Herrenmode de luxe Probleme im Anzug

Angelo Petrucci, Chefschneider von Brioni, hat Ex-Kanzler Schröder vermessen, er kleidet Hollywood ein - ebenso arabische Prinzen oder Sumoringer. Schwierige Kunden sind ihm die liebsten.

Brioni

Von Splendid-Autor Christian Baulig


Der Anruf erreicht Angelo Petrucci am 3. August 2001, auf dem Weg zu einer Hochzeit: Die Sache sei dringend, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung, er möge die nächste Maschine von Rom nach London nehmen. Ein vermögender arabischer Kunde habe sich für diesen Abend in der dortigen Brioni-Boutique angekündigt und wünsche den Chefschneider zu sehen. Petrucci kehrt sofort um, fährt nach Hause, packt das Nötigste zusammen - und macht sich auf den Weg. "Ich ahnte nicht, dass ich zwei Wochen lang wegbleiben würde", erinnert sich der 44-Jährige.

Termine werden abgesagt, verlegt und wieder abgesagt: "Der Prinz ist müde", "Der Prinz hat andere Pläne." Petrucci wird in eine Hotelsuite einquartiert und wartet. Am 16. August endlich erscheint der Prinz, lässt Maß nehmen und ordert Kleidung für 1,6 Millionen Dollar.

Petrucci kann sich noch heute an jedes Detail der Episode erinnern. Seit 14 Jahren ist er oberster Handwerker des 1945 gegründeten Modelabels, das sich wie kein zweites über seine maßgefertigten Anzüge definiert. Wenn sich Businessgrößen, Hollywoodstars oder Präsidenten "su misura" einkleiden lassen wollen, reist Petrucci persönlich an.

37 Staats- und Regierungschefs hat er bereits vermessen - darunter Gerhard Schröder, dem das Label "Brioni-Kanzler" bis heute anhaftet. In seinem Büro hängen die Bilder der Prominenten wie Trophäen: Petrucci mit Basketball-Star Kobe Bryant, Petrucci mit Filmregisseur Woody Allen, mit Schauspieler Jack Nicholson, mit Ägyptens früherem Staatschef Hosni Mubarak.

Geschmeidige Proportionen

Petrucci plaudert gerne im Allgemeinen über die Marotten seiner Kunden, doch wenn es um Namen geht, schweigt er eisern. Die Herren zahlen viel Geld für ihre Garderobe - da habe man schließlich ein Recht auf Diskretion.

Die Prominenten schätzen den taktvollen Charme des Italieners und seinen Kennerblick, wenn er ihnen gegenübertritt - zu Hause, in einer Hotelsuite oder im VIP-Salon einer der über hundert Brioni- Boutiquen weltweit: Zielsicher wandert seine Hand auf die kleinen Unzulänglichkeiten des Kundenkörpers. "Es schafft Vertrauen, wenn ich die Problemzonen sofort erkenne", sagt Petrucci. Sein Job sei es schließlich, diese so gut es geht zu kaschieren.

Gefunden in
Splendid
April 2015

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Die Maße sind rasch genommen: Schulterbreite, Brustumfang, Armlänge, Taille. An einem Basisjackett erläutert Petrucci die notwendigen Änderungen: ein bisschen weniger Stoff an der rechten Schulter, die etwas hängt. Ein bisschen Weite aus dem linken Arm, der zu kurz geraten ist. Den obersten Knopf einen Zentimeter höher, damit die Proportionen stimmen und alles geschmeidig anliegt.

Die Angaben überträgt er in ein Formular. In Penne, einem kleinen Ort in den östlichen Ausläufern der Abruzzen, werden sie den Code des Meisters dechiffrieren. Seit Ende der Fünfzigerjahre fertigt Brioni hier Anzüge. In 220 Arbeitsschritten entsteht aus feinem Tuch, Zwirn und viel Handarbeit ein Kleidungsstück, das Petrucci überschwänglich "eine zweite Haut" nennt. Die meisten sieht man gar nicht, etwa den Schlitz im Schulterfutter, der verhindert, dass sich der Stoff staucht. "83 Prozent der Arbeit an einem Anzug gehen ins Innenleben", erläutert er.

"Ich kann doch nicht zulassen, dass sich ein Präsident wie ein Clown präsentiert"

Stangenware und Maßanzüge werden an denselben Tischen gefertigt. Jedes fünfte Modell wird nach Wunsch hergestellt. Mal sind Stoff und Schnitt komplett individuell, mal bloß ein paar Details gegenüber dem Serienmodell verändert. So ließ sich ein Kunde Taschen für neun verschiedene Telefone und Musikplayer in sein Jackett einnähen, samt gepaspeltem Loch unterm Revers fürs Kopfhörerkabel.

An die 15.000 kundenspezifische Schnittmusterbögen haben sich über die Jahre in den Archiven angesammelt. Darunter der eines japanischen Sumoringers. Fast zehn Meter Stoff werden für jeden Anzug des Sportlers verarbeitet, dreimal so viel wie bei einem Mann mit Normalmaßen. Von einem Schneidertisch greift sich Petrucci eine andere Sonderanfertigung: ein dunkelblaues Jackett für einen Sechsjährigen. Der Vater ließ für seinen Sohn en miniature das gleiche Exemplar anfertigen wie für sich selbst.

Nur selten wird es Petrucci mit seiner Kundschaft zu bunt. Ein Staatschef wünschte sich einst einen Brioni-Anzug mit aufgesetzten Taschen. "Ich habe ihm vorgeschlagen, es besser sein zu lassen", erzählt der Schneider. "Ich kann doch nicht zulassen, dass sich ein Präsident wie ein Clown präsentiert."

Die Fertigung erinnert an ein Puzzlespiel mit zu vielen Teilen. 1500 Stoffe sind kombinierbar mit einer Vielzahl an Schnitten und Details. Macht rund acht Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Im Lager sind Tausende Ballen Stoff gestapelt; von fast jedem Anzug der vergangenen 70 Jahre wurde ein Rest zurückbehalten, falls Reparaturen nötig sein sollten. Petrucci kennt fast das ganze Archiv. Vor mehr als 30 Jahren hat er seine Karriere bei Brioni begonnen. 1985 gehörte er zum ersten Abschlussjahrgang der hauseigenen Schneiderschule, das Klassenfoto hängt noch heute im Lehrsaal. Grinsend sitzt er als 13-Jähriger in der ersten Reihe, mit Jeans und Tennissocken.

Ein Knopfloch nähen - mit verbundenen Augen

"Ich wusste damals schon, dass ich es einmal zum Chefschneider bringen werde", sagt Petrucci - und grinst wie auf dem Bild. Zu gerne erzählt Petrucci die Episode, als er mit verbundenen Augen ein Knopfloch nähen sollte. Er schaffte es - und das Ergebnis war perfekt.

Mit den Herren, die vor ihm diese Position bekleideten, hat er wenig gemein. "Mein Vorgänger verbrachte im Schnitt 15 Tage pro Jahr beim Kunden", erzählt Petrucci, "ich war zuletzt fast 90 Tage unterwegs."

Brioni war schon immer eine internationale Marke. Die ersten Anzüge verkauften die Gründer in den Vierzigerjahren an Hollywoodstars, die in Rom Filme drehten oder Urlaub machten. Die Promis halfen, den Firmennamen, der sich von den Brijuni-Inseln vor der kroatischen Küste ableitet, in die Gazetten zu bringen.

Seit das Unternehmen im Jahr 2012 vom französischen Kering-Konzern (damals PPR) für mehr als 300 Millionen Euro gekauft wurde, treibt es die Globalisierung mit Hochdruck voran. Als Creative Director wurde der Brite Brendan Mullane verpflichtet, der zuvor die Herrenkollektion von Givenchy in Paris weltmarkttauglich gemacht hatte. Zugleich investierten die Franzosen in den Vertrieb. 27 neue Boutiquen wurden eröffnet, unter anderem in Peking, Phnom Penh und Seoul.

Kunden auf dem virtuellen Catwalk

Dass er jetzt noch mehr reisen muss, stört Petrucci nicht. Neue Kunden für Brioni zu begeistern sei sein größter Antrieb, sagt er. Zum Beispiel den Filmstar, der in die Boutique in Los Angeles kam und Zweifel durchblicken ließ, ob diese Italiener es wohl schaffen würden, einen Anzug so zu fertigen, wie er es von seinem New Yorker Schneider gewohnt war. Da legte Petrucci das Maßband zur Seite, schnappte sich eine Rolle Stoff und griff zur Schere. Nur mit Augenmaß schnitt er die wesentlichen Teile des Jacketts zu, heftete sie zusammen, legte sie dem Mann an, zupfte hier und dort - und der war verblüfft. "Er ist heute noch ein Kunde von uns", sagt Petrucci.

Der Mann aus den Abruzzen genießt den Status, den er sich erarbeitet hat. Kein anderes Herrenmodehaus beschäftigt einen Handwerker mit vergleichbarem Profil.

Der Meister weiß um seinen Einfluss bei der Marke. Hat Brendan Mullane eine Kollektion entworfen, berät er sich mit Petrucci, wie sich die Designs umsetzen lassen. Steht der Kauf von Maschinen an, wird Petrucci ebenso gehört wie bei der Programmierung der Software, mit der Besucher der Brioni-Stores neuerdings ihren Anzug in einem virtuellen Spiegel zusammenstellen können. Stoffstruktur, Faltenwurf, Licht und Schatten kommen der Realität extrem nahe. Per Mausklick lässt sich die Passform verändern. Das Abbild des Kunden schreitet einen virtuellen Catwalk entlang.

Wetter, Wein und Weltenlauf

Fürchtet einer, der ein jahrhundertealtes Handwerk pflegt, nicht, über kurz oder lang überflüssig zu werden? Petrucci schüttelt den Kopf: "Das wird nicht passieren. Der Computer kann schließlich nicht fühlen und sehen." Petrucci schon: "Ich beobachte den Kunden, sobald er den Laden betritt. Wie läuft er, wie steht er, wenn er entspannt ist?" Und so plaudert Petrucci gerne erst mal über Wetter, Wein und Weltenlauf. "Es ist wichtig, dass sich jemand wohlfühlt und locker wird. Nur so kann ich den Sitz optimieren."

70 Stammkunden besucht der Chefschneidermeister regelmäßig. Zwischendurch erteilt er aus der Ferne Ratschläge. An seinem Computer ist eine Kamera installiert. "Irgendwann habe ich einen Sportler im Fernsehen bei einer Preisverleihung gesehen. Zu seinem Brioni-Smoking trug er braune Schuhe und einen braunen Binder." Petrucci schüttelt sich. "Ich habe sofort seinen Agenten angerufen und ihn auf den Fauxpas hingewiesen. Jetzt gehen wir vor wichtigen Auftritten die Garderobe immer per Skype durch."

Der Meister respektiert die Macken der Stars. Schwierige Kunden? Sind ihm die liebsten. Einen normal großen Mann mit unspektakulären Wünschen könne jeder zufriedenstellen. "Ist jemand mit problematischen Körpermaßen begeistert, habe ich meist einen Kunden fürs Leben."

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
kopfschütteler 01.04.2015
1. Aaaah Brioni, ...
... die Marke, zu der diejenigen pilgern, die keinen wirklich guten Schneider kennen. Wie sagte mein Opa noch immer: Junge, wenn du von etwas keine Ahnung hast, kauf auf Verdacht immer das teuerste. Das ist zwar nicht unbedingt das beste, aber mit Sicherheit nicht das schlechteste. Wenn du dich aber mit etwas gut auskennst, dann achte auf Qualität UND Preis.
RainerCologne 01.04.2015
2. toll
schöner Artikel
maxxi12 01.04.2015
3. Typisch...
".... darunter Gerhard Schröder, dem das Label "Brioni-Kanzler bis heute anhaftet".... Was war denn eigentlich so verwerflich an den Brioni-Anzügen. Sollte er, weil SPD -Mann, in Sack und Asche rsp. im Billig-Anzug gehen ? Freilich, typisch deutsch : wenn ein Mann aus der in Deutschland weit verbreiteten Stillosigkeit der Männer-Bekleidung ausbricht, wird er abwertend etikettiert, erntet Neid und Häme. Es war doch erfreulich, dass ein ( SPD ) - Kanzler mal nicht wie ein Kartoffelsack daher kam - geschmack- und stillos. Und als Regierungschef war ihm doch wohl ein Brioni-Anzug zuzubilligen... da ist er eben nicht Jedermann. Wenn man sich Politiker in Hinblick auf ihre Anzüge ansieht graust einem.... allenfalls ein KT zu Guttenberg hatte Stil ( ansonsten leider nur ein Blender ).
pittydoc 01.04.2015
4. Brioni
und die Kosten ? Dann wissen wir, wieviel ein Arbeiter verdienen muß... also weiter den Mindestlohn rauf.
thomas_putzo 01.04.2015
5. Künstler haben ihren Preis
und dieser Mann scheint auf seinem Gebiet ein Künstler zu sein. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich mir auch einen Anzug von ihm schneidern lassen.
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