Neue TV-Show mit Guido Maria Kretschmer Faden verloren? Hilfe Naht!

Eine TV-Show übers Nähen: Kann das gut gehen? Vox hat mit Moderator und Designer Guido Maria Kretschmer den Test gewagt. Herausgekommen ist ein verflixt freundliches Format - und da liegt das Problem.

VOX/ Andreas Friese

Verflixt und zugenäht, Satinstoff! Der verzeiht gar nichts, vor allem keinen durchgepieksten Blindstich: Aus den Nähkästchen plaudern seit gestern sechs Kandidaten im neuen, von der BBC abgespickten Nähwettbewerb "Geschickt eingefädelt". Hauptmoderator und Experte in Personalunion ist der Designer, Philantrop und allgegenwärtige Vox-Botschafter und "Shopping Queen"-Moderator Guido Maria Kretschmer. Ihm zur Seite stehen als mehr oder weniger gestrenge Jurorinnen die Mode- und Stoffdesignerin Anke Müller und die Bundesvorsitzende des Maßschneiderhandwerks Inge Szoltysik-Sparrer.

Wie im Laienwettkampf um Expertenfähigkeiten üblich, müssen die Kandidaten auf Zeit (zweieinhalb Stunden pro Klamotte) schneiden, stecken, ketteln und säumen. Am Ende jeder Runde, nach zwei selbst hergestellten Unikaten, fliegt einer oder eine raus, zum Beispiel weil der Pencilskirt-Reißverschluß nach Ansicht der Jury nicht exakt sitzt. Oder weil die Idee mit den Pailletten am Bustier zwar nach Disco klingt, aber nicht danach aussieht.

"Nähshow" - ein Gegensatz in sich

Dabei verzichtet die mit BBC Worldwide zusammenarbeitende Produktionsfirma Tower Productions (die auch "Sexy Beasts" auf Sixx oder "Das große Backen" für Sat.1 zubereitet) größtenteils auf die genreüblichen albernen Spannungstreiber wie tickende Uhren, extra herausgekitzelte Zickereien untereinander - oder bei der Postproduktion durch Schnitte und Kommentar noch verstärkte Emotionen.

Durch den Verzicht wirkt die "Nähshow" - eine Wortzusammensetzung, die den Gegensatz schon andeutet - rührend altmodisch. Und das bei aller Modernität, in der sich die selbst ernannte "Do it yourself"-Szene sich wähnt. Dass einem dann schon mal die textilen Gedanken abschweifen, während auf dem Bildschirm fleißig ein- und ausgefädelt wird, liegt in der Natur beziehungsweise im Stoff der Sache: Nähen ist ein einsames Geschäft. Einsamer als Kochen oder Shoppen.

Die tapferen Schneiderlein

Aber einen gewissen Bildungsmehrwert kann man der Show, ähnlich wie bei Kochsendungen, nicht absprechen: Paspeln, Formbund, Nadelschaden lassen sich danach zumindest als theoretische Vokabeln beim nächsten Nähcafé einsetzen. Und sollte das passive Anschauen einer kreativen Tätigkeit einen allein durch den Konsum tatsächlich mal wieder an die alte Pfaff treiben, in der noch der Unterfaden vom 1985er-Jeans-Engermachen hängt - umso besser.

Dass Vox die Kandidaten nicht vorführt, sondern jedem seine eigenen Gründe für das Nähen lässt, ist ebenfalls schön und selten: Mal hat jemand keine Lust auf Stangenware, der andere ist unzufrieden mit dem Übergrößenangebot, ein Dritter sucht Entspannung.

Erstaunlich ist zudem, wie wenige und ungewöhnliche Sponsoren in der Pilotsendung auftauchten: Präsentiert wurde die Show von der "DIY"-Platform Dawanda, als Preis winkt ein Aufenthalt an der renommierten Pariser Modeschule "Ècole de la chambre syndicale de la couture parisienne". Die Werbepausen waren dagegen frei von Schneiderscheren-Clips. Vielleicht kommt das ja noch.

Vielleicht auch nicht: Solch ein ruhiges, freundliches Format wird es gegenüber den lauteren, fieseren Urteilsshows schwer haben, auch wenn der zu Recht allseits geliebte Kretschmer charmant wie immer ist, und seine beiden Kolleginnen eher durch Hintergrundwissen, als durch Sprüche auffallen. Mal sehen, wie lange die tapferen Schneiderlein durchhalten.



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UrsulaSchmidt 04.11.2015
1. TV-Show übers Nähen Gido Maria Kretschmer
Es ist schade wie die Sendung gelaufen ist. 3 Provis die die Verarbeitung beurteilen, wie langweilig. Interessant wäre gewesen, keine Zeitangabe, OK einfacher Schnitt vom Rock, aber es wäre richtig Interessant geworden wenn man den Kandidaten noch die Möglichkeit gegeben hätte diesen einfachen Rock individuell zu gestalten. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Leider ist in dieser Sendung mal wieder der Zwang die die Mode Industrie vorgibt, nichts Individuelles und dann auch noch bei den Kandidaten diese blöde Zeitvorgabe. Die 3 Provis und dann auch noch ganz lächerliche Bemerkungen. Schade ich habe mir für diese engagierten Hobby Schneider eine bessere Sendung gewünscht. Aber es ist ja wohl mit Absicht so gelaufen, das die Menschen, die Interesse haben, die Lust am nähen verlieren. Ja Herr Kretschmer gerade von Ihnen habe ich mehr erwartet, das mal wieder richtig pepp in die Mode kommt. Außerdem schauen Sie sich mal in den Geschäften um! Da ist es mit der Verarbeitung in der Garderobe ganz fürchterlich. Aber das haben Sie als 3 Provis warscheinlich noch nicht bemerkt. Nun können Sie gerne über mich lachen,aber ich habe dieses alte Handwerk aus dem ff gelernt, SCHADE Mit freundlichen Grüßen Ursula Schmidt
pe_trautmann 05.11.2015
2.
Meckern gilt nicht! Toll, dass endlich ein Sender wagt, dem top-aktuellen Trend selbst zu schneidern eine Plattform zu geben! Guido Maria Kretschmer macht seine Sache prima. Ein bißchen lockerer und flippiger könnte es schon werden - es war ja die erste Folge! Die etwas gouvernantenartige Obermeisterin taut ja vielleicht auch noch ein bißchen auf. Es ist ja schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen! Steigerungen sind bestimmt zu erwarten in den nächsten Folgen. Dem Nähfieber unter den Mädchen ab ca. 8 Jahren und den vielen jungen Frauen und Männern wird diese Sendung mächtig Auftrieb geben! Klasse! Das Buch zu kaufen lohnt auch. Ich habe es gestern gelesen und muss sagen: alles gut beschrieben, sehr verständlich und gut bebildert! Werde ich unseren Nähschülern unbedingt empfehlen! Ich freue mich auf die nächsten Sendungen
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