Neue Trikots der Nationalmannschaft "Özil und Can sehen schon sehr gut drin aus"

Sie sind olivgrün und haben graue Streifen: die neuen Auswärtstrikots der DFB-Elf. Wofür die Farben stehen und worauf bei den Entwürfen geachtet wird, verrät der Chefdesigner Jürgen Rank.

Ein Interview von

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Rank, Sie haben das neue Auswärtstrikot der Fußballnationalmannschaft für die EM in Frankreich entworfen. Warum ist das Trikot grau und olivgrün?

Rank: Grau steht für den Beton der Hinterhöfe und Bolzplätze, auf denen die Straßenfußballer zu Hause sind. Die urbane Seite also. Grün hingegen für die Rasenplätze der Vereinsmannschaften. Der Clou ist, dass es sich auch umgedreht tragen lässt. Das neue Heimtrikot steht mit seinem Weiß hingegen für das Vermächtnis der Nationalelf.

SPIEGEL ONLINE: Hinterhofdribblings und Establishment?

Rank: Exakt. Beide Seiten beeinflussen sich. Die eine Seite ist Anreiz für die andere, und aus den Straßenkickern werden später neue Vorbilder.

SPIEGEL ONLINE: Also passt das olivgrüne Trikot auch eher zu den Bolzplatzhelden im Nationalteam?

Rank: Ja, vielleicht. Also Emre Can und Mesut Özil sehen schon sehr gut drin aus, finde ich.

Zur Person
  • Adidas
    Jürgen Rank, 45, ist Chefdesigner für Fußballkleidung bei Adidas, seit 2004 ist er verantwortlich für die Gestaltung des DFB-Trikots. Rank hat in London Design studiert und ist dabei als großer Fußballfan in die britische Fußballkultur eingetaucht. Er selbst ist nach dem deutschen Nationalspieler Jürgen Grabowski, der von 1966 bis 1974 im Einsatz war, benannt. Im Jahr 2001 gründete er zu Ehren seines Heimatvereins SpVgg Bayreuth ein "von Fans für Fans" betriebenes Fußballmuseum.
SPIEGEL ONLINE: Die Eltern der Fans, die das Trikot nachkaufen, haben so vielleicht auch weniger zu waschen, weil man auf dem dunklen Trikot die Flecken nicht so schnell sieht.

Rank: So kann man es auch sehen. Von der gedeckten Farbgebung her ist es an die normaleren T-Shirts angelehnt, die die jungen Fußballer beim Straßenkick so tragen.

SPIEGEL ONLINE: Aber modisch sollte es doch sein. Ist das der Grund für die horizontalen grauen Streifen?

Rank: Das Trikot ist eindeutig von der Mode inspiriert. Wir schauen auch auf Fashion-Messen, wohin der Trend geht und was in ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Fußballtrikot also eher ein Produkt des Trends, oder kann es auch Trends schaffen?

Rank: Wir sind in diesem Jahr bei allen Nationalmannschaften zwei Schritte nach vorn gegangen. Wir wollten, dass die Trikots auffallen, so wie beispielsweise das spanische Trikot. Darauf sieht man viele frei angeordnete Dreiecke. Sie stehen für das berühmte Spielsystem der Spanier - mit den schnellen Passfolgen. Unser Ziel war es, die Fußballfans zu überraschen.

SPIEGEL ONLINE: Oder zu irritieren?

Rank: Sicherlich ist das Auswärtstrikot nicht für alle Altersgruppen perfekt. Das erlebe ich ja auch. Sogar mein Vater, der schon 1966 als Fan zur WM nach England gereist ist, hat mich angeschaut und gefragt, was wir da bloß gemacht hätten. Aber für Jugendliche, die sich nach der Schule zum Kicken treffen, ist es genau richtig.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es 80 Millionen Bundestrainer, sagt man. Derzeit hat man das Gefühl, es gibt auch 80 Millionen Modedesigner. Wie gehen Sie damit um, dass Ihre Arbeit so breit diskutiert wird?

Rank: Der Grad der emotionalen Betroffenheit, wenn ein neues Trikot rauskommt, hat sich schon sehr verändert. Die sozialen Medien verleihen jedem eine Stimme, einige wollen darüber ihren Frust abbauen, andere geben konstruktive Hinweise. Aber es ist ja so: Bleibt man auf bewährten Pfaden, heißt es: langweilig! Machen wir etwas Neues, ist die Aufregung groß.

SPIEGEL ONLINE: Worüber regen sich die Leute auf?

Rank: Jede Naht, jeder kleine Stern kann Gefühle wecken. Beim WM-Trikot für 2014 gab es sogar Petitionen gegen die weißen Hosen und nun sagen dieselben Fans, das damalige Outfit sei besser als das jetzige gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Damals wurde das Weltmeister-Trikot tatsächlich viel diskutiert, heute ist es durch den Weltmeistertitel fast ausnahmslos positiv besetzt. Also ist Erfolg wichtiger als das Design?

Rank: Nein, aber die emotionale Verbindung hat schon einen ziemlichen Einfluss darauf, wie ein Trikot wahrgenommen wird. Das Produkt bleibt ja im besten Fall ewig in den Köpfen. Viele erinnern sich an die schwarz-rot-goldene Grafik von 1990, die damals auf der Brust abgebildet war. Durch den WM-Titel in Rom wurde sie zur Ikone. Auch deswegen haben wir für 2014 wieder so eine Grafik ausprobiert - das angedeutete Victory-Zeichen. Ich glaube, wer mit einem Trikot eine gewisse Philosophie verbindet, wer sich darin wohlfühlt, weil es gut aussieht oder er Stärke aus dem Design zieht, der spielt auch besser.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland ist 1954 in schwarzen Socken Weltmeister geworden. Zum neuen Trikot gehören wieder schwarze Socken. Werden wir damit also Erfolg haben?

Rank: Hoffentlich. Dieser Einfluss darf nicht unterschätzt werden. Wir haben beim neuen Trikot auch wieder einen Rundkragen, ähnlich wie 1972 und 1974.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Sie deutsch am Nationaltrikot?

Rank: Deutsch ist das weiß-schwarze Heimtrikot. Wenn ich das aus der Entfernung sehe, dann weiß ich immer, dass da Deutschland spielt. Es ist das eindeutige Kennzeichen der deutschen Elf. Das wird immer so bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Welches Trikot ist in Ihren Augen das schönste der Fußballgeschichte?

Rank: Für mich ist es das gelbe Trikot mit den schwarzen Streifen der Spvgg Bayreuth von 1987. Zweite Liga war das damals.

SPIEGEL ONLINE: Warum gefällt Ihnen gerade das?

Rank: Natürlich bin ich da als Bayreuther vorbelastet. Aber es ist ein tolles Gelb, leuchtend, sonnig. Dabei hat es eine legendäre Materialbeschaffenheit. Es ist nicht atmungsaktiv, viel zu schwer, und der Stoff löst sich nach längerem Tragen auf. Aber ich liebe es, es ist Fußballgeschichte. Und das Beste war der Sponsor: "Großschlächterei Wölfel". Sensationell.



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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
joshuaschneebaum 20.11.2015
1. Furchtbar
Diese Trikots erfordern den sofortigen Rücktritt des Vorstands. Ach so, Niersbach ist ja schon zurückgetreten, und das kurz bevor diese Trikots zur Schau gestellt wurden. Respekt für Niersbach, der Mann hat gewusst warum er seinen Hut nimmt - wegen dieser Trikots, warum sonst.
fatherted98 20.11.2015
2. hmmm....
...die vier Typen sehen aus wie Zombies...ist das gewollt?
lauf123 20.11.2015
3. Design?
Für so etwas hässliches hat man einen Designer bemüht? Schade um das Geld. Aber vielleicht gefällt es ja einigen Militaristen?
dgs 20.11.2015
4. Bedingt nachvollziehbar ...
Vieles ist toll an dem Artikel und den Aussagen von Herrn Rank, aber dass Mesut Özil gut darin aussehen soll? Herr Özil sieht leider in nichts richtig gut aus, muss er aber auch nicht, ist ja schließlich Fußballer und nicht Modell. Und als Fußballer hat er schon oft überzeugt. Aber mit der Aussage Özil sähe darin gut aus, macht man sich unglaubwürdig...
hugohabicht 20.11.2015
5. Sehr interessant
Ich hab mich schon immer gefragt, wer hinter den hässlichen Entwürfen von Adidas steht. Mittlerweile hat man sich fast dran gewöhnt, von Adidas immer Geschmacklosigkeiten zu sehen. Komisch das Nike es meistens schafft etwas tragbares abzuliefern. Das sollten die Adidasler mal analysieren und nicht ständig über die "80 Millionen Modedesigner" rumjammern. Dann klappts auch mit dem Marktanteil.
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