Die Dinge des Lebens V-Ausschnitt

Claudia Voigt macht zum ersten Mal die Erfahrung, wie abgeklärt man wird, wenn etwas in Mode kommt, das man so ähnlich selbst schon getragen hat.

Moderner V-Ausschnitt
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Moderner V-Ausschnitt


Seine Eltern sucht man sich nicht aus. In diesem Satz, der nur im ersten Moment wie eine Plattitüde klingt, steckt eine Tragweite, die einem zu schaffen machen kann. Die Eltern bestimmen nämlich den Ort, an dem man seine Jugend verbringen muss, und sie sind verantwortlich dafür, in welche Dekade diese Jugend fällt. Mir ist schon klar, dass meine Eltern sich nichts Böses dachten. Trotzdem: Ich wuchs in den frühen Achtzigern im Hamburger Nordosten auf.

Hier gedieh zu dieser Zeit die Popper-Bewegung: Teenager, die sich in taillenhohe Karottenhosen kleideten, denen die Stirnhaare in einer langen Tolle ins Gesicht fielen und die sich überhaupt ständig Gedanken darüber machten, wie sie aussahen. Ich gehörte dazu. Besser gesagt, ich strengte mich an dazuzugehören. Seitenlange Magazinartikel setzten sich mit dem Phänomen auseinander, Journalisten staunten, wie angepasst und konsumgierig diese Schülergeneration war, dass sie mit abgespreiztem Finger rauchte und ein eigenes Mofa als höchstes Ziel betrachtete.

Leider kann ich nicht behaupten, das Schnöselige und Unsympathische an der "Jugendbewegung" - die heute einen Wikipedia-Eintrag hat! - damals durchschaut zu haben. "Sehen und gesehen werden ist des Poppers Glück auf Erden", lautete der Leitspruch, und er wurde von uns völlig ironiefrei befolgt. Also stand man am Samstagabend um elf Uhr vor der Tenne (einer Diskothek im Hamburger Stadtteil Alsterdorf) und versuchte - den Pullover mit V-Ausschnitt in die Hose gesteckt, an den Füßen ein Paar Loafers - so auszusehen, als sei man das Kind reicher Eltern. Das war der Code, den es zu erfüllen galt.

Dresscode: Kind reicher Eltern

Das Nicken des Türstehers segnete den gelungenen Look ab, die Disco stand einem für diesen Abend offen. Montags in der Schule gehörte man zu denen, die dabei gewesen waren. Eine furchtbar enge Welt. Schon damals, daran erinnere ich mich, habe ich darüber gestaunt, wieso das, was in unserem Vorort als angesagt galt, plötzlich überall in Mode kam. Von Plakatwänden schauten Models in die Welt, die aussahen wie die Jungs auf meinem Gymnasium.

Aus dem S-Magazin

Von heute aus betrachtet, lag der wahre Stilbruch der Popper nicht in ihrem langweiligen Kleidergeschmack, sondern in ihrer Weigerung, gegen die Generation der Eltern zu rebellieren. Bis dahin war es üblich, dass Teenager mindestens augenrollend, wenn nicht verächtlich auf ihr Zuhause reagierten. Egal ob Hippies oder Punks, darin waren sich alle weitgehend einig.

Nicht so die Popper. Sie imitierten das Leben von gut situierten Vierzigjährigen. Vielleicht bezahlten Mutti und Vati deshalb so bereitwillig die teuren Kleiderwünsche der Kinder - keine Elterngeneration in der BRD war bis dahin so glimpflich davongekommen. Wenn etwas von den Poppern geblieben ist, dachte ich in den vergangenen Jahren manchmal, dann ist es dieser stupide Nachahmungswille. Mütter und Teenagertöchter laufen oft wie Klone herum, in den gleichen Jeans, den gleichen Turnschuhen, die Haare offen und gleich lang.

Die Generationen haben sich in einem fernsehserienhaften Miteinander eingerichtet. Dazu tauchen nun auch die Klamotten der Popper wieder auf. Es begann vor ein, zwei Jahren damit, dass Gucci Loafers wie aus den Achtzigern anbot. Seitdem sehe ich überall: hüfthohe Hosen, Poloshirts mit hochgestelltem Kragen, Daunenmäntel, in die Hosen gesteckte V-Pullover. Ich warte auf Perlenketten, Seidentücher.

Zum ersten Mal mache ich die Erfahrung, wie abgeklärt man wird, wenn etwas in Mode kommt, das man so ähnlich selbst schon getragen hat. Natürlich beneide ich die jungen Frauen in ihren Achtziger-Looks auch, alles liegt noch vor ihnen. Dazu wird allerdings auch gehören, dass sie später Fotos von heute angucken und erkennen: Ich war jung - aber wie alt sah ich bitte schön aus?



insgesamt 8 Beiträge
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pleromax 26.11.2018
1. Immerhin
Immerhin gab es zu den Poppern eine echte Gegenkultur, nämlich die Punks. Aufgekratzte Animosität inklusive: "Liegt der Popper tot im Keller, war der Punker wieder schneller", lautete ein gängiger Spruch. Derlei sucht man - zumindest als einigermaßen homogene Bewegung - heute vergebens.
tom_tom_tom 27.11.2018
2. homogen?
@pleromax : Liegt vielleicht daran, dass heutzutage alles diverser ist, sich also auch nicht nur polarisierte Kulturen gegenueberstehen. Bunt ist gut.
Papazaca 27.11.2018
3. Popper waren etwas mehr ...
Das Foto zu diesem Popperkommentar sagt es aus: Popper sein war damals nicht nur das Imitieren gutsituierter Vierzigjähriger. Es ging oft darüber hinaus. Es war die Bedeutung von gutem Aussehen und oft teurer Kleidung. Ähnlich wie bei den Sapeur im Kongo waren das auch teure Klamotten von Designern. Die Klamotten auf dem "Titelfoto" bestätigen das auch. Das"ich will besonders gut aussehen" ging über die Stereotypen bürgerlicher Kleidung hinaus. Das diese Jugendkultur in Ihrer Einordnung problematisch war, zeigte das Meinungsforschungsinstitut SINUS mit seinen Milieus. Die packten die gesamte Jugendkultur mehr oder weniger in eine große Schublade, Popper neben Punks. Etwas war an dieser Sammelschublade dran: Die Musik der Punks entwickelte sich zum Teil zu New Wave. Auf die Sexpistols folgten die Talking Heads. Und was ist aus den anarchischen Frisuren der Punks geworden? Rote oder violette Haare tragen heute auch die älteren Damen, die früher über Punkfrisuren die Haare gerümpft haben. Fazit: Irgend wann landet alles im Mainstream.
catcargerry 27.11.2018
4. Nietenhosen und Rollkragenpullover
Wenn Mode sich wiederholt, bin ich mein Leben lang immer mehr dazwischen gewesen, aber hatte nie ein ernstes Problem damit. Ich fand es nicht wert, mich mit meinen Eltern über "Anziehsachen" zu streiten und ging mit Stoffhose statt Jeans in die Schule. Meine Söhne haben zeitweise eine Konzeptschule besucht, die Sozialkompetenz besonders ins Schaufenster legt. Auf keiner anderen hatten sie die Chance zu lernen, was Mobbing ist, der große auch als Opfer. Er trug nämlich keine oder nur selten Markenklamotten und machte uns deshalb Vorwürfe. Ich riet ihm, zu sagen, seine Eltern könnten sich das nicht leisten. "Du spinnst ja, die kennen Euch doch!" "Sag es und grins dabei, nach drei Mal hast Du Ruhe." So war es nicht, er brauchte ein paar Mal mehr, aber dann hat es funktioniert - Erfahrung fürs Leben. Letztens hatte er bemerkt, dass ich mir eine Auswahl Rollkragenpullover besorgt habe. "Na ja, Du hast ja das Alter", musste ich mir sagen lassen. Ein paar Tage später las ich, dass "... der gute alte Rollkragenpullover seit letztem Jahr als Turtleneck wieder Auferstehung feiert ..." Ok, letztes Jahr, aber so nah war ich selten dran.
PRAN1974 27.11.2018
5.
Also von gutem Aussehen kann ich auf den Fotos von 80s Mode nun wirklich überhaupt nichts erkennen, auch wenn die Sachen teuer gewesen sein mögen. Eher total lächerlich. Für mich modemäßig und aussehenstechnisch (Frisuren! Schnauzbärte!) das schlimmste Jahrzehnt, noch vor den ebenfalls üblen 90ern. Dass die Models auf Plakatwänden plötzlich wie die Mitschüler der Autorin aussahen, ist hoffentlich ironisch gemeint oder denkt sie wirklich, der eigene Stadtteil habe einen Stil geprägt. Andersrum wird es richtiger. Jugendliche lassen sich von den Mitschülern oder Medien beeinflussen. Das Rebellieren über Kleidung funktioniert nicht in jeder Generation, wenn die vorherigen schon sehr provokant waren, und die Konkurrenzbewegung der Punks gab es ja auch noch. Aber bei einem kann man beruhigt sein: Es kommt zwar alles wieder in der Mode, aber nicht im selben Umfang und Ernsthaftigkeit wie damals. Hippie- oder 60s-Kleidung ist auch immer wieder angesagt, aber im Mainstream nur als Anleihen oder modisches Statement und nicht als Komplettlook für jeden Tag.
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