Kunstsammeln mit schmalem Budget "Man muss dem eigenen Geschmack immer voraus sein"

Seine erste Lithografie bezahlte Erling Kagge mit zwei Flaschen Wein. Heute besitzt er 600 Kunstwerke und will "armen Sammlern" helfen, mit wenig Geld zu großer Kunst zu kommen.

Gestalten/ Ina Hagen

Ein Interview von


Zur Person
  • Kagge Forlag/ Marte Garman
    Erling Kagge, Jahrgang 1963, ist nur in seiner Freizeit Kunstsammler. Er führt in Oslo seinen Verlag Kagge Forlog und war mehrfach auf Expeditionen an die Pole und den Mount Everest unterwegs.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kagge, was war das erste Stück Ihrer Kunstkollektion?

Kagge: Meine Freundin hatte mich gerade verlassen, da entdeckte ich den Druck eines kaum bekannten Künstlers: Er zeigte eine Frau, die mich an meine Ex-Freundin erinnerte. Ich bezahlte mit zwei Flaschen Rotwein. Das war vor 30 Jahren. Die Lithografie ist inspiriert von Edvard Munch, ich mag sie immer noch. Mein erstes Kunstwerk eines internationalen Künstlers war ein Gemälde von Richard Prince. Ich zahlte 50.000 Euro - und viereinhalb Jahre später verkaufte ich es für fünf Millionen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Handbuch haben Sie für "arme Sammler" geschrieben. Sehr arm wirken Sie selbst nicht.

Kagge: Verglichen mit den großen Fischen, die Millionen von Dollar haben, bin ich es schon. Super-Reiche sind in den Kauf selten direkt involviert, sie picken sich ein paar Trophäen heraus. Ihren Sammlungen fehlt es an Seele.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren gerade auf der Kunstmesse Art Basel. Haben Sie etwas gekauft?

Kagge: Ja, fünf, sechs Werke - eines schon vor der Eröffnung. Unter anderem ein Foto von Wolfgang Tillmanns. Und Werke von drei Künstlern, von denen ich noch nichts in der Sammlung habe, die mich aber interessierten.

SPIE GEL ONLINE: Sie raten Anfängern, die noch keine Kunst besitzen, zunächst einmal drei Werke zu kaufen. Wie findet man die?

Kagge: Der gängige Rat ist, zu kaufen, was einem gefällt, und sich viel Zeit mit der Entscheidung zu lassen. Ich halte beides für falsch. Man muss einfach anfangen zu kaufen! Wenn man nur erwirbt, was einem gefällt, mag das gut sein für den Platz überm Sofa. Aber wenn man etwas besitzt, das sperrig ist, hat man länger davon, weil man sich dauernd damit auseinandersetzen muss. Man muss dem eigenen Geschmack immer voraus sein.

SPIEGEL ONLINE: Wieviel Geld brauche ich mindestens, um mit dem Sammeln anzufangen?

Kagge: 5000 Euro sind ein sinnvolles Einsteigerbudget. Würde ich heute anfangen, würde ich Werke aus nummerierten Editionen kaufen, die gibt es schon für ein paar Hundert Euro pro Stück.

SPIEGEL ONLINE: Und was bekomme ich sonst noch für 5000 Euro?

Kagge: Damit kann ich zu einer Kunstmesse reisen und eine Handvoll Werke interessanter Künstler kaufen. Aber vor allem sollte man ein paar Kunstmagazine abonnieren. Ich schaue mir immer alle Seiten an - vor allem die Anzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Kagge: Das sind die neutralsten Informationen über Kunst, die es gibt: ein Foto mit einem Werk aus der Schau, Datum, Adresse, fertig. In "Artforum" sind es mehrere Hundert Seiten.

SPIE GEL ONLINE: Es scheint der neue Trend zu sein, nicht mehr in Gold oder Häuser zu investieren. Was halten Sie von Leuten, die Kunst als Kapitalanlage sehen?

Kagge: Ich denke, sie sind naiv. Es ist verlässlicher, sein Geld in Immobilien zu stecken. Bei Kunst weiß man nie, was daraus wird.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie oft wieder verkauft?

Kagge: Nur drei Mal. Wenn der Wert eines Kunstwerks ums 1500-fache steigt, beginnt man, das Geld mehr zu lieben als das Werk selbst.

SPIEGEL ONLINE: Wie gewinnt man denn als Neuling die Gunst der Galeristen?

Kagge: Es ist ein kleines, albernes Spiel: Sie machen es dir schwer, du musst dir ihren Respekt erarbeiten. Es ist wichtig, bei Vernissagen aufzutauchen. Man muss zeigen, dass man wegen der Kunst da ist. Dann sind die Galeristen auch schnell bereit, Werke zu verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Arroganz gehört da zur Berufsidentität?

Kagge: Ja, aber Galeristen haben auch eine Verantwortung den Künstlern gegenüber. Wenn Preise schnell steigen, kommen "Art Flipper", die Werke kaufen und gleich teurer verkaufen. Das ist nicht im Interesse der Galeristen und der Künstler.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie durch die Galerien ziehen, haben Sie ein fixes Budget?

Kagge: Ich gebe immer alles aus. Manchmal mehr als ich habe. Es heißt oft, man soll fünf oder zehn Prozent des Gehalts in Kunst investieren. Aber ich liebe Kunst! Dafür kaufe ich keine teuren Autos, Kleider oder Flugtickets.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neuen Werke von der Art Basel sind noch unterwegs. Wissen Sie schon, wo Sie sie aufhängen?

Kagge: Ich werde etwas abhängen müssen. Man hat einfach immer zu wenige Wände. Ich habe ungefähr 600 bis 700 Werke, ich hänge regelmäßig um. Ein paar sind im Verlag, andere in einem Museum in Oslo.

SPIEGEL ONLINE: Und ein Kunstwerk des Konzeptkünstlers Lawrence Weiner landete auf Ihrer Toilette. Wieso?

Kagge: Warum nicht? In der Ausstellung bedeckte es eine ganze Wand. Wir mussten es aufteilen, damit es passte. Jetzt ist das Klo ein eigener Lawrence-Weiner-Raum. Das ist übrigens keine Respektlosigkeit - ihm hat die Idee gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Abenteurer und Verlagschef. Wieso sammeln Sie eigentlich ausgerechnet Kunst?

Kagge: Ich mag, dass sie schwierig sein kann. Und: In mir steckt ein Sammler. Ich verkaufe Dinge nicht gerne, ich behalte sie lieber.

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