Bildband über Luxushäuschen Prunk passt in die kleinste Hütte

Stilvoller kann man Natur wohl kaum genießen: Der Taschen-Verlag hat einen opulenten Bildband herausgegeben, der sich der Architektur von Hütten widmet. Eine Inspirationsquelle für alle, die sich nach einem stylischen Refugium im Grünen sehnen.

Von

estudibasic, Manel Duró and Marta Gordillo

"Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte."

Schwer wiegen die Worte des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau. Und schwer ist auch der prächtige Bildband, den der Taschen-Verlag gerade herausgegeben hat: "Cabins" oder "Hütten" lautet der Titel, und darum geht es auch: um kleine Refugien im Wald, am Berg, auf der Wiese und sogar an der Fassade von Gebäuden hängend.

Inspiriert von Thoreaus Bekenntnis zur Natur lässt der Verlag architektonische Bestrebungen aufleben, Hütten zu bauen. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und im Zuge der Sorge um Umweltbelange entwickelten Architekten auf der ganzen Welt Bauten, die sich meist durch einfache Formen auszeichneten, sich mehr oder weniger in ihre Umgebung einpassten und häufig aus einfachen Materialien bestünden.

Mit einer wahren Bilderflut kommt das 464 Seiten starke Buch daher. Und tatsächlich stellt man schnell fest, es geht nicht um einfache Hütten, sondern um hocheffiziente Gebäude unterschiedlicher Größe und Ausstattung. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie größtenteils in Einzellagen im Wald, am See, im Gebirge oder auf der Alm stehen. Vorgestellt werden überwiegend Objekte aus Nordamerika und Europa, aber auch Bauten aus Japan, Australien und Südkorea.

Bunkhouse mit Fotovoltaik

Ab in die Natur, der lauten und schmutzigen Stadt entfliehen, um das Heil in der Einsamkeit zu finden - das scheint die Motivation hinter den Prototypen zu sein. Die verschiedenen Architekten bieten dafür unterschiedliche Lösungen an.

Da ist zum Beispiel die 9,3 Quadratmeter (Nutzfläche) große Hütte von Franke-Mirzian: das sogenannte Bunkhouse, mitten im Wald bei Haliburton in Kanada. Ausgestattet mit einem hoch effektiven Ofen und einer Fotovoltaik-Anlage kann die Hütte das ganze Jahr genutzt werden.

Auf der anderen Seite bietet beispielsweise Gudmundur Jónsson ein Haus in Norwegen an, das über eine Grundfläche von 100 Quadratmetern verfügt und damit über Platz für eine ganze Familie. Verzicht und Rückbesinnung auf das Nötigste scheint hier weniger eine Rolle gespielt zu haben als vielmehr die Nähe zur Natur: Große Fenster geben den Blick auf die Umgebung frei.

Dass aus Deutschland nur wenige Bauten vorgestellt werden, mag kaum überraschen. Sind doch Bauplätze in der Natur rar und die Bauvorschriften streng. Dafür ist die Auswahl bemerkenswert. So wird ein durchgestyltes Baumhaus präsentiert, das in Königstein einem Wohnhaus vorgesetzt wurde - mit direkter Verbindung zum Kinderzimmer im ersten Stock. Dagegen scheint Renzo Pianos Projekt "Diogene" in Weil am Rhein geradezu ein Klassiker zu sein, der auf keinen Fall fehlen durfte.

Warum Hütten der deutschen Schrebergartenkultur keine weitere Beachtung fanden oder warum zum Beispiel bekannte Projekte wie das 300-Dollar-Haus, ein Konzept des US-Professors Vijay Govindarajan zur Bekämpfung von Armut, oder wie die Bauten von Pritzker-Preisträger Shigeru Ban nicht gezeigt werden, bleibt unbeantwortet.

Bilder aus Armutsvierteln sucht man in diesem Hardcover-Buch erfolglos, das sich der romantischen Naturerfahrung verschrieben hat. Kein Zweifel, es handelt sich um eine imposante, inspirierende Schau hochwertiger wie stilvoller Kleinstbauten, lediglich von den Kunstinstallationen des japanischen Künstlers Tadashi Kawamata durchbrochen. So unterschiedlich die Hütten auch sein mögen, Herausgeber Philip Jodidio versetzt einen kurzzeitig in die Idylle.

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insgesamt 2 Beiträge
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ky3 05.12.2014
1. Gegner seiner Umgebung
Hätte man das Buch nicht besser "Fremdkörper" nennen können? Egal ob klumpig oder filigran, alles was ich sehe sind sind sterile, kalte Gegner seiner Umgebung.
the.memory.hole.1984 05.12.2014
2. In der Huette nichts Neues
Ein bisschen rund hier, ein bisserl Photovoltaik da, Stahl ist cool, keine Frage, aber eben auch schon seit den 70ern. Aus Abfaellen bauen? Gaehn... Viele dieser Studien sind absolut nicht alltagstauglich. Zum Teil scheint da weder ein Bett noch ein Bad reinzupassen, die entsprechenden Anschluesse wuerden dann eben auch die Optik noch weiter ruinieren. Nichts an den vorgestellten Huetten ist neu oder interessant. Manche sind pottenhaesslich und muessen vor spektakulaerer Kulisse in Szene gesetzt werden, um ueberhaupt einen Blick wert zu sein. Dabei geht gerade im Bereich Kleinstarchitektur und -design zur Zeit eigentlich die Post ab.
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