Luxushotel-Direktor Peters "Tom Jones hat bei uns in der Bar gesungen"

Für Ingo Peters ist der Luxus Alltag: Der "Hotelier des Jahres" leitet das Vier Jahreszeiten in Hamburg - und lebt dort auch. Ein Gespräch über Ansprüche, Gastfreundschaft und das Glück der einfachen Dinge.

Hotel Vier Jahreszeiten

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Zur Person
  • Guido Leifhelm
    Ingo C. Peters, 52, wuchs in Hamburg auf. Als 19-Jähriger begann er nach dem Abitur dort als Page im Hotel Vier Jahreszeiten zu arbeiten. Nach Stationen unter anderem in London, Philadelphia, Boston und Phuket kehrte er 1997 als Hoteldirektor zurück. 2014 wurde er von der Allgemeinen Hotel- und Gastronomiezeitung als "Hotelier des Jahres" ausgezeichnet.
SPIEGEL ONLINE: Herr Peters, als Direktor des Fünf-Sterne-Hotels Vier Jahreszeiten haben Sie es mit anspruchsvollen Gästen zu tun. Gibt es bei Ihnen oft Extrawünsche?

Peters: Ja. Bei Popstars bekommen Sie häufig ganze Listen, was in die Suite muss, Blumen, Möbel, Sportgeräte, Getränke, die wir teils importieren müssen. Das ist manchmal schon skurril. Das Gute ist: Diese Gäste bezahlen für alles. Wer so was will, hat mit Geld kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Hotels spielen in vielen Filmen und Büchern eine besondere Rolle. Können Sie das nachvollziehen?

Peters: Absolut. In Luxushotels wie diesem treffen Sie Gäste aus allen Schichten, Lebens- und Berufslagen. Vom reichen Unternehmer, der Kleiderbügel herstellt, über Maler, Opernsänger zu Politikern, Schauspielern und Rockstars. Diese Mischung an Menschen und wie sie miteinander agieren, ist hochinteressant.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an ein besonderes Erlebnis?

Peters: Als ich damals das Ritz-Carlton in Philadelphia geleitet habe, hat sich ein Stammgast mal eine obszöne Sache geleistet: ein Kaviar-Wettessen mit einem Food-Kritiker. Da ging es um ein Kilo pro Person! Und am Ende musste sich einer der beiden übergeben.

SPIEGEL ONLINE: Nicht unbedingt sympathisch.

Peters: Sie lernen in diesem Job viele Leute kennen, die Geld haben, aber kein Benehmen, die Mitarbeiter unmöglich behandeln und die Zimmer so verlassen, dass Sie einen Schock kriegen. Aber es sind auch sehr feine Menschen dabei. Und je prominenter die Gäste sind, desto normaler wollen sie meistens behandelt werden.

SPIEGEL ONLINE: An wen denken Sie zum Beispiel?

Peters: Tom Jones hat nach einem Konzert bei uns schon Ständchen in der Bar gesungen, ganz ohne Allüren. Und als ein Gast mal einen Riesenaufstand gemacht hat, weil seine von Peter Ustinov belegte Suite noch nicht frei war, hat Sir Peter gesagt, kein Problem, ich packe schnell meine Sachen - und dann drei Stunden in der Halle gewartet.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst leben auch im Hotel. Mit allem Luxus?

Peters: Meine Frau und ich haben hier eine Wohnung, die so ausgestattet ist wie jede andere auch, mit Waschmaschine, Küche und so weiter. Aber ich habe heute zum Beispiel ein Essen im Hotel gehabt, nachmittags und abends Empfänge - und dann nutze ich die Fazilitäten gerne. Wenn ich einen freien Abend habe, wird aber selbst gekocht. Manchmal ist das Schönste überhaupt ein Leberwurstbrot. Einfach, aber gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind zwei von fünf Tagen pro Woche für Ihre Hotelgruppe in Europa und Nordamerika unterwegs. Was nervt Sie am meisten, wenn Sie Gast in fremden Hotels sind?

Peters: Dieser Überservice, wenn die Leute alle fünf Minuten vorbeikommen. Wenn die Schlüsselkarten nicht funktionieren, das Internet nicht geht und der Wäschedienst nicht wie besprochen liefert. Da kann der Rest noch so gut sein: Die Basissachen müssen einfach funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbringen Sie Ihren Urlaub? Auch im Hotel?

Peters: Nein. Ich hasse es, über einen mit Teppich ausgelegten Flur gehen zu müssen und sieben Etagen mit dem Fahrstuhl nach unten zu fahren. Ich bin lieber in unserem Wochenendhaus an der Ostsee. Da kann ich im Schlafanzug Kaffee trinken, ohne dass ich mich fertig machen, rasieren oder föhnen muss. Das geht in Hamburg nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Peters: Unsere Mitarbeiter arbeiten sieben Tage die Woche in drei Schichten. Wenn die mich sehen, denken die immer, dass ich on Duty bin, selbst wenn ich eigentlich frei habe. Ich kann als Chef deshalb hier nicht in Ripped Jeans auftauchen und mich so bewegen wie in einem eigenen Haus. Ich trage Anzug und Krawatte, sobald ich vor die Tür trete. An der Ostsee laufe ich auch zum Einkaufen nur in Gartenlatschen oder Gummistiefeln herum - da interessiert keinen, was ich mache.

SPIEGEL ONLINE: Angefangen haben Sie als Page im "Vier Jahreszeiten", das Sie heute leiten. Wie kam es dazu?

Pet ers: Mein Vater war Architekt, meine Mutter Apothekerin, beide wollten, dass ich studiere - aber mir war etwas Praktisches lieber. Ich gehe gerne mit Menschen um, ich wollte in eine Management-Position und ich wollte die große, weite Welt sehen.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Ihren Eltern bestimmt nicht gefallen.

Peters: Die sind ausgeflippt. "Wofür haben wir dich durchs Abitur gebracht, dass du jetzt Kellner wirst?", hat mein Vater gesagt. Aber ich habe mich nicht davon abbringen lassen. Mein Ziel war übrigens damals schon, hier Hoteldirektor zu werden - ich habe es bloß keinem gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das noch immer ein typischer Karriereweg?

Peters: In Deutschland schon. Hier macht man meistens eine Ausbildung und kombiniert das, wenn man will, mit der Hotelfachschule oder einem Studium. Und dann arbeitet man sich hoch.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das woanders?

Peters: Die Amerikaner zum Beispiel machen meist ein MBA-Programm und haben dann kaum Ahnung vom praktischen Geschäft. Viele können nicht mal drei Teller tragen! Deswegen sind in der Hotellerie auch so viele Deutsche im Ausland erfolgreich. Das ist einfach kein theoretischer Beruf.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Wichtigste, das man als Hoteldirektor mitbringen muss?

Peters: Gästen und Mitarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen, verschwiegen zu sein. Und man darf nicht zu extrovertiert auf die Menschen zugehen. Wenn im Laden gleich jemand auf Sie zustürzt, haben Sie ja auch das Gefühl, der will mein Geld oder was auch immer. Man muss also Distanz halten, aber Offenheit ausstrahlen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht einfach.

Peters: Nein. Und jeder ist anders. Manche Gäste wollen nur in Ruhe gelassen werden und einchecken, ohne dass ihnen jemand dreimal die Minibar zeigt und wie der Föhn funktioniert. Andere sind sehr gesprächig und wollen unterhalten werden. Das muss man sofort merken, Körpersprache lesen lernen. Ich weiß mittlerweile, wie jemand drauf ist, sobald er aus dem Auto steigt, und stelle mich dann darauf ein. Andere lernen das nie. Die machen nach dem Buch alles richtig und damit alles falsch.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Branche in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert?

Peters: Die Ansprüche der Gäste sind extrem gestiegen, und die Anforderungen an einen Hoteldirektor sind dreimal so hoch. Früher war er für den Service zuständig, dass die Halle schön dekoriert war und die Gäste begrüßt wurden. Heute haben Sie haben es mit Third-Party-Owners zu tun. Sie müssen eine Minimum-Rendite erwirtschaften und Ihre Bilanz herunterbeten können. Da fällt es manchmal schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

SPIEG EL ONLINE: Und das ist?

Peters: Sich um Mitarbeiter und Gäste zu kümmern. Wenn die Mitarbeiter happy sind, ist der Gast happy, und dann stimmt auch der Umsatz. Vom Analysieren allein werden die Zahlen nicht besser.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn die derzeit größte Herausforderung?

Peters: Mitarbeiter zu finden, die diese Jobs noch machen wollen, die jeden Tag zu jeder Zeit mit Freude arbeiten. Das wird immer weniger.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Peters: Die Bezahlung ist nicht besonders gut. In einer Bank bin ich viel besser dran. Da habe ich jedes Wochenende, abends und an Feiertagen frei, ich kann meinen Urlaub planen. Bei uns haben Sie eine Woche Früh- und dann Spätschicht. Die Leute in der Generation Y wollen unkonventioneller arbeiten, mit gutem Auskommen, viel Freiraum und Bewegung. Das ist bei uns schwer umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich selbst trotzdem wieder so entscheiden?

Peters: Ja. Ich würde voller Überzeugung alles genau so machen wie vor 35 Jahren. Das ist einfach das, was mir liegt und Spaß macht - und nur dann kann man auch erfolgreich sein.

Das Interview führte Eva-Maria Träger

Das Gespräch mit Ingo C. Peters ist Teil der Reihe "Menschen im Hotel", für die SPIEGEL ONLINE Reise Personen befragt, in deren Leben Reisen und Reisende eine besondere Rolle spielen. Lesen Sie hier das Interview mit Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner.



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 07.11.2014
1. das Glück der kleinen Dinge ...
meist beschworen von Leuten, die sich auch das Glück der großen Dinge leisten können.
matteo51 07.11.2014
2. ein aficionado....
der seiinen job liebt, macht mir irgendwie Mut:)
daldner 07.11.2014
3. mal wieder eine
Botschaft an alle Leberwurstbrot-Esser. Frei nach dem Motto: "Geld macht nicht glücklich" ... Immer wieder gerne von denen in die Welt gesetzt, die ohne Geld eine ganze Ecke unglücklicher wären.
pacifica2014 07.11.2014
4. Sternenhimmel
Lieber ein Leberwurstbrot unter Sternenhimmel als Kaviar im Sternehotel!
mistermoe 07.11.2014
5.
Zitat von daldnerBotschaft an alle Leberwurstbrot-Esser. Frei nach dem Motto: "Geld macht nicht glücklich" ... Immer wieder gerne von denen in die Welt gesetzt, die ohne Geld eine ganze Ecke unglücklicher wären.
Aber es ist nun mal so das der Mann recht hat. Ich selber bin sehr oft beruflich unterwegs und da ist es nun mal so das man abends im Restaurant mit den Kollegen und/oder Kunden isst. Ansich ja ganz nett, aber auf Dauer eben auch nicht das wahr. Bei mir ist es nicht das Leberwurstbrot, sondern eine Scheibe frisches Schwarzbrot, nur mit Butter und Tomaten. Liegt vielleicht auch daran das derartige Sachen nur schwer unterwegs im Restaurant zu bekommen sind.
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