Beauty für Bio-Freunde Die Schönheitsköniginnen

Welche Frau will schon Kind oder Mann küssen, wenn ihr künstliche Chemiefarbe auf den Lippen klebt? Ein Berliner Kosmetik-Label paart jetzt Öko mit Glamour - ein Erfolgsrezept.

Norman Konrad/ SPIEGEL Wissen

Berlin, Prenzlauer Berg, ein Loft im Hinterhof. Noch riecht es nach dem ökologisch unbedenklichen Parkettöl, mit dem der frisch verlegte Holzboden getränkt wurde. Hohe Sprossenfenster, weiße Wände - die ehemalige Fabrikhalle strahlt, als ob es den Berliner Schmuddeltag draußen gar nicht gäbe.

Ein Jahr nach dem Start ist eine junge Kosmetikfirma hierher in große, repräsentative Geschäftsräume umgezogen.

Ein Jahr, das ist nur ein Atemzug für eine Existenzgründung. Für den Versuch, eine Produktlinie zu etablieren, die es schon in Abertausenden Varianten auf dem Markt gibt. "Es war", sagt Christina Roth und zieht verwundert die Augenbrauen hoch, "als hätten sie auf uns gewartet."

Lippenstift, Wimperntusche, Lidschatten, Kompaktpuder & Co. - all die kleinen Helfer, um weibliche Gesichter mit ein bisschen Farbe, ein bisschen Frische, ein bisschen Glamour aufzutunen. Darauf soll irgendjemand gewartet haben?

Offensichtlich. Jedenfalls, wenn sie von "Und Gretel" produziert werden. Von wem?

Christina Roth, Erfinderin und Mitgründerin des neuen Kosmetik-Labels, rutscht auf ihrem Konferenzstuhl herum wie eine Schülerin, die endlich ihre Geschichte vorlesen darf. "Es sollte ein deutscher Name sein, der auf alte Werte verweist, irgendwie traditionell, irgendwie märchenhaft." Brainstorming am Lagerfeuer, man kam auf die Brüder Grimm, Hänsel und Gretel, "da geht es um Intellekt und Intuition", meint Roth, Hänsel versuche mit allen Tricks, drohendes Unheil abzuwenden, "und Gretel schafft es, weil sie die Hexe einfach in den Ofen stößt". Hänsel und Gretel also - aber wieso Hänsel, wenn es um Make-up für Frauen geht? Übrig blieb "Und Gretel". Dass die Leute bei dem Namen stutzen, findet Roth "gerade gut".

Die blonde Schwäbin hatte eine Vision. Mithilfe ihrer Schönheitsmittel sollten sich Frauen in Paradiese versetzt fühlen, wo Büroangestellte und Verkäuferinnen auf einen Blush zu Prinzessinnen erblühen. Sich mit ihren Produkten zurechtzumachen, das sollte nicht nur das Spiegelbild, sondern das Wohlbefinden verbessern. Äußerliche Schönmacher mit Tiefenwirkung, so war ihr Ziel.

Ohne Tierversuche und Konservierungsstoffe

Ihr Handwerk hat Roth gelernt. Die Homepage der Make-up-Artistin versammelt Glitzernamen aller Art. Von Franziska van Almsick und Iris Berben bis Sophie Rois, Nora Tschirner und Katarina Witt reicht das Promi-Portfolio der Schminkkünstlerin, die neue Mrs Murdoch firmiert in der Liste ihrer Kundinnen noch als Jerry Hall. Männer wie Daniel Brühl, Herbert Grönemeyer, Oskar Roehler und Tom Tykwer haben sich den Pinseln und Quasten der lebhaften Visagistin anvertraut, sogar raue Hänsels wie Jürgen Vogel und Wotan Wilke Möhring finden sich unter ihren VIPs.

Jahrelang legte die Kosmetikerin Hand an die Haut der Hautevolee, ebnete Fältchen ein, puderte Pausbäckchen zurück und Jochbeine hervor, tupfte, zupfte, klopfte, lackte. Doch die Tinkturen, Gels und Gloss, die sie verwendete, wurden von mehr und mehr ökobewussten Kunden als zu künstlich, zu chemisch empfunden. "Die Haut ähnelte nach einem Film- oder Fotoshooting oft einer Wüstenlandschaft", sagt Roth. Benutzte sie rein pflanzliche Schönmacher, sahen die Models zwar so natürlich aus wie Eier aus Bodenhaltung, aber alles andere als makellos zurechtgemacht fürs Studiofoto mit High-Definition-Make-up.

Roth wollte beweisen, dass beides zusammengeht: topmodische Looks und Naturkosmetik. Hochkünstliche Geschöpfe schaffen, irgendwo zwischen Schneewittchen und Schneeweißchen, aber mit unbedenklichen Produkten. Mit Rohstoffen, die nicht nur verschönern, sondern der Haut auch guttun, natürlich ohne Tierversuche und Konservierungsstoffe.

Märchen, Mythen, Lagerfeuer, eine Frau und ihre Vision: Ist es wirklich so einfach, aus einem Einfall ein "blühendes Geschäft" zu machen, wie das "Handelsblatt" acht Monate nach der Einführung schrieb? In einem Markt, der allein in Deutschland elf Milliarden Euro umsetzt und in dem die Naturkosmetik heute immerhin schon ein Zehntel ausmacht?

Einfallsreichtum und unverwüstliche Energie

Als Christina Roth erfuhr, dass sie allein eine halbe Million Euro brauchen würde, um ihre Produktpalette zu entwickeln, hätte sie beinahe schlappgemacht. "Da fange ich lieber nur mit einem Lipgloss an", war ihr erster Gedanke. Aber dann wäre die kaufkräftige Kundschaft, die sie im Blick hatte, weiterhin vom Puder bis zur Wimperntusche auf andere Fabrikate angewiesen gewesen. Der Freund, mit dem sie jahrelang an ihrer Idee herumgedacht hatte, verließ beide, Frau und Projekt. So suchte Christina Roth "einen Mann, der Ordnung in die Zahlen bringt".

Auf dem Balkon nebenan fand sich stattdessen eine Frau. Die Marketingexpertin Stephanie Dettmann hatte bei internationalen Unternehmen gelernt, zügig Entscheidungen zu treffen. "Sie saß da und arbeitete eigentlich immer", erinnert sich Roth. Die Frauen kamen ins Gespräch, immer intensiver auch über das "Und Gretel"-Projekt. Dettmann gefielen Roths Einfallsreichtum und ihre unverwüstliche Energie. Und als die zum Aufbruch in die Selbstständigkeit Entschlossene ihr bei einem Tee den Vorschlag machte, das Abenteuer gemeinsam zu wagen, sagte Dettmann so spontan zu, als hätte sie darauf nur gewartet: "Es war wie ein Heiratsantrag, und ich habe sofort Ja gesagt."

Aber die erfahrene Agenturfrau wusste auch, dass man eine Marktstudie und eine Finanzierungsstrategie braucht, Partner, Fachleute, Unterstützer. Dass so ein Masterplan von der Produktidee über Herstellung, Design, Verpackung, Werbung bis zum Verkauf wie am Schnürchen abrollen muss. "Zum Glück ahnt man ja trotz aller Professionalität nicht", sagt Dettmann, "was für ein Slalom aus Umwegen und Rückschlägen vor einem liegt."

Zwei Frauen gründen eine Firma, worauf kommt es an? "Fragen, fragen, fragen", sagt Roth, "wir haben jedem, dem wir zutrauten, etwas beizutragen, Löcher in den Bauch gefragt." Gibt es EU-Mittel für Existenzgründer? Gibt es. Macht es Sinn, gleich ein ganzes Sortiment zu produzieren? Macht es. Wie viel Geld geben Frauen monatlich für ihre Schönheit aus? Eine Marktstudie ergab, dass sie es gar nicht so genau wissen, will sagen: wissen wollen. Sie möchten sich "etwas gönnen", sagt Dettmann, morgens im Bad "hübsche Produkte anschauen" und ihre Kinder "mit gesundem Lippenstift küssen". Da dürfen 30 Milliliter Make-up dann ruhig 48 Euro, eine Wimperntusche 33 Euro und ein Lippenstift 39 Euro kosten.

Anderthalb Millionen Euro Schulden haben die Damen aufgenommen für ihr Label, das überwiegend in Italien produziert wird und das renommierte deutsche BDIH-Gütesiegel trägt. Mit ihrer Fusion von Ökologie und Ökonomie, mit Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Sachverstand überzeugte das Duo zwei Berliner Banken und eine Münchner Investorengruppe. Um noch gut schlafen zu können, brauchten sie aber vor allem absolutes Vertrauen ineinander und gegenseitigen Respekt, wenn es mal Zoff gab. Dass sie nicht mehr zu den Jüngsten gehören, sei ein Vorteil gewesen - Roth ist Jahrgang 1962, Dettmann zehn Jahre jünger, verheiratet, das zweite Kind ist gerade geboren. Familie und Beruf seien in der Selbstständigkeit besser zu verbinden als mit den starren Arbeitszeiten im Angestelltenverhältnis.

Vegane Delikatessen, nachhaltige Designerfashion

So unterschiedlich die beiden Frauen erscheinen, umtriebig und übersprudelnd die eine, zielstrebig und wild entschlossen die andere: Gemeinsam ist ihnen, dass sie genau wissen, was sie wollen, flexibel bleiben, wenn es die Situation verlangt, und absolut bereit sind, sich verbindlich aufeinander und den gemeinsamen Weg einzulassen.

Zu Hilfe kommt ihnen ein alternativer Luxustrend. Wer sich zwischen San Francisco und Berlin-Friedrichshain zu den "Yuccies" zählt, den Young Urban Creatives, die sich vegane Delikatessen und nachhaltige Designerfashion gönnen, der verwöhnt seine Epidermis vorzugsweise mit edel-natürlichen Substanzen. Zutaten wie Muskatellersalbei, Bienenwachs oder Avocado-Mandelöl weist die junge Berliner Märchenmarke aus. Eine "nachhaltige Seele" gehöre quasi zu den Inhaltsstoffen, so Roth.

Noch ehe die neue Marke überhaupt in den Drogerien lag, gewannen die "Und Gretel"-Tiegel und -Stifte im hippen Bauhausdesign einen internationalen Branchenpreis der Kosmetikindustrie. Lifestyle-, Beauty- und Frauenmagazine warben ebenso für "Und Gretel" wie Öko- und Wirtschaftszeitschriften. Zur Einführung der exklusiven Schminke kamen 1500 Gäste - und zwar nicht irgendwohin: Andreas Murkudis, Berlins angesagtester Konsumritter, hatte zum Launch der fabulösen Schönmacher in sein Design-Kaufhaus geladen.

Ketzerische Frage: Braucht es bei der ganzen Zurück-zur-Natur-Bewegung überhaupt noch Kosmetik? Da machen sich die beiden Neu-Unternehmerinnen keine Sorgen. Das Bedürfnis, sich zu verschönern, sei im Menschen angelegt. Nicht nur in der Frau. Bei "Und Gretel" ist also noch Luft für Hänsel.

bettina.musall@spiegel.de

Kreativ wird Bettina Musall, wenn sie ausgeschlafen ist und Lust auf das hat, was zu tun ist. Zum Beispiel Kuchen zu backen und dabei das Rezept abzuwandeln. Besonders wenn es heißt "Das geht nicht", springt ihr Kreativitätsmotor an, nach dem Motto: "Geht nicht, gibt's nicht."

Aus SPIEGEL WISSEN 2/2016


insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
gehirnbrand 29.05.2016
1. mal sehen
mal sehen ob man in 1. jahr noch was davon hört...
gehirnbrand 29.05.2016
2. 1.5mio
1.5mio.....davon gehen wahrscheinlich 10000eur in die Produkte, rest unklar in 'Reklame' .....super! Alles etwas unglaubwürdig, da ist zwar alles Bio aber das Herzblut fehlt!
cerb.doe 29.05.2016
3. ..
Na sowas. Solcherart Kosmetik gibt es bei LUSH aber schon etwas länger. Aber der Laden hat ja keinen "Glamour"..
mona_k. 29.05.2016
4. Ohne Tierversuche
Schön und gut, aber auf der Peta Liste kann ich das Unternehmen nicht finden. Was der BDIH-Siegel aussagt, hat schon der WDR 2012 kritisiert. http://www.bdih.de/download/2012_01_BDIH_PA_WDR_Naturkosmetik.pdf
mborevi 29.05.2016
5. Umgekehrt ...
... wird ein Schuh draus: Welcher Mann will schon eine Frau küssen, die Farbstift auf den Lippen hat? Man schmeckt doch lieber Frau als Chemie ...
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