Luxus-Einsiedler Daheim in der Highend-Hütte

Früher war eine Hütte ein Verschlag aus Holzbrettern - heute wird sie zur Mini-Villa. Weil wir uns zwar ein Naturleben wünschen, aber auf Komfort nicht verzichten wollen, entsteht ein merkwürdiger Urlaubshybrid: Luxus-Domizile in der Einöde.

Ethan Welty/ Penguin

Wüssten Sie, wie man eine Jurte baut? Nein? Ist ganz einfach: Stangen aufstellen, Dach aufspannen, Dach hochziehen, Seitenplanen einhängen, fertig!

Das Jurte-Bauen ist eine in der westlichen Welt momentan verschattete Kulturtechnik, die aber wiederkommen kann: Denn immer mehr Zivilisationsgestresste suchen den Urlaub in der Wildnis, in der wir ganz zurückgeworfen sind auf Zelte, Feuer, Hütten und Rei aus der Tube. Schon schießen neue eskapistische Magazine aus den Verlagshäusern, in ihnen kann man lernen, wie man einen Einbaum baut oder im Winter das Zelten im Harz überlebt.

In dem Maße, in dem der Pauschalurlaub im Hotel zur Horrorvorstellung verkommt, steigt der Wunsch nach Einfachheit: all exclusive statt all inclusive. Sinnbild der neuen Suche nach dem Simplen: die Hütte. Sie ist per definitionem "off-grid", hängt also an gar keinem Netz, weder am Strom noch am Wasser oder gar am Abwasser. Sie bedeutet einen freiwilligen Komfortverzicht der Leute, die sich diesen Komfort eigentlich leisten könnten.

Zach Klein ist so jemand, ein Amerikaner aus der Mittelschicht, der bis vor einigen Jahren hauptsächlich in New York City lebte. Dann kaufte er sich ein Stück Wald und baute eine Hütte. Nach und nach begannen seine Freunde, sich für das Natur-Event im Upstate zu interessieren und schon bald baute die Clique mit ihren neu erworbenen Zimmermannsfähigkeiten einen Warmwasserpool, eine kleine Sauna, eine Brücke über den Bach neben der Hütte.

Von der Holzhütte zur Luxusbleibe

Etwa zeitgleich stellte Zach Klein einen Blog online: "Cabin Porn". Dort konnten Fotografen und interessierte Laien aus aller Welt Bilder ihrer Lieblingshütten hochladen. 12.000 Fotos kamen so in sechs Jahren zusammen. Die schönsten, spektakulärsten, interessantesten Hütten aus dem Blog versammelt nun ein opulenter, irgendwie nach Holz riechender Bildband: "Cabin Porn, Inspiration for Your Quiet Place Somewhere" ist die Bibel des reduzierten Naturwohnens. Und das legt die Hütte ja nahe: Dass der Mensch in ihr die Natur nicht stört, sondern sich geräuschlos in sie einfügt.

Viele der Hüttenbilder stammen aus den USA, die der Hütte an sich viel verdanken: In hölzernen "homesteads" wurde der Westen erobert, wurde Land urbar gemacht, wurde die westliche Zivilisation gen Pazifik geschoben und genagelt. Ganze Landstriche, Städte und Countys bestanden aus Hütten. Bis ins 20. Jahrhundert galt der Homestead Act, ein Landnahmegesetz, das es jedem Amerikaner über 21 Jahren erlaubte, sich nach bestimmten Regeln ein unbewohntes Stück Land abzustecken und eine Hütte darauf zu bauen.

Nicht nur in der Vergangenheit, auch in der Zukunft spielt die Hütte eine große Rolle. Slowenische Ingenieure haben gerade den Prototyp einer futuristischen eierförmigen Bleibe namens Ecocapsule vorgestellt, die vom Prinzip her aber auch eine kleine Hütte ist. Auf acht Quadratmetern findet man hier alles, was man zum Leben braucht: Bett, Klo, Schrank, Dusche, Herd. Das Haus generiert Solarstrom, der Bewohner kann autark leben, in der Kapsel Urlaub machen oder auch für immer einziehen.

Eskapismus meets Wasserklosett

Ab 2016 werden die Hütten verkauft, sie sollen schon zahlreich vorbestellt worden sein. Die Erfinder wollen nicht nur einem selbstbestimmten Tourismus Vorschub leisten, sie wollen auch Wohnungsnot in Ballungsräumen lösen. Einen ähnlichen Vorschlag machte vor zwei Jahren auch Renzo Piano. Mit Diogene entwarf der italienische Stararchitekt ein Mini-Haus, das Wasser sammelt und über Solarmodule selbst Strom erzeugt.

Der Bildband "Cabin Porn" zeigt aber auch, dass die Hüttenlösung für manche Aussteiger längst zur Dauerexistenz geworden ist. Viele Bewohner halten es deshalb zwar noch mit der Abgeschiedenheit, aber nicht zwangsläufig mehr mit dem Einfachen. Es gibt Luxushütten, kleine Mini-Häuser mit Designermöbeln, Fensterfronten, Fernsehern.

In der Schweiz werden nahe dem Genfer See sogar schon Luxusjurten vermietet, die der Betreiber so allerdings nicht nennt, sondern: Pods. Der ursprünglichen Hüttenidee läuft das natürlich schon zuwider, aber es kombiniert unseren Wunsch nach Abgeschiedenheit natürlich aufs Schönste mit unserem Unvermögen, auf gewisse Wohnstandards in Europa zu verzichten: Eskapismus meets Wasserklosett.

Dabei kann ein richtiges Hüttenleben so einfach und erfüllend sein, schließlich gibt es Hütten schon fast so lange, wie Menschen Bäume fällen können. Zach Klein bringt es in seinem Bildband auf den Punkt: Werkzeuge waren nie billiger, Wissen nie leichter zugänglich. Man müsse sich halt nur trauen.

Sehen Sie hier die schönsten Hütten im Nirgendwo.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
gott777 01.10.2015
1. Genial-romantisch
Da gibt's ja echt einige hübsche Hütten... Der Urlauber wünscht aber auch täglich Unterhaltung und Erlebnis in der Umgebung. Ist dies gegeben, würde ich dort auch sofort Urlaub machen wollen, sehen ja teilweise genial naturromantisch (und teuer) aus.
Schnarsel 01.10.2015
2.
"Das Häuslein wurde extra rechteckig zum Kamin angelegt [...]". Die eher übersichtliche Sprachkompetenz der Artikelschreiber wurde ja schon diverse Male von anderen Foristen thematisiert - aber sagt mal, sollte ein Journalist, egal ob on- oder offline nicht den Unterschied zwischen "rechteckig" und "rechtwinklig" kennen?
Stäffelesrutscher 01.10.2015
3.
Dass die Hütten vorzugsweise in den USA stehen, könnte allerdings auch an Henry David Thoreau liegen. Oder an der Tradition der Trailer Parks, wenn ich mir manche Modelle so ansehe ...
polyeder 01.10.2015
4. Wenn Bratislava neuerdings in Slowenien liegt,...
...stimmt die Geschichte über die slowenischen Ingenieure. Da der Link im Artikel aber auf eine slowakische Seite (.sk) verlinkt und dort von "...a young architectural studio based in Bratislava, Slovakia." die Rede ist, scheint das nicht ganz korrekt zu sein.
blacklama 01.10.2015
5.
Wer ähnliche Dinge mal in Bewegtbild sehen möchte suche nach dem Youtube Kanal Kirsten Dirksen.
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