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Food Plating auf Instagram: Beef mit Hannibal

Von Claudio Rizzello

Gekochte Kunst: Die Highlights Fotos
Nick Pitthayanont

Täglich fotografieren Menschen ihr Essen und posten Bilder davon in sozialen Netzwerken. Einige regen sich darüber auf, andere haben darin ihre Leidenschaft gefunden: Noch nie sah Essen schöner aus.

Das Stück Fleisch sieht so aus, als läge es in einer Lache aus Blut. Die roten Spritzer sind auf dem ganzen weißen Teller verteilt, und dann liegt da noch ein großes Küchenmesser auf dem Tellerrand. Doch das, was nach Gemetzel aussieht, ist in Wirklichkeit nur ein Püree aus Roter Bete. Lennard Yeong hat das Gericht zubereitet und es "Hannibal Beef" getauft.

Yeong arbeitet als Ingenieur in Singapur, aber er ist süchtig danach, Gerichte stilvoll anzurichten und dann auf einer sozialen Plattform wie Instagram zu posten. Das Durcheinander ist sein großer Feind. Der Koch zeichnet seine minimalistischen Essensentwürfe zunächst auf Papier und richtet sie dann der Skizze getreu auf dem Teller an. Die Zeichnung soll die Balance, die Größe und die Harmonie zwischen den Zutaten abbilden.

In Yeongs Freundeskreis teilte niemand seine Leidenschaft des Essens-Anrichtens, deshalb hat sich der Ingenieur einen Instagram-Account zugelegt. "Die konstruktive Kritik in den Kommentaren unter meinen Posts bringt mich weiter", sagt er.

"Hannibal Beef" von Lennard Yeong: "Kritik bringt mich weiter" Zur Großansicht
Lennard Yeong

"Hannibal Beef" von Lennard Yeong: "Kritik bringt mich weiter"

Food Plating heißt dieser Trend, aus Gerichten Stillleben zu machen. Das Fleisch, der Fisch, die Beilagen, all das soll kreativ angerichtet und im Zusammenspiel von Farben, Formen und Konsistenz eine künstlerische Gesamtwirkung erzeugen. Die Künstler zeigen ihre Gerichte zum Beispiel auf einem Tisch mit Servietten und Tassen, mit Obst und Sonnenbrillen, Zeitungen oder Leder-Accessoires und Musikalben. Sie kreieren mit Bananenscheiben, Blaubeeren oder Mandarinen Muster oder zeigen rosafarbene Kugeln, die aus Keksen hergestellt sind. Alles Ausflüge ins Schlaraffenland, schöne Momente, "Instamoments". Gepostet werden die Werke unter Hashtags wie Sexyfood, Foodporn oder Foodknockout.

Auf Instagram sind Köche vertreten, die täglich neue kulinarische Kreationen posten, oft einzig für ihre Community und das mit Erfolg. Die besten Bilder bekommen Tausende Follower, mehrere Hundert Likes und einige Kommentare. Die Kochkünstler erfinden, verfeinern und posten ihre Speisen selbst.

Sogenannte "Instachefs" werden mit dem richtigen Hashtag und dem richtigen optischen Auftritt ihrer Essens-Bilder schnell bekannt, so wie Aaron Tan. Der 32-jährige Informatiker kocht nur an Wochenenden für seine Follower, unter der Woche fehlt ihm dafür die Kraft und die Zeit, da geht er lieber ins Restaurant.

"Monets Garten": Tellerkreation von Aaron Tan mit Blüten und Rosenkohl Zur Großansicht
I-Hua & The Boy

"Monets Garten": Tellerkreation von Aaron Tan mit Blüten und Rosenkohl

Der Food-Stylist, der bei Instagram unter dem Namen @zeboy zu finden ist, sucht die Konzepte für seine Kreationen in der Kunst: "Ich lasse mich in Museen inspirieren. Kürzlich sah ich einen Monet, daraufhin habe ich ein Gericht basierend auf meinen Eindrücken kreiert und es 'Monets Garten' genannt."

Die Köche fotografieren ihre Gerichte von oben. Ein weiteres, ungeschriebenes Gesetz des Food Plating besagt, dass sich eine klare Linie erkennen lassen muss. Außerdem muss etwas das Interesse des Betrachters erwecken. Das kann eine Nuance sein, ein auffälliger Kontrast, eine verspielte Form, eine Kleinigkeit. Der Senfklecks neben dem Lachs zum Beispiel.

Jeder kann sich am Food Plating versuchen und ein Essens-Stylist werden, sagen die "Instachefs". Auch Nick Pitthayanont (@royalebrat) gehört dazu. Er bezeichnet sich selbst als "food plating artist". Der 37-Jährige sieht das Posten natürlich auch als Eigenwerbung, die dem "Instagram Fame" diene. Den Job als Restaurantmanager hat Pitthayanont aufgegeben. Inzwischen lebt er von seinen kulinarischen Kreationen für Instagram. In nur 18 Monaten hat er sich ein Netzwerk mit Kontakten zu Köchen errichtet, die ihn dann für kulinarische Aufträge buchen. Außerdem leitet er bereits erste Workshops. Sein großer Traum: ein eigenes Restaurant.

Feigen, Trauben und Müsli: Frühstück für Nick Pitthayanont Zur Großansicht
Nick Pitthayanont

Feigen, Trauben und Müsli: Frühstück für Nick Pitthayanont

Lennard Yeong, der Ingenieur aus Singapur, hat mit seinen Kreationen schon rund 38.000 User, die ihm folgen, und er sagt: "Erst wollte ich Follower gewinnen und habe viele Hashtags gesetzt, jetzt sind mir die Zahlen egal." Eines stört den 27-Jährigen allerdings: Die Oberflächlichkeit. Essen auf Instagram zu zeigen, sei in gewisser Weise ein Fake: "Ein Gericht kann perfekt aussehen, doch wenn der Schein trügt und es nicht schmeckt, ist der Koch gescheitert."

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Über Geschmack läßt sich nicht streiten,
Annabelle1811 29.11.2015
aber dieses Hannibal Beef ist scheußlich anzusehen, da man sofort an Blut und Gewalt denkt. Und sowas muß nicht sein. Lehne ich ab. Die anderen Creationen finde ich dagegen sehr ansprechend und wie ein Gemälde.
2. Ehrliches Essen?
herr_rumsch 29.11.2015
Hannibal Beef ist ehrlich, das Tier kam wohl kaum Gewaltlos ums Leben. Wir vergessen viel zu oft, dass für unser Essen ein Tier stirbt..., die Geschenke bringt ja auch nicht der Weihnatsmann...
3. Ich komme vom Land
der_seher59 29.11.2015
wir hatten früher auch Hausschlachtungen und das Schnitzel nicht an Bäumen wachsen ist mir klar. Trotzdem möchte ich so eine Sauerei nicht auf meinem Teller sehen - geschweige denn fotografieren
4. Nichts gegen Kunst (Eat Art), aber...
Hamberliner 29.11.2015
Wenn man solche Food-Plating (https://www.google.de/search?q="food+plating"&hl=en&as_qdr=all&biw=1024&bih=582&tbm=isch)-Kreationen mit Klarlack oder transparentem Kunstharz fixiert und an die Wand hängt handelt es sich um Kunst. Dazu braucht es auch keine Begriffsneuschöpfung, denn dieses Kunst-Genre nennt sich nicht neuerdings "Food Plating" sondern es heißt schon lange "Eat Art". Mit gutem Essen hat das allerdings nichts zu tun. Es ist keine kulinarische Tradition irgendeines Volkes, es dient nicht dem Zweck gut zu schmecken und satt zu machen, es dient nicht dem Genuss, man erkennt nicht vertrauenderweckend woraus es besteht. Wieviel Minderwertigkeitskomplexe muss ein Yuppi haben, um sich mit solchem schrillen Quatsch wichtig zu machen?
5. Hannibal Beef
pan-orama 01.12.2015
Lennard hat das Bild erstmalig vor knapp einem Jahr auf Cefsteps(dot)com veröffentlicht, da waren wir auch alle erstmal etwas baff, das war schon etwas außerhalb seines üblichen high-end platings. Aber bitte, was soll die Aufregung darum? Ein Filetsteak aus 15 cm höhe auf ein Rote Beete Sauce fallen gelassen. Mir hätte es sicher geschmeckt. :)
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