Fahrradladen 10Bici in Hamburg Radel verpflichtet

Peer Hanslik handelt mit Stahl und Storys. Wer in seinem Hamburger Laden ein altes Rennrad kauft, lernt auch dessen Vorbesitzer kennen. Für die besten Räder mit Geschichte reist er Tausende Kilometer.

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Einmal klingelte Peer Hanslik um 6 Uhr Morgens bei einem Adligen in Turin. Dieser wohnte in einem Palazzo und verkaufte sein altes Rennrad, weil er mit 75 Jahren nicht mehr die Alpenstraße bezwingen konnte. Hanslik war extra aus Hamburg angereist, 1224 Kilometer weit, um dem Signore das alte Stahlrad für seinen Fahrradladen 10 Bici abzukaufen.

Hansliks Bike-Laden ist kein gewöhnlicher. In seinem Geschäft unweit der Hamburger Reeperbahn bietet der 53-Jährige gebrauchte Rad-Youngtimer an. Stahlräder vor allem aus Italien - vorwiegend aus den Siebzigern, Achtzigern und aus den frühen Neunzigerjahren, aber auch erste Renner mit Alu-Rahmen. Was die meisten seiner Räder gemein haben: Sie sollen ihre Käufer nicht nur durch Design und Technik begeistern; sondern vor allem durch die kleinen und großen Abenteuer, die ihre vorherigen Nutzer auf ihnen erlebten. Kinder, Männer und Frauen, die sich im Sattel wie Helden fühlen durften, Siege erkämpften, Niederlagen erlitten oder fremde Länder durchquerten. Und die sich dann von diesen Rädern trennten.

"Ich wollte die alten Räder mit Emotionen aufladen"

Wer bei 10Bici (gesprochen "Dietschie Bietschie") ein Rennrad kauft, bekommt dazu eine Karte. Quasi den Anfang eines Stammbaums mit Foto des Vorbesitzers. "Viele Räder stammen aus Erstbesitz", so Hanslik. Wie beispielsweise ein blaues Damenrennrad der Marke Olmo. Deren Besitzerin Anda Nekula bewahrte es jahrzehntelang in einer Scheune in Südtirol auf - als Erinnerung an ihre Jugend. Doch als die Scheune umgebaut werden musste, trennte sich die Frau von ihrem Olmo.

Oder Silvio Patron, der vor circa 30 Jahren ein edles Benotto-Rennrad im sizilianischen Syrakus für 1,8 Millionen Lire kaufte. Heute lebt er im Barockstädtchen Vittoria und hat sich - auch wegen der schlechten Straßen im Süden Siziliens - für ein Mountainbike entschieden.

"Ich wollte die alten Räder mit Emotionen aufladen und habe mich gefragt, wie das am besten geht", erzählt Hanslik. Wie man Dinge für Konsumenten begehrlich macht, damit kennt sich der studierte Designer aus. Außer 10Bici betreibt er noch eine Werbeagentur, der Radladen sei nur eines "seiner Standbeine". Aber so, wie er den kleinen Shop führt, scheint es sich um eine Herzensangelegenheit zu handeln.

Optik schlägt im Zweifel die Story

"Historie kann den Wert einer Marke extrem steigern", sagt Nicolas Nasner, Marketingspezialist von der Unternehmensberatung Batten & Company. "Bier ist ein gutes Beispiel. Ein Markenbier, das eine Tradition bis ins Mittelalter nachweist, kann deutlich teurer verkauft werden als ein Noname-Bier." Doch bei den Vorbesitzern von alten Fahrrädern handelt es sich ja nicht um Marken, sondern unbekannte Menschen. "Fahrräder mit Geschichten zu verkaufen ist eher Werbung als dass der Kunde bereit wäre, für das persönliche Extra mehr zu zahlen", urteilt Nasner.

Zumindest kann Hanslik sich mit seinen Storys von anderen Radläden abheben. Aber auch seiner eigenen Passion folgen: nämlich mit Menschen über das Radfahren zu sprechen. Dass es bei 10Bici nicht einfach um Anschauen, Probefahren und Kaufen geht, zeigt schon die Inneneinrichtung des Ladens, der nur freitags, samstags und nach Vereinbarung öffnet: Weißer Fußboden, an den hellen Wände hängen nur fünf Räder - obwohl der Laden nur 17 Quadratmeter misst, wirkt er nicht zugestellt, sondern eher wie eine Galerie für moderne Kunst. "Statt Bildern hängen hier Fahrradrahmen", sagt Hanslik. Aus einem historischen Schaub-Lorenz-Radio ertönt klassische Musik.

Kunst zum Verkauf: Manche Räder hängen bei 10Bici wie Bilder an der Wand
Peer Hanslik

Kunst zum Verkauf: Manche Räder hängen bei 10Bici wie Bilder an der Wand

Der Name 10Bici sollte ursprünglich das Konzept des Ladens wiedergeben. Nie sollten mehr als zehn Räder im Verkaufsraum stehen, nun sind es doppelt so viele geworden. "Zehn Räder sind fertig, der Rest ist Back Office", sagt Hanslik. Nach der Eröffnung im Jahr 2013 habe er schnell gemerkt, dass seine Kunden in erster Linie nach Optik gehen. Ist das Rad dann rot, statt im gewünschten Blau, kann selbst die beste Story nicht zum Kauf bewegen. Zudem seien Frauen mehr an der Vorgeschichte interessiert als Männer.

Die meisten Räder kommen aus Mailand oder Turin

Seine Kunden beschreibt Hanslik als gut verdienende Hipster oder Männer ab 45 Jahren, für die Geld nicht so entscheidend ist. Für die alten Fahrräder ruft der Hamburger Preise zwischen 400 und 800 Euro auf. Allerdings können die Käufer auf einen Wertzuwachs der Räder spekulieren. "Ich verkaufe ja ein Produkt, das nicht mehr nachwächst", sagt Hanslik.

"Manche meiner Kunden sehen so ein Rad dann auch wie eine Aktie." Wer vor drei Jahren ein Stahlrennrad der Marke Gios im firmentypischen Blau für 700 bis 800 Euro bei Ebay ersteigerte, hat eine gute Rendite erzielt. "Heute kann man sich auf die Schulter klopfen, wenn man es für das Doppelte bekommt", so Hanslik. Ähnlich begehrt sind Bianchi-Räder in Celeste - einem hellen Türkisgrün.

Die meisten Rennräder bei 10Bici stammen aus der Gegend um Mailand und Turin, dort, wo sie ursprünglich auch einmal gebaut wurden. Über lokale Internetplattformen findet Hanslik die gebrauchten Schätze und holt sie dann selbst vor Ort hab. Dafür habe er sich eigens einen Citroen-Berlingo-Kastenwagen gekauft. Bis zu 20 Räder passen da rein. "Die Verkäufer gucken einen schon komisch an, wenn sie hören, dass man aus Hamburg kommt."

Und nicht jeder will die ganze Geschichte zum Rad preis geben. "Manche wollen lieber verschweigen, wenn sie das Bike aus gesundheitlichen Gründen verkaufen müssen", erzählt der 10Bici-Gründer. Dann fällt die Historien-Karte leider weg. Sehr zum Bedauern von Hanslik. "Aber das muss ich natürlich respektieren."

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
benmartin70 16.02.2016
1.
Der Artikel passt super ins Resort "Auto".
Art Mooney 16.02.2016
2. Braune Pest
Ich liebe solche klassischen Rennräder. Aber es ist ist immer ein Risiko, alte Rahmen zu kaufen, da die Rohre von innen nach aussen rosten und oft irgendwann einfach nachgeben. Gerade bei den dünnen Rennrad-Rohren sehr wahrscheinlich. Dann ist die schöne "Investition" futsch.
sir wilfried 16.02.2016
3. Damenräder ohne Rücktrittbremse?
Ich hätte nicht gedacht, dass sich sowas in D verkaufen lässt. ;-)
bikel 16.02.2016
4. Immer wieder schön
so alte Fahrradrahmen. Die schlanke Eleganz wird mit den "fetten" Alu- und Carbonrahmen nicht mehr erreicht. zu Art Mooney: Stahl härtet von Außen nach Innen durch, Rost ist bei hochwertigen Stahllegierungen weniger das Problem. Problem ist manchmal die Verchromung, die dann schon eine werksseitige Materialschwächung darstellt. Bei sehr hochwertigen Rahmen auch kein Thema... Die Stahlrahmen, die wir zusammengebaut haben, wurden von uns hohlraumversiegelt, fast alle Kollegen haben es ebenso gemacht... Schade nur, dass bei den "Stahlrädern" ein ALAN abgebildet ist, mit Alu-Rahmen ;-)))
bikel 16.02.2016
5. Immer wieder schön
so alte Fahrradrahmen. Die schlanke Eleganz wird mit den "fetten" Alu- und Carbonrahmen nicht mehr erreicht. zu Art Mooney: Stahl härtet von Außen nach Innen durch, Rost ist bei hochwertigen Stahllegierungen weniger das Problem. Problem ist manchmal die Verchromung, die dann schon eine werksseitige Materialschwächung darstellt. Bei sehr hochwertigen Rahmen auch kein Thema... Die Stahlrahmen, die wir zusammengebaut haben, wurden von uns hohlraumversiegelt, fast alle Kollegen haben es ebenso gemacht... Schade nur, dass bei den "Stahlrädern" ein ALAN abgebildet ist, mit Alu-Rahmen ;-)))
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