Moderne Hausboote Bullerbü im Gewerbegebiet

Wohnen auf dem Wasser - danach sehnen sich viele. Doch in Deutschland kommen viele Hausbootprojekte nicht voran. Nun weichen immer mehr Bauherren in Gewerbegebiete und Industriehäfen aus. Dort entstehen schwimmende Oasen.

Bente Stachowske

Von Rainer Müller


Manchmal muss man einfach die Perspektive wechseln, um Schönheit zu finden. Selbst in Hammerbrook, einem von Industrie, Ausfallstraßen und Bürotürmen geprägten Stadtteil Hamburgs, sieht es von der Wasserlinie aus überraschend idyllisch aus. Lisa Knörnschild und Hendrik Maas gehören zu den ersten, die diesen Blick für sich entdeckt haben und als Pioniere auf einem der zahlreichen Kanäle des Stadtteils wohnen. "Die Idee, am Wasser zu wohnen, hatte ich schon lange", sagt Wassersportfan Maas, "aber an Hammerbrook hatte ich dabei nicht als erstes gedacht." Zu wenig scheint die Umgebung auf den ersten Blick als Wohnort geeignet.

Auf den zweiten Blick aber gibt es kleine, oft hinter Schilf und Bäumen versteckte Oasen mitten im Gewerbegebiet. Eine kaum sichtbare Treppe im Gebüsch führt in so ein Miniparadies. Unten am Wasser erschließt ein Steg eine Minisiedlung aus drei Schwimmhäusern, zwischen denen die Kanus dümpeln und Seerosen blühen. Wasserpflanzen und dichtes Grün am Ufer bieten Libellen, Eisvögeln und Haubentauchern ein Zuhause.

Eines davon gehört Hendrik Maas und seiner Freundin. Wegen der Fassade aus wetterfestem Cortenstahl haben sie es "Rusty" getauft. Bewusst erinnert der eingeschossige Flachbau an Schiffscontainer - wie passend in Hamburg. Von beengten Verhältnisse kann jedoch keine Rede sein. Das Innere ist so geräumig, dass in der Wohnküche der beiden professionellen Köche sogar Platz ist für einen freistehenden Küchenblock.

"Morgens vor der Arbeit ins Wasser zu springen oder nach Feierabend ein paar Runden mit dem Stand-up-Paddel zu drehen, ist natürlich ein Traum", sagt Hendrik Maas. Als nächstes möchte er sich ein Boot zulegen, den Bootsführerschein hat er schon. Gleich neben dem schwimmenden Haus der beiden befindet sich ein kleiner Sportboothafen und am Wochenende kreuzen Boote und Ruderer vor der Terrasse. Aber sonst ist es auf dem Wasser erstaunlich ruhig. Ein großer Büroriegel am gegenüberliegenden Ufer schirmt den Verkehrslärm einer sechsspurigen Straße ab.

Neun Ordner voll mit Schreiben, Anträgen, Gutachten

Vor drei Monaten ist das junge Paar vom gründerzeitlichen Eppendorf ins Gewerbegebiet gezogen und fühlt sich wohl auf dem Wasser - auch wegen der Nachbarn, mit denen sie mehr teilen als nur den Steg. Für die Erschließung haben sie mit Spitzhacke und Schaufeln selbst gesorgt und Leitungen verbuddelt. Auch beim Hausbau haben Maas und Knörnschild vieles selbst gemacht. Anstrengender ist für sie der bürokratische Hürdenlauf. "Mittlerweile haben wir neun Ordner voll mit Schreiben, Anträgen und Gutachten. Das ist schon etwas viel." Vorgegeben wurde etwa die Anpflanzung von Teichrosen. Problem dabei: Die Wasservögel zerrupften die jungen Pflanzen gleich, um daraus ihre Nester zu bauen. Jetzt muss wohl ein Schutzzaun her. Die Korrespondenz mit dem Amt läuft noch.

Obwohl nirgendwo in Deutschland so viele Hausboote schwimmen wie in Hamburg, bestehen immer noch viele rechtliche Herausforderungen. In anderen Städten ist es noch schwieriger. An der Berliner Verwaltung etwa beißen sich potenzielle Bauherren seit über zehn Jahren die Zähne aus.

Höchstens 250 schwimmende Häuser in Deutschland

So lange hat es gedauert, bis jetzt endlich die ersten vier Wohnhäuser auf dem Wasser errichtet werden dürfen: In einem ehemaligen Industriehafen in Alt-Tegel. "Unser Konzept ist es, industriell-gewerbliche Wasserlagen umzuwandeln. Hier sind Liegeplätze eher genehmigungsfähig," sagt der Berliner Architekt Werner Baumhauer. Die vier schwimmenden Häuser gehören zu einem größeren Projekt, für das die schmale Humboldtinsel mit knapp 80 hochpreisigen Wohneinheiten bebaut wird. Die Bebauung auf der Insel selbst hat schon begonnen. Entwickelt wurde das Projekt von Floating Houses, einer Berliner Firma, die sich sonst weitgehend auf schwimmende Ferienhäuser spezialisiert hat.

Ulf Sybel, Geschäftsführer von Floating Houses, schätzt die Zahl von schwimmenden Häusern in Deutschland insgesamt auf "höchstens 250", fast ausschließlich aber handelt es sich dabei um Ferienhäuser an der Ostsee oder auf Baggerseen im Binnenland. Die Gründe für die bundesweite Zurückhaltung sind vielfältig. Für Ulf Sybel ist die Sache klar: "Beamte betreten möglichst kein Neuland." Ferienwohnungen zu genehmigen, ist einfacher. Sybels Firma hat gerade so eine Siedlung bei Xanten gebaut.

Schwimmende Wohnhäuser in Großstädten bleiben die Ausnahme

Wochenendhäuschen in Baggerseen oder ehemaligen Marinestützpunkten zu bauen, das klappt recht gut. Schwimmende Wohnhäuser in Großstädten aber bleiben die Ausnahme. In Hamburg entstand 2010 eine erste Modellsiedlung aus zehn Häusern in einem schönen Alsterkanal. Nicht nur die Verwaltung, auch die Architekten konnten hier Erfahrungen sammeln. Vier der damals beteiligten Büros haben sich jetzt zu einer lockeren Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen und entwickeln gemeinsam mit Hausbootinteressenten geeignete Standorte. Aber selbst in einer so von Wasser geprägten Stadt wie Hamburg sind solche Lagen rar.

Vielen anderen Alsterkanälen fehlt es am nötigen Tiefgang. Hafen und Elbe scheiden wegen des Schiffsverkehrs und der starken Schwankungen zwischen Ebbe und Flut aus. Bleiben nur kleinere Randbereiche der Bille - einem Nebenfluss der Elbe - und eben die Industriekanäle in Hammerbrook und Hamm. Für Hausbootromantiker sind das eher B-Lagen. "Aber wer auf dem Wasser wohnen möchte, nimmt einiges in Kauf", sagt Architekt Jörg Niderehe und meint damit auch die oft dreijährige Entwicklungszeit, wie etwa bei "Rusty" von Hendrik Maas und Lisa Knörnschild, das sein Büro Rost.Niderehe entworfen hat.

Hafen- und Gewerbegebiete werden zu begehrten Wasserlagen

Das Büro gehört zu der Hausbootkooperative und ist vor Kurzem selbst in ein schwimmendes Atelier nahe der Bille gezogen. Äußerlich ähnelt es einem historischen Hafenlieger, wie sie früher häufig als schwimmende Büros der Hafenwirtschaft dienten. Gleich neben dem Büro entstehen gerade drei schwimmende Wohnhäuser, die ebenfalls von der Kooperative entworfen wurden. "Wo wir in Hamburg Wasser haben, haben oder hatten wir halt auch Gewerbe", sagt Niderehe über die nutzbaren Liegeplätze.

Veränderungen in der Arbeitswelt, bei den Wohnbedürfnissen und im Freizeitverhalten führen heute dazu, dass solche Hafen- und Gewerbegebiete zu begehrten Wasserlagen werden. So rückt auch Hammerbrook mit seinen vielen Wasserstraßen und seiner Nähe zur Innenstadt in den Fokus der Stadtentwicklung.

Manchmal muss man halt nur die Perspektive wechseln.



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Seite 1
der_seher59 25.07.2016
1. kein Wort zu den Kosten
das hätte mich nun schon mal interessiert - - - - Vielen Dank für den Hinweis! Die Frage nach dem Preis lässt sich nicht pauschal beantworten. Allein die Erschließungskosten (Stromzufuhr, Abwassersystem etc.) liegen oft im hohen fünfstelligen Euro-Bereich. Hinzu kommt noch die Pacht für den Liegeplatz. Für das Hausboot an sich sollte man mindestens 100.000 Euro einkalkulieren, Luxusvarianten - eher schwimmende Häuser - kosten schnell das Fünffache. Redaktion Forum
stadtkasper 25.07.2016
2. Siedlung
Wenn ich ein Hausboot hätte, dann doch um etwas Abstand zu haben. Was soll das, wenn ein Hausboot neben dem anderen parkt und gleich dahinter Wohnhäuser sind? Für mich ist das nicht die Vorstellung vom Leben auf einem Hausboot.
Bakturs 25.07.2016
3. Neun Ordner voll mit Schreiben, Anträgen, Gutachten
Das Statement "Neun Ordner voll mit Schreiben, Anträgen, Gutachten" ist ein klares Zeichen von überregulierung, Behördenwahnsinn und sinnloser Bürokratie. Aber dies ist letztendlich ein Markenzeichen Deutschlands. Neben "Made in Germany" gehört die Bürokratie zu Deutschland wie der Eifelturm zu Paris. Kann man dies ändern? Mit Sicherheit! Aber nicht mit dieser Generation von Beamten und Behörden.
ohmeinsire 25.07.2016
4. Mhm
... so eine ungefähre Kostengrösse wäre mal interessant gewesen. Gerade um auch ein ungefähres Verhältnis zum "normalen" Haus/Wohnung zubekommen.
Sibylle1969 25.07.2016
5. @1
In der Sendung "Mieten, Kaufen, Wohnen" bei Vox stand mal ein Hausboot zum Verkauf in Berlin. Das Boot selbst kostete schon über 200.000€, und die monatlichen Kosten waren auch nicht ohne: der Liegeplatz sollte pro Monat 450€ kosten. Der Liegeplatz war voll erschlossen, dh Strom, Wasser und Abwasser.
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