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21. September 2016, 13:04 Uhr

Fotoprojekt auf Föhr

Inselbegabung

Ein Interview von

Sie sind Krabbenfischer, Heimatsänger, Windsurfer. Die Fotografin Mila Teshaieva hat die Bewohner Föhrs porträtiert. Dafür lebte sie drei Monate auf der Insel und benutzte eine spezielle Fototechnik. Stil-Klassiker

SPIEGEL ONLINE: Frau Teshaieva, mögen Sie Föhr?

Teshaieva: Ja, definitiv. Immer, wenn ich zurückkomme von der Insel, fühle ich mich gereinigt, meine Seele, mein Gehirn sind befreit von all dem Bullshit, all den Sorgen und Ängsten. Wenn man vier Wochen da ist und im Wind Rad fährt, denkt man weniger über Sachen nach, die einem normalerweise in Berlin ständig durch den Kopf gehen. Alles ist irgendwie realer.

SPIEGEL ONLINE: Für diese reinigende Wirkung sind Ihre Fotos aber ziemlich düster ausgefallen. Warum?

Teshaieva: Weil Föhr für mich ein Ort ist, der verloren in Raum und Zeit scheint. Ich war auch immer nur im Herbst oder im Winter da. Es war einsam und leer. Dann gehört die Insel den Menschen dort, nicht wie im Sommer, wenn die Touristen da sind. Das ist ein ganz anderer Zustand. Die Menschen sind gleichzeitig verletzlich und stark. Wie sie ihre kleine Insel und damit ihre Welt, ihre Sprache und ihre Kultur schützen, das fasziniert mich und sollte in den Fotos sichtbar werden.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie das umgesetzt?

Teshaieva: Indem ich eine alte Technik verwendet habe, die sich Lichtmalerei nennt. Man braucht komplette Dunkelheit und eine Taschenlampe. Damit beleuchtet man dann zum Beispiel einen Menschen oder einen Busch, man malt das Motiv quasi mit Licht aus, und macht gleichzeitig ein Foto mit Langzeitbelichtung. Die Idee war es, die Menschen und die Landschaft isoliert vom Hintergrund zu zeigen, verloren in der Dunkelheit. Durch diese Bildsprache konnte ich das spezielle Gefühl der Insel einfangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Inselbewohner überredet mitzumachen?

Teshaieva: Das war gar nicht nötig, die wollten sofort mitmachen. Dabei hatten mich zu Beginn meiner Zeit als Artist in Residence dort alle gewarnt, dass es schwer werden würde, jemand zu finden, weil die Friesen so verschlossen seien. Ich habe aber auch ganz langsam begonnen, mich mit den Menschen getroffen, lange mit ihnen gesprochen und über mögliche Orte ausgetauscht, mit denen sie sich verbunden fühlen. Dann erst sind die Fotos entstanden, jeweils einen Abend haben wir dafür gebraucht, mehrere konzentrierte Stunden. Es war auch gut, dass Winter war, weil es dann eben früher dunkel ist.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt standen mehr als 40 Menschen vor Ihrer Kamera. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Teshaieva: Ich habe Menschen gesucht, die von der Insel stammen und die besonders sind, weil sie zum Beispiel einer speziellen Aktivität nachgehen. Die Krabbenfischer, der Männergesangsverein, der Feuerwehrmann, der Wärter einer Vogelkoje, einer Entenfangstation, wie es sie so in Deutschland nur noch auf Föhr gibt. Das ist eine Tradition, die vielleicht bald verloren geht, das wollte ich dokumentieren. Es sollte ein zeitgenössisches Porträt über die Identität der Insel entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb auch der Windsurfer?

Teshaieva: Das Interessante an ihm ist, dass er einerseits dieser sehr modernen Tätigkeit, also dem Windsurfen nachgeht, und andererseits sehr verbunden ist mit der Natur, seine Familie lebt schließlich schon seit Generationen auf Föhr. Er ist verliebt in das Wasser und den Wind und nennt sich selbst einen Piraten.

SPIEGEL ONLINE: Und was macht die junge Frau in Tracht auf dem Buchcover besonders?

Teshaieva: Das Tattoo auf ihrem Rücken. So verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart in einem Bild. Das führte zu kontroversen Diskussionen auf der Insel: Ist es möglich, die Tracht anzuhaben und gleichzeitig das Tattoo zu zeigen? Denn die Tracht ist tatsächlich keine Maskerade, das tragen die Frauen einfach zu bestimmten Feiertagen. Das Kleid wird von der Großmutter an die Mutter an die Tochter weitergereicht, eine Tradition, die bis heute anhält.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Lieblingsporträt?

Teshaieva: Ja, eindeutig das blonde Mädchen mit dem Hund, die in einem Schuppen sitzt. Ich mag das Foto sehr, weil es zufällig entstanden ist, weil man nicht sieht, welche Zeit es ist. Jetzt oder vielleicht vor hundert Jahren? Man fragt sich, wer sie ist. Die Familie lebt mit vielen verschiedenen Tieren auf einem Hof. Eigentlich wollte ich ihren Vater mit einem Alpaka fotografieren, aber das hat nicht richtig geklappt. Ich war schon etwas frustriert, aber sie saß da einfach dabei und sah uns zu. Dann nahm ich die Taschenlampe und richtete das Licht auf sie. Ganz spontan!

SPIEGEL ONLINE: Zu der Serie gehören auch Fotos von der Natur, ganz ohne Menschen. Warum?

Teshaieva: Weil sich das auf Föhr nicht trennen lässt. Der Titel des Projekts ist ja "Inselwesen", was im Deutschen sowohl einen Mensch bezeichnen kann, als auch eben die Eigenart einer Insel. Diese Doppelbedeutung gefällt mir.

SPIEGEL ONLINE: Die Fotos sind alle im Winter entstanden. Sie waren mehrfach da, insgesamt für etwa drei Monate. Wollen Sie jetzt mal im Sommer nach Föhr?

Teshaieva: Schon passiert. Ich bin Ende Juni zur Ausstellungseröffnung hingefahren. Es war kalt, windig und regnerisch - wie immer bisher.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal seen.by

Die Fotos sind noch bis 8. Januar 2017 im Museum Kunst der Westküste auf Föhr zu sehen.

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