Bildband über Eingänge in Mailand Hereinspaziert

Hinter schweren Schwingtüren versteckt sich in Mailand eine Welt, in der selbst die Briefkästen Einzelanfertigungen vom Designer sind. Der Fotograf Karl Kolbitz zeigt die schönsten Hauseingänge in einem Bildband.

Paola Pansini/ Taschen

Von Katharina Cichosch


Vielleicht war es ganz gut, dass Mailand bereits vor Jahrhunderten als "die hässliche Stadt" galt und niemals in einer Gefälligkeitsliga klassischer Schönheit spielte wie, sagen wir, Rom. Noch heute verbinden Besucher aus Italien und der Welt mit der norditalienischen Stadt vor allem brutalistischen Beton, verbaut nach der Theorie vom Mangel, der nötig ist, um Besonderes zu schaffen: Vielleicht liegt hierin der Motor, warum Mailand und nicht Rom Hauptstadt des Designs wurde - und wieso die Milaneser nicht nur Orte des privaten und öffentlichen Lebens außergewöhnlich gestalteten, sondern auch ihre Hauseingänge.

Hinter schweren Schwingtüren versteckt sich in Mailand oftmals eine Welt, in der selbst die Briefkästen Einzelanfertigungen vom Designer sind: Auch Leuchten und Türknöpfe wurden mit größter ästhetischer Sorgfalt ausgesucht, der Marmor sowieso. Weshalb man all diese Gesamtkunstwerke im Prinzip mit einer Legende ausstatten müsste wie sonst Fotostrecken in Modemagazinen: Boden aus Arabescato Orobico Grigio, Wände aus Botticino.

Das dachte sich auch Karl Kolbitz. Einen kompletten Bildband widmet der Fotograf und Redakteur nun jenem Gebäudeteil, der quasi für jedermann einsehbar ist, der gerade im passenden Moment vorbeiläuft, wenn sich die schwere Schwingtür in die richtige Richtung neigt. Was die Neugier auf jenen Ort naturgemäß nur noch steigert: Denn spannender als die absolute Offenbarung ist, wie jeder weiß, das angedeutete Geheimnis.

Kolbitz nähert sich dem Phänomen, ohne den Zauber dabei auch nur annähernd zu entblößen: "Entryways of Milan - Ingressi Di Milano", heißt seine Sammlung von 144 Mailänder Hauseingängen. Einige der ausgewählten Exemplare sind überwältigend schön, andere designhistorisch spannend, alle zusammengenommen spektakulär. Bei seinen Aufnahmen verzichtete Kolbitz größtenteils auf eine besondere Inszenierung - Mailands Eingänge brauchen keine extravagante Ausleuchtung.

Als Teenager war Kolbitz zum ersten Mal in der Stadt und seitdem hingerissen von ihrer Schönheit, die sich in den Bahnstationen, auf den Piazzas und eben auch in den ganz normalen Wohnstraßen versteckte. Der Anlass, sich jenen zu widmen, ist schnell erklärt: Es gab einfach bis dato keine Fotoserie und kein Buch zum Thema.

Natürlich, räumt der Fotograf ein: Wer im wiedervereinigten Berlin aufgewachsen ist, für den ist es nicht schwer, klassisch-schönere Orte zu finden. Tatsächlich kann Mailand auf ein reiches modernistisches Erbe zurückblicken - und auch das vermutlich nicht zuletzt, weil die Stadt noch nicht überstopft war mit Pracht und Prunk, sondern Raum blieb für ästhetische Neuerungen.

Im Falle der Hauseingänge, jener merkwürdigen Übergänge zwischen drinnen und draußen, haben die Jahre 1920 bis 1970 eine ganze Welt zum Entdecken hervorgebracht: Einige sind im Art déco gestaltet, andere in der Spielart des italienischen Modernismus. Oder im extravaganten Stile Gio Pontis - der italienische Architekt und Designer gestaltete 1954 ein Treppenhaus voll mit pastellblauen, leuchtend gelben und roten Diamant- und Obeliskformen.

Auf anderen Seiten finden sich spannende Ensembles aus Waschbeton-Reliefs, Marmor und Designersesseln auf khakifarbenem Teppich oder vermeintliche Geheimgänge mit hinterleuchteten Trompe-l'oeil-Türen. Überhaupt: Wenn die Räume ausgeleuchtet sind, dann gern indirekt, versteckt. Dazwischen atemberaubende Treppengeländer und Diamantfliesen, antike Statuen auf Designerböden, riesige Drehbriefkästen, handgefertigte Türgriffe und moderne Skulpturen, aberwitzige Mosaike und Zwischenräume, die mit Pflanzeninseln und Goldakzenten geradewegs dem Set eines Fassbinder-Films entsprungen sein könnten.

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Karl Kolbitz:
Entryways of Milan - Ingressi di Milan

Taschen, 384 Seiten, Englische Ausgabe, 49,99 Euro

Natürlich geht es auch um Marmor, viel Marmor (und manchmal anderen Naturstein): Er stellt den Boden und vielerorts auch die Wände, Treppenstufen und Decken. Doch Marmor ist nicht gleich Marmor, es gibt Dutzende Sorten, Farben und Musterungen, allein in Italien. Nur folgerichtig, dass für den Bildband gleich zwei Expertinnen angeheuert wurde, die allein dafür verantwortlich zeichneten, die verschiedenen Steinsorten präzise zu benennen. Daneben enthält der Band kurze und längere Essays zur "hässlichen Stadt", zum Geheimnis des Eingangs, zur Tradition italienischer Kacheln und zu den Pflanzen, die vielerorts eine doch bedeutende Nebenrolle in diesen faszinierenden Gesamtarrangements spielen.

Mailands Ingressi sind von verschwenderisch schöner Opulenz, ohne jemals protzig zu sein. Dank Karl Kolbitz sind sie nun auch außerhalb der Stadtgrenzen und nicht nur in jenem kurzen Moment, bevor die Tür Schloss fällt, zu bestaunen.


Die zugehörige Foto-Ausstellung läuft noch bis zum 18. Juni im Mailänder Taschen-Store.



insgesamt 10 Beiträge
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mettwurstlolli 15.05.2017
1. Herrlich
Sollte Pflichtlektüre für Architekten hierzulande werden. Eingänge sind offenbar ein gern vernachlässigtes Thema.
Shulma Shmoller-Shmopp 15.05.2017
2. Noch am Leben
Diese Eingänge sind sehr interessant. Sie evozieren eine Kultiviertheit, die hinter den Wohnungstüren noch um einiges größer sein darf, aber nicht muss. Sie führen immer zu einer Überraschung. Im Gegensatz zu den Eingängen der Gründerzeit, die lediglich tradierte Sicherheit und Solvenz ausstrahlen, gibt es hier eine stilistische Extravaganz, die noch nicht ganz museal geworden ist, in ihrem Retro aber auf dem besten Wege dazu ist. Alt, aber gerade noch am Leben. Bacio.
muebbing 15.05.2017
3. Schick
Von Design hatta wat wech, der Italiener !!!
chichawa 15.05.2017
4. Sehr schöne Beispiele
Von heutigen Architekten und Designern erwarte ich aber auch einen guten Blick auf die Funktion. Das schöne harmonische Bild bei Nr. 6 leidet doch sehr an der eingeschränkten Ereichbarkeit des Aufzugs, oder wurde der gar nachträglich eingebaut?
felisconcolor 15.05.2017
5. Früher
war eben doch (fast) alles schöner. Da hatte man auch die Muße und die Geduld zur Liebe zum Detail. Heute muss alles schnell schnell schnell und billig und kostet unterm Strich plötzlich doch ein heiden Geld.
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