Londoner Edel-Schneider "Deutsche Männer tragen mutlose Anzüge"

Der Kreativchef des Londoner Edel-Schneiders Edward Sexton trifft auf einen 24-jährigen Designer aus Berlin. Ein Gespräch über die Werte von Hipstern, langweilige Herrenanzüge und Merkels Modestil.

"Deutsche Männer tragen mutlose Anzüge", findet Dominic Sebag-Montefiore, der Kreativchef des Londoner Edel-Schneiders Edward Sexton
Getty Images

"Deutsche Männer tragen mutlose Anzüge", findet Dominic Sebag-Montefiore, der Kreativchef des Londoner Edel-Schneiders Edward Sexton

Ein Interview von Eva Lindner


SPIEGEL ONLINE: Herr Sebag-Montefiore, Sie sind zum ersten Mal in Deutschland. Was ist Ihr Eindruck von dem Kleidungsstil der Berliner?

Sebag-Montefiore: Berlin hat eine sehr dynamische und aktive Streetwear-Kultur. Ich habe tolle Freizeitstile, sehr experimentelle und kreative Kombinationen gesehen. In den Geschäftsbezirken dagegen tragen die Männer unglaublich konservative Anzüge. Sie kommen mir vor wie deutsche Autos: elegant, verlässlich und praktisch - aber mutlos.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Sebag-Montefiore: Die Männer tragen sehr durchschnittliche, vorhersehbare Anzüge. Klassisch, angepasst, damit sie sich sicher fühlen. Viel Hugo Boss, in Marineblau oder Dunkelgrau, mit einem weißen oder blauen Hemd und einer Krawatte, die kein bisschen hervorsticht, also Anzüge ohne charakteristische Besonderheiten in den Proportionen, in der Textur oder Farbe. Sie fallen nicht negativ auf, aber sie werden auch niemanden begeistern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mogg, Sie kaufen in Londoner Second-Hand-Läden Vintage-Anzüge und schneidern sie um. Gibt es dafür überhaupt einen Markt, wenn der deutsche Mann sich lieber unauffällig anpasst?

Mogg: Meine Kunden sind alle sehr jung. Sie kaufen ihre Anzüge nicht für die Arbeit, sondern, um schick auszugehen. Neulich bestellte jemand einen Anzug, mit dem er ins Kino gehen kann. Viele tragen ihre Anzugjacke sogar mit Jeans und Sneakers. Es geht bei Vintage darum, Gefallen an Qualität zu finden. Und das ist etwas sehr deutsches. Mein Anzug ist 30 Jahre alt, aber das sieht kein Mensch.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Ecken von Berlin hat man das Gefühl, alle tragen nur noch Leggings, XXL-Shirts, Bärte und Beutel. Herr Sebag-Montefiore, wie gefällt Ihnen das?

Sebag-Montefiore: In London schauen viele auf die Hipster-Kultur herab. Das finde ich schade. Es sind meistens sehr selbstreflektierte Menschen. Natürlich ist es ein Problem, wenn man zu viel über sich selbst nachdenkt und was einen glücklich macht. Wenn man sich aber ansieht, was die Hipster-Kultur hervorbringt - Mikrobrauereien, Modelabels, Bäckereimanufakturen -, dann stößt man auf detaillierte Handarbeit, altmodische Werte, die in einer Welt voller seelenloser Massenware wieder an Bedeutung gewinnen. Es ist doch schade, dass wir in den Geschäften der großen Modemarken alle das gleiche kaufen und homogen herumlaufen, egal ob in Berlin, Paris oder Hongkong.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Berliner im Vergleich zu Mode-Hauptstädten wie London, Paris oder Rom nachlässig?

Sebag-Montefiore: Man muss sich die Stadt ansehen, in der die Leute leben. Berlin hat einen wunderbaren Charme, es gibt alte Häuser neben modernen, überall Graffiti, wunderschöne Parks, die wild wachsen, nicht so akkurat wie in England. Die Berliner tragen, was zu ihrer urbanen Umgebung passt. In Rom gibt es in der Architektur viele Farben und ein sattes Licht, das spiegelt sich in der bunten Mode wieder. In einer grauen Stadt wie London fehlt dafür das Licht, bei uns verstehen aber ein paar Schneider ihr maßgenaues Handwerk.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit wird viel über die Mode der mächtigen Frauen in der Poltik gesprochen. Was halten Sie von Angela Merkels immer gleicher Kombination aus Hose und Jackett?

Sebag-Montefiore: Es geht doch darum, was funktioniert. Steve Jobs hatte immer schwarze Jeans, einen Rollkragenpulli und ein Jackett an. Das war seine Philosophie von Effizienz. Er hat herausgefunden, was funktioniert und es wiederholt. Merkel strahlt Sicherheit und Integrität aus. Ich würde ihr trotzdem zu mehr Eleganz raten.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Angela Merkel anziehen?

Sebag-Montefiore: Ich würde die Linien ihrer Jacketts fließender gestalten. Sie brauchen eine sauberere Struktur, oft fallen sie an ihr zusammen und werfen Falten. Frauen, die in männlichen Geschäftsfeldern wie Politik, Finanzen oder Recht arbeiten, müssen sehr darauf achten, was sie anhaben. Viele tragen Hosenanzüge, damit sie überhaupt von den Männern gesehen und gehört werden. Das sollte nicht so sein, ist aber leider oft so.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mogg, Sie haben BWL studiert und nie eine Schneiderausbildung gemacht. Wie haben Sie Herrn Sebag-Montefiore kennengelernt?

Mogg: Seit ich 15 bin, interessiere ich mich für Anzüge. Ich habe früh angefangen, gebrauchte Anzüge aus der Savile Row in London umzunähen. Als ich in einer Bank und im Marketing gearbeitet habe, fanden Kollegen Gefallen an meinen Anzüge und bestellten welche bei mir. Mein größter Traum war es immer, einen Anzug von Edward Sexton zu haben, den konnte ich mir aber nicht leisten. Also bin ich nach London gefahren und habe Dominic angeboten, für das Unternehmen Marketing in Deutschland zu machen. Er hat sich darauf eingelassen und ich habe meinen Anzug etwas günstiger bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Die alteingesessenen Edel-Schneider in London scheinen sich generell mehr auf ihren guten Ruf als auf Marketing zu verlassen. Reicht das noch oder verpasst man da den Anschluss an den globalen Onlinehandel?

Sebag-Montefiore: Edward Sexton sagt immer, die beste Werbung seien unsere Kunden. Aber im digitalen Zeitalter reicht das nicht, wir müssen am Online-Geschäft teilnehmen und verkaufen deshalb Anstecknadeln und Hemden über das Internet. Aber Luxus bremst den Onlineverkauf aus. Bei uns kostet ein Anzug durchschnittlich 4500 Pfund. Bei so viel Geld wollen unsere Kunden sicher sein, dass er auch passt. Und ich lerne meinen Kunden nur bei der persönlichen Beratung und beim Maßnehmen so gut kennen, dass ich weiß, wer er ist und was er braucht.



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freigeist1964 10.10.2016
1. Die Herrenmode
ist eine Qual. Die klassischen Herrenanzüge sind ein Ausdruck der Langeweile und Austauschbarkeit , und die modernen Anzüge, also die Röhrenschnitt und Hochwasserhosen sind an Gescnmacklosigkeit kaum noch zu übertreffen ist.
FrieFie 10.10.2016
2. Der Schneider guckt und schmunzelt sich eins ...
da sind auch mal hier oder da Fältchen in der Armkugel, oder Dellen. Selbst beim großen Meister himself. Wie beruhigend, dass auch die Zauberer aus der Savile Row nur mit Wasser kochen.
gamrith 10.10.2016
3. Mein Anzug ist mein Blaumann...
...Arbeitskleidung eben und ist somit ähnlich relevant in der Selbstwahrnehmung. Das dürfte bei den meisten so sein.
MtSchiara 10.10.2016
4. nicht nur deutsche Männder, und nicht nur Anzüge
Nicht nur deutsche Männer sind mutlos, und nicht nur bei Anzügen. Männer sind die großen Verlierer der Modeentwicklung der letzten hundert Jahren: Frauen genießen heute in der Mode weitgehende Freiheiten, wohingegen Männermode streng reglementiert ist. Fast alle Farben, Formen und Stoffe finden sich nur bei der Damenmode, wohingegen es bei der Herrenmode fast nur uniformähnliches Einerlei gibt. Wären Männer wirklich mutig, dann würden sie sich das nicht länger gefallen lassen, und sich aus Protest - und natürlich aufgrund der viel größeren Auswahl - auch in der Damenabteilung einkleiden, bis sich in der Herrenabteilung substantiell etwas verbessert hat.
loncaros 10.10.2016
5.
Die meisten Männer die ich kenne wollen gar keine Anzüge tragen, werden aber dazu genötigt, weil man mit Krawatte und Sakko so seriös und professionell wirkt. Dass die dann gar keine Lust haben, da große Sprünge mit zu machen ist wenig verwunderlich, oder?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.