Fotoprojekt über Wohnsilos Alles nur Fassade

In der Architektur anonymer Vorstadtsiedlungen erkennt Fotograf Gustav Willeit Schönheit. Damit aus der Betontristesse spannende Fotos werden, bedarf es aber des Menschen - und ein wenig technischer Nachhilfe.

Gustav Willeit

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Weiß und Grün, Weiß und Grün: Die an einem Wohnkomplex in Neu-Delhi hängenden Balkone bilden in der Gesamtheit ein farbiges Muster. Nach jeder dritten Reihe grüner Balkone folgen zwei Weiße. In der Mitte ist ein roter Farbfleck zu erkennen: eine Frau hängt ihren Teppich über die Brüstung. Sie steht stellvertretend für all die Menschen, die in der Hochhaussiedlung leben, aber doch unsichtbar sind.

Die Aufnahme stammt von dem Fotografen Gustav Willeit. Er fotografiert Fassaden mit wiederkehrenden geometrischen Mustern. Auch der Bildaufbau wiederholt sich: Auf jedem der Fotos ist mittig eine Person zu sehen, die eine Decke ausschüttelt, auf der Fensterbank sitzt oder an einem Seil an der Fassade hängt. Durch ihre zentrale Position und den farblichen Kontrast geraten die Menschen in den Fokus.

Eigentlich sind die Gebäude für die Bewohner erschaffen, doch in Willeits Bildern wirken sie fehl am Platz wie ein Störelement, das die gleichmäßige Struktur des Gebäudes durchbricht.

Willeit sagt, die Menschen tauchten immer zufällig an den Fenstern auf und seien nicht von ihm positioniert worden. Dementsprechend lange müsse er manchmal warten, bis etwas passiert oder jemand auftaucht.

Die Bilder sind in unterschiedlichen Ländern entstanden unter anderem in Deutschland, Indien oder Japan. An die genauen Städte kann sich der Fotograf jedoch oft nicht mehr erinnern. Meist fotografierte er direkt von der Straße aus, manchmal auch aus einem gegenüberliegenden Gebäude.

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Seine Motive findet Willeit meist in den Vorstädten, wo die großen Wohnsilos stehen, weniger in den Zentren. Seine einzigen Kriterien bei der Auswahl sind eine spannende Struktur und die Farbe der Gebäude, der Rest ist egal. Deshalb sei es auch nicht schwer gewesen, passende Häuser zu finden, sagt Willeit.

Dass er die Fotos stark nachbearbeitet, erleichtert die Sache zusätzlich. Manchmal erweitert er die Gebäude in Höhe oder Breite und fügte Stockwerke hinzu. Er kopierte einzelne Elemente, entfernte störende Details. Seine Arbeit vergleicht der Fotograf mit der eines Kochs: "Ich nehme das rohe Fleisch und bereite es je nach Wunsch zu."

In seinen bisherigen Bildern beschäftigte sich Willeit oft mit dem Kontrast zwischen Mensch und Natur, in seiner Serie "Biala" stellt er die Gegensätzlichkeit zwischen Mensch und Architektur in den Mittelpunkt.

"So wie man sich alleine oder einsam in der tiefen Natur befinden kann, geht es den Menschen in diesem Fall auch in den Gebäuden", sagt der Fotograf. Die großen Komplexe würden den Einzelnen in der Anonymität verschwinden lassen. "Es macht mich traurig mir vorzustellen, wie oder wo manche Leute leben oder arbeiten müssen", sagt er. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum er die Wohncontainer so schön erscheinen lässt.

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