen, aber gleichzeitig helfen, Jeans zu vermarkten, bei deren Herstellung 8000 Liter Wasser pro Paar verbraucht werden?

LaChapelle: Klar ist es Werbung für Jeans, aber ich fand den Slogan und die Botschaft der Kampagne sehr gut: Make love not walls. Das war noch bevor Trump gewählt wurde. Und ich hatte hier die Möglichkeit, einen bunten Haufen Menschen zu zeigen, die gemeinsam Wände niederreißen.

SPIEGEL ONLINE: Und das Honorar spielte keine Rolle?

LaChapelle: Ich habe genug Einnahmequellen. Marken wie Diesel haben einen großen Einfluss auf junge Menschen. Diese Kampagne wurde in vielen Ländern gezeigt. Damit erreichen Sie mehr als mit Ausstellungen in Galerien oder Büchern. Vielleicht hat jemand das Bild gesehen und deswegen seine Meinung geändert. Man glaubt es nicht, aber Werbung hat diese Kraft.

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David LaChapelle:
Good News. Part II

Taschen Verlag, 276 Seiten; 49,99 Euro



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