Kochen im Kino Die Prise Pathos

Bradley Cooper rastet aus: In "Rausch der Sterne" spielt er einen zornigen Küchenchef, der unentwegt seine Angestellten anmotzt. Braucht es so viel Zorn, damit ein Kochfilm gelingt? Ja, denn er lebt von der Leidenschaft.

Wild Bunch

Von Claudio Rizzello


Es geht ruppig zu in einer Restaurantküche. Schultern stoßen aneinander, Teller klirren, es wird gewetzt und gehetzt und bisweilen gibt es Brandwunden, die zu Narben werden. Von dieser Hektik, von dem harten Leben in der Küche eines Spitzenrestaurants erzählt "Im Rausch der Sterne", der neue Film des US-Regisseurs John Wells.

In einer Szene brüllt der Chefkoch Adam Jones unentwegt seine Mitarbeiter an. Hinter ihm spurtet die Küchen-Crew in hektischen und bisweilen panischen Bewegungen. Sie reiben und braten, filetieren und dekorieren, spülen, verfluchen die zu flüssig geratene Soße, das zähe Fleisch und nicht zuletzt ihren cholerischen Chef.

Wells ("Im August in Osage County") erzählt also die Geschichte eines arroganten Sternekochs mit einer Vorliebe für exklusive Geschmackserlebnisse und Wutausbrüche. "Im Rausch der Sterne" ist ein Film über einen Koch, nicht aber über das Kochen selbst.

Im Kino geraten Filme, die das Kochen thematisieren, oft anders. Sie erzählen von Liebe, Leidenschaft und Freundschaft, meist sind sie sehr kitschig. Küchen sind im Kino Orte des Familienglücks, Orte, an denen sich Frauen Geheimnisse erzählen, oder sich der Protagonist mitten in der Nacht einen Kakao macht.

Das Kochen im Kino ist oft nur ein Vorwand. Es dient als Mittel, eine andere, umfassendere Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel wie eine Frau durch das Kochen aus ihrem Alltag ausbrechen ("Julie & Julia") oder sich einen Lebenstraum verwirklichen will ("Chocolat - Ein kleiner Biss genügt"). Wenn zwei Menschen in einer Küche kochen, haben wir es möglicherweise mit einem Liebesfilm zu tun und nicht mit einem Kochfilm. Ein Genre, das es nicht gibt.

In den TV-Kochshows wiederum ist das Essen der Hauptdarsteller. Es wird gekocht und darüber geredet ("mh, lecker", "das sieht aber gut aus"). Kochshows sind emotionslos und simpel. Das macht sie für Zuschauer attraktiv, denn im Bestfall wird er dabei nicht nur unterhalten, sondern lernt auch noch etwas dazu. Kochshows präsentieren dem Zuschauer tolle neue Rezepte, und die Köche liefern dazu Anekdoten und schmunzeln über Ausschweifungen, während das Fleisch im Ofen schmurgelt. Das alles können Kochshows, das alles kann der Kinofilm nicht.

Der Kinofilm übers Kochen kann verführen, den Zuschauer in andere Welten mitnehmen und von Schicksalen erzählen, die sich neben dem Zubereiten von Gerichten abspielen, wie zum Beispiel in der Komödie "Madame Mallory und der Duft von Curry" (2014), in dem sich zwei Restaurants bekriegen. Der Kinofilm übers Kochen kann das Herz des Zuschauers erwärmen, wie in bei dem Animationsfilm "Ratatouille" (2007).

Das Kochen kann nie zu einem Hauptdarsteller werden

All diese Filme beweisen, wie kreativ und unterhaltsam Kochen im Kino dargestellt werden kann. Das scheinbare Dilemma des Kochfilms liegt darin, das Kochen filmisch anschaulich abzubilden. Aber dieses Dilemma kann auch zum Vorteil gewendet werden, nämlich dann, wenn das Kochen nicht zwanghaft zu einem übergeordneten Thema stilisiert wird, sondern es wie ein Nebendarsteller den Plot unterstützt.

Das Kochen kann nie zu einem Hauptdarsteller werden, denn die Zuschauer werden das Essen nie riechen oder schmecken können. Sie können nur mitfiebern, wenn die Protagonisten sich verlieben oder daran scheitern, ihre Träume zu verwirklichen.

In "Im Rausch der Sterne" schwenkt die Kamera über den Kühlschrank zum Herd und weiter zu servierbereiten Gerichten - und doch erfährt der Zuschauer zu keinem Zeitpunkt, was die Kochkunst von Adam Jones so besonders macht, warum seine Speisen so gut schmecken. "Im Rausch der Sterne" bleibt so ein menschliches Drama.

Der Kochfilm ist dazu verurteilt, eine Metapher für etwas anderes zu bleiben. Er erzählt nicht wirklich vom Essen, diesen Part übernehmen TV-Shows. Der Kochfilm ist dazu verdammt, das Essen in den Hintergrund zu stellen, um eine Geschichte zu erzählen. Der Kochfilm muss mit Pathos süßen, um den Zuschauer zu packen. Dabei reicht eine feine Prise vollkommen aus.

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gertjan.daniel 04.12.2015
1.
Fand den Trailer schon super wer sich für die Spielzeiten interessiert kann ja mal unter kinofans.com gucken da werde ich immer fündig.
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