Jungdesigner Bobby Kolade Der Modemixer

Bobby Kolade wurde als Shootingstar gefeiert, dabei hat auch seine außergewöhnliche Biografie geholfen. Jetzt will der Designer im Berliner Berghain beweisen, dass er mehr ist als der Underdog aus Afrika.

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Er kann es nicht mehr hören. Ob es nicht wahnsinnig schwer gewesen sei, damals vor neun Jahren, als er aus Uganda nach Berlin kam? Wie schnell er denn Deutsch gelernt habe? Fragen, die seine Biografie abtasten. Und sich nicht für das interessieren, was ihm wichtig ist: seine neue Kollektion.

Bobby Kolade ist nicht ganz unschuldig an den Fragen. Eine Lebensgeschichte wie seine lässt sich gut vermarkten, das weiß er, das weiß seine PR-Agentur. Und in seinen Entwürfen setzt er sich mit den unterschiedlichen Kulturen auseinander. So ist es auch bei seiner dritten Kollektion, die er am Dienstagmittag in Berlin gezeigt hat.

Kolade kam 1987 im Sudan auf die Welt, sein Vater ist Deutscher, seine Mutter kommt aus Nigeria. Kolade wuchs in Uganda auf. Bis ihn seine Musiklehrerin fragte, ob er nicht nach Berlin ziehen wolle. Die Stadt passe so gut zu ihm. Kolade folgte seinem Bauchgefühl, das macht er oft. Und es hat ihn auch in diesem Fall nicht getäuscht.

In Berlin schrieb er sich an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee ein, erst studierte er Kommunikationsdesign, dann wechselte er zur Mode. Noch so ein Bauchgefühl. Von 2010 bis 2012 lebte er in Paris, er war je ein Jahr lang Praktikant bei Maison Martin Margiela und Balenciaga. Viel besser geht es kaum.

Markenzeichen: Baumrinde

Nach seiner Rückkehr an die Weißensee-Schule legte er eine fulminante Abschlusskollektion hin: "Things Fall Apart" hieß sie, Kolade spielte darin mit den Klischees über Deutsche und Afrikaner. Die Entwürfe hatten Gürtel, Krägen und Manschetten, die das Akkurate der Deutschen symbolisieren sollten. Beim Material griff er auf Lubugo zurück, das aus dem afrikanischen Feigenbaum gewonnen wird: Die Rinde wird gekocht und dünn geklopft, bis sie optisch an Leder erinnert. Kein Stück gleiche dem anderen, sagt Kolade. Und nach neun Monaten wachse die Baumrinde wieder nach. "Ein ur-romantischer Prozess." Der Stoff ist zu einem seiner Markenzeichen geworden.

Für seine erste Kollektion verlieh der Berliner Senat Kolade den "Start Your Fashion Business Award", das war im Juli 2013. Der Preis brachte Aufmerksamkeit und Prestige, zu den Gewinnern der vergangenen Jahre gehören Augustin Teboul und Michael Sontag. Er brachte aber vor allem einen üppigen Gründungszuschuss von 25.000 Euro. Was er denn damit machen wolle, fragte Jette Joop Kolade auf der Bühne. "In den Urlaub fahren", antwortete der. Und begriff erst später, dass das Publikum seinen Scherz geglaubt hatte. Seitdem, so sagt er, ist er vorsichtiger, wenn er in der Öffentlichkeit redet.

Kolade ist jetzt eine Firma

Mit dem Geld gründete Kolade sein Label, die zweite Kollektion zeigte er im April 2014. Sie hieß "39", weil sein Jackett aus genau so vielen Einzelteilen zusammengeschneidert ist. Kolade verwendete 56 unterschiedliche Materialien - ein weiteres seiner Markenzeichen. "39" wurde positiv aufgenommen, aber die ganz große Resonanz blieb aus.

Das soll sich jetzt ändern. Kolade hat seit November einen Onlineshop und seit Januar eine Partnerin, die sich ums Geschäftliche kümmert. Kolade ist jetzt eine Firma. Für seine neue Kollektion hat er erstmals mit einem Designteam zusammengearbeitet. Auch, dass er jetzt im Rahmen der Fashion Week seine Entwürfe präsentiert, ist eine Premiere. Er will nicht mehr der Designer aus Afrika sein. "Ich sehe das Bild, was dann in den Köpfen entsteht: Wie ich mit Baumrinde auf dem Rücken aus Afrika komme und kein Wort verstehe", sagt Kolade. Er will auch nicht mehr der Shootingstar sein, das Wunderkind. "Bobby Kolade soll ein Name sein, den man mit ordentlichen, hochwertigen, modernen Frauenanzügen verbindet", sagt er.

Ein erster Schritt ist seine Modenschau in der Halle am berühmten Berliner Klub Berghain. Draußen Schneeregen, drinnen Bunkercharme. Zur Musik der Band Mama zeigt Kolade 32 Outfits. Es gibt wieder Oversize-Mäntel, es gibt Lubugo-Jacketts. Und diesmal auch fünf Kolade-Schuhmodelle - und noch mehr Materialien. Allein einer der Faltenröcke besteht aus 13 unterschiedlichen Stoffen, darunter Wolle, Wildseide und Lamettastrick. Er wird 2200 Euro kosten.

Ein Hof als Inspiration

Für die Kollektion habe er sich von dem Hof vor seinem Büro inspirieren lassen, erzählt Kolade wenige Tage vor der Schau in seinem Atelier im Berliner Stadtteil Wedding. "Hier gibt es auf kleinstem Raum eine Moschee, einen Afro-Supermarkt, eine Poco-Filiale und einen DHL-Shop." Man erkenne schon an der Kleidung der Menschen im Hof, welches Ziel sie hätten. Diese Charakteristika will Kolade in seiner Kollektion transportieren: Die langen Mantelkleider sollen an die Gewänder türkischer Frauen erinnern; die aufgesetzten Taschen auf Kittelkleidern und Hosen an Blaumänner; die knalligen Farben und Muster an Afrika. Die Models sind weiß, schwarz, klein, groß.

Kolade geht es um das Verbindende. Deshalb hat er sich auch für das Berghain entschieden. Dort würden die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen. Er selbst hat dort viel gefeiert, Freunde und auch seine Geschäftspartnerin kennengelernt.

Für Kolade ist die Präsentation während der Fashion Week ein großer Schritt. Umgekehrt ist Kolade das, wonach sich Berlin sehnt: Er zeigt, warum die Stadt in der Modebranche relevant ist. Berlin hat nicht die ganz großen Namen und auch nicht die ganz großen Schauen. Aber sie hat Platz für Newcomer, für Ausgefallenes. Für Schuhe und Mäntel aus Lubugo im Berghain.

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