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01. März 2015, 11:15 Uhr

Modedesigner

Die Joop-Story

Wolfgang Joop verwandelt schöne Frauen in elfengleiche Wesen und steckt Millionen in sein Modeunternehmen. SPIEGEL-TV-Reporterin Maria Gresz kennt den Designer seit 30 Jahren und hat ihn jetzt im Alltag und auf den Laufsteg begleitet.

Mitte der Achtzigerjahre in Hamburg-Harvestehude - Heimat hanseatischer Pfeffersäcke und illustrer Künstler. Gewohnt wird in weißen Prachtbauten aus dem 19. Jahrhundert mit Blick auf die Alster. In einer sitzt damals ein junger Modedesigner, beim Essen mit Fotografen und Stylisten. Im Nachbarzimmer lungert eine Gruppe Teenager, die den Mann mit dem weizengelben Haar und den wildgemustertem Klamotten irritiert bewundert. Der Designer ist Wolfgang Joop, das staunende Kind bin ich. Maria Gresz, damals Schülerin.

Dreißig Jahre später treffen wir uns wieder und drehen einen Film über sein Leben. Dazwischen liegen Dekaden der Kreativität, die den Namen Joop zu einer Weltmarke gemacht haben. Eine One-Man-Show, deren Ursprung und Ende in Potsdam spielen.

Der Heilige See, September 2014. Am Ufer liegt die Villa Rumpf - ein Backstein-Wunder, erbaut 1895 im Auftrag des Würzburger Kunstmalers Fritz Rumpf. Seit zwölf Jahren ist hier die Keimzelle der Modemarke Wunderkind. Um die Mittagszeit erscheint Joop mit Hund und Fahrrad zur Arbeit.

Die nächste Kollektion steht an, die wievielte es in seinem Leben ist, weiß er nicht. Ist ihm auch egal. Das erste Problem des Tages tritt in Gestalt eines Trägerkleides auf. Irgendwie sitzt es nicht. "Die Nähte sehen aus wie ein Kaiserschnitt, so geht das nicht." Das Kleid wandert zurück in die Schneiderei und wird geändert. Dekonstruktion nennt Joop diesen Vorgang.

Stundenlang werden an diesem Tag Modelle vorgeführt, verworfen und neu gestaltet. Im Zentrum: der Meister. An seiner Seite: eine kleine Armada aus Assistenten, Fitting-Models und Schneidern. Erst nach der Show bei der Pariser Fashionweek wird der kreative Wettlauf zu Ende sein.

Angefangen hat alles 1987 in Hamburg. Mit der Reduzierung seines Namens auf vier Buchstaben gelingt Wolfgang Joop der Durchbruch. Das Unternehmen JOOP! macht Millionen mit Kosmetik und Mode. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich der junge Deutsche in eine weltweite Marke - und einen schwerreichen Mann. Als er seine Firmenanteile verkauft, ist er 150-facher D-Mark-Millionär.

Privat gerät der Designer in Turbulenzen. Das Familienidyll, bestehend aus seiner Frau Karin und den beiden Töchtern Jette und Florentine, zerbricht. Jette Joop, heute selbst als Designerin tätig, erinnert sich an die Kindheit in der Badestraße im Hamburger Pöseldorf:

30 Jahre später ist Wolfgang Joop immer noch im Modebusiness, jetzt unter dem Namen Wunderkind.

Zusammen mit seinem Tross reist er Ende September 2014 nach Paris, um seine neue Kollektion vorzuführen. Am Place des Vosges bezieht das Team die Beletage eines historischen Stadthauses. Als das Kamerateam eintrifft, klettert der Hausherr gerade über die Brüstung.

Im Gepäck des Joop-Clans: die Kollektion für Frühjahr und Sommer 2015. Vorführen mag er sie nicht. "Ich kann Kleider nicht hochhalten, da komm ich mir immer wie ein fliegender Händler auf dem Flohmarkt vor." Stoff anfassen mag er auch nicht. Ungewöhnlich für einen Modedesigner.

Im Minutentakt erscheinen elfenartige Wesen, weltweit gecastet, um die neuen Wunderkind-Kleider vorzuführen. Ebenfalls angereist ist ein Heer von Make-up-Artisten, Hairstylisten und Anziehhilfen. Dazu Mitarbeiter für Licht, Musik und Technik. Und natürlich die Schneider, die bis zur letzten Minute Korrekturen vornehmen. Die Show, die am Ende elf Minuten dauern wird, kostet eine Million Euro. Joop sieht das Geld gut angelegt: "Es ist ein Kurzfilm, der so viel kostet wie ein Hollywood-Film. Besetzt mit stummen Schauspielerinnen, die einfach nur vorbeirennen."

Der Abend wird ein Erfolg. Die bunten Karoanzüge mit den aufgenähten Blumen gefallen dem Publikum. Ein halbes Jahr Arbeit wird mit Applaus belohnt. Zufrieden und erschöpft verlässt der Künstler den Laufsteg und gönnt sich ein Late Night Dinner im Bistro. Seezunge ohne Kohlehydrate.

Die Firma Wunderkind finanziert Joop aus eigener Tasche. Wieder. Die ebenso kurze wie unerfreuliche Phase ist vorbei, in der Teile des Unternehmens dem Investoren-Ehepaar Gisa und Hans-Joachim Sander gehörten. "Hier wird niemand mehr gesponsert. Wenn ich ein Bild male, kaufe ich die Farbe und Leinwände ja auch selber und warte nicht darauf, dass mir die Leinwand-Industrie die Leinwände spendiert. Ich erwarte nicht mehr, dass ich von dieser Arbeit reich werde, aber sie hat mich emotional reich gemacht." Wenn er solche Sätze sagt, sieht er fast glücklich aus.

Dasselbe passiert, wenn er von seiner Kindheit spricht. Von seinen ersten Lebensjahren in Potsdam. Vom Bauernhof seiner Großeltern in der Ribbeckstraße, von den Streifzügen durch das nahegelegene Schloss Sanssouci und von den beeindruckenden Uniformen der russischen Soldaten.

Als der Krieg in Deutschland endet, ist das Einzel- und spätere Wunderkind ein halbes Jahr alt. Als sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt und die Familie nach Braunschweig umsiedelt, ist Wolfgang acht und unglücklich.

Der Junge aus Potsdam fühlt sich fern der Heimat. Ein Gemütszustand, den er jahrzehntelang nicht loswird. Nicht in Braunschweig, "wo der Vater mit seinem kleinen Redakteursgehalt keine großen Sprünge machen konnte", nicht in Hamburg, wo "die Pfeffersäcke einen derben Schnack drauf hatten". Und auch nicht in New York, wo "man sich immer als Immigrant fühlte". Angekommen ist er erst, als er vor 15 Jahren nach Potsdam zurückkehrt. Dem, wie er sagt, "schönsten Ort der Welt". Angesichts seiner Wohnverhältnisse eine durchaus zutreffende Beschreibung.

Als wir ihn in seinem Privathaus - der Villa Wunderkind - besuchen, steht er an einem überdimensionalen Zeichentisch und blickt auf den Heiligen See. In seiner Ohrmuschel zwei Brillant-Piercings, zu seinen Füßen die Rhodesian-Ridgeback-Dame namens Lottchen, an den Wänden moderne Fotokünstler und große Maler aus dem 19. Jahrhundert. Es passt alles zusammen. Pop, Punk und Preußischer Prunk. Bei Wolfgang Joop geht das.

Ein Interview im herkömmlichen Sinn ist mit dem Hausherrn kaum möglich. Joop spricht nicht, er wirft mit Worten um sich. In wenigen Minuten kann er den Zustand der deutschen Gesellschaft, die Bedeutung von Heidi Klum, den Niedergang der Bekleidungsindustrie und die Vorzüge präraffaelitischer Malerei analysieren. Entspanntes Zuhören gelingt da nur Hund Lottchen.

Eine Woche später, Anfang Dezember, verlässt Joop sein altes Preußen und fliegt in die neue Welt. Nach Los Angeles. Er soll helfen, "Germany's Next Topmodel" zu finden. Schon in der vergangenen Staffel räumte der alte Herr die Sympathiepunkte des jungen Publikums ab. Seine Rolle: eine Mischung aus gütigem Großvater und schrillem Modepapst. Er selbst ist der Meinung, dass "man durch die mediale Präsenz erstmals die ganze Bedeutung seiner Arbeit erkannt hätte". Das kann man so sehen, muss es aber nicht.

Am Set quält sich der Designer in eine schlecht sitzende Pilotenuniform. Die Mütze zu klein, die Jacke zu groß, die schwarzen Lederschuhe mit den dicken Gummisohlen ein stilistischer Albtraum. Der Darsteller trägt es mit Humor. Gedreht wird der Trailer für die aktuelle Staffel. Heidi Klum mimt die Stewardess, Wolfgang Joop und sein Mit-Juror Thomas Hayo die Piloten. Der eingeflogene Regisseur arbeitet sonst mit Stars wie Rihanna.

Ein Vierteljahr im Leben des Wolfgang Joop ist abgedreht. Dreißig Jahre liegen zwischen unserem Kennenlernen und Drehschluss. Ich bin jetzt 47 und der Designer 70. Für ihn kein Grund, um nachzulassen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit meinesgleichen ins betreute Wohnen ziehe, denn meinesgleichen kenne ich nicht. Irgendwann kommt ohnehin der letzte große Freund, der Tod, und umarmt dich. Das ist doch eine Alternative, mit der man sich anfreunden kann, oder?"

Sendehinweis:

Die Joop-Story, eine SPIEGEL-TV-Reportage in vier Teilen, startet am Mittwoch, 4. März um 0:20 Uhr auf Sat.1

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