Zensur auf Instagram "Frauenkörper werden strenger kontrolliert"

Instagram löscht Bilder, die von Nutzern als anstößig empfunden werden. Die Netzkünstlerinnen Arvida Byström und Molly Soda haben solche zensierten Fotos gesammelt. Eine Auswahl zeigen sie hier.

Vera Jo¿rgensen

Ein Interview von


Zur Person
  • Molly Soda
    Molly Soda, 28, hat Fotografie in New York studiert. Die US-amerikanische Künstlerin produziert und stellt hauptsächlich im Internet aus. Zuletzt auch in London, New York und L.A. Einer größeren Öffentlichkeit wurde sie durch ihren Tumblr-Blog und die YouTube-Serie "Tween Dreams" bekannt. Mit der schwedischen Künstlerin Arvida Byström hat sie das Buch "Pics or It Didn't Happen" herausgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wir leben im Jahr 2017, und Menschen stören sich immer noch an Fotos von Frauen mit Körperhaaren.

Soda: Verrückt, dass sich jemand an den Körperhaaren einer anderen Person stört. Ich bekomme inzwischen weniger Kommentare zu meiner Körperbehaarung, aber ich würde sagen, dass sich immer noch genug Leute zu Wort melden, wenn irgendwo Haare zu sehen sind.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Unterschied zwischen den Kommentaren von Männern und Frauen?

Soda: Das ist lustig, denn ich erhalte mehr wütende Kommentare von Frauen. Die Männer äußern sich positiv, aber sie sexualisieren mich wegen meiner Körperhaare. Für sie ist das ein Fetisch. Das ist frustrierend.

SPIEGEL ONLINE: Menschen melden diese Bilder auf Instagram als anstößig, weil sie sich damit unwohl fühlen. Was passiert dann?

Soda: Man erhält zwar eine Nachricht von Instagram, wenn ein Foto entfernt wurde, aber man erfährt nicht, welches. Man weiß auch nicht, wer es gemeldet hat. Man bekommt keine Erklärung, was da gerade vor sich geht. Menschen melden Inhalte aus den unterschiedlichsten Gründen, auch aus persönlichen Gründen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zum Ihrem Buch "Pics or It Didn't Happen"?

Soda: Arvida und mir ist aufgefallen, wie viele Leute sich darüber beschwert haben, dass Inhalte von Instagram entfernt wurden. Leute, denen wir folgen, andere Künstler, Menschen, die wir aus dem Internet kennen. Arvida hatte sich darüber beschwert, dass wieder ein Foto von ihr entfernt wurde. Sie hat darüber getwittert oder es auf Facebook gepostet. Ich habe vorgeschlagen, ein Buch zu machen, weil mir das auch mehrmals passiert war.

Fotostrecke

10  Bilder
Zensiert: Diese Bilder erlaubt Instagram nicht

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auf Instagram nach Material für das Buch gesucht. Waren Sie überrascht von den Einsendungen?

Soda: Ich weiß gar nicht so genau, was ich erwartet habe. Ich habe mit dem Offensichtlichen gerechnet: Nacktheit und Brustwarzen. Ich war nicht überrascht, dass sich mehr Frauen bei uns gemeldet haben. Die Körper von Frauen werden strenger kontrolliert und stärker sexualisiert. Viele unserer Follower sind Frauen. Doch ich war auch von einigem überrascht. Es sind viele Bilder im Buch, bei denen man sich fragt, was daran so schlimm war, dass sie gelöscht wurden.

SPIEGEL ONLINE: In der Einleitung schreiben Arvida und Sie, was Ihr Buch alles nicht ist. Sie stellen klar, dass es keine Anleitung zum Feminismus ist. Warum sagen Sie so deutlich, dass es kein feministisches Statement ist?

Soda: Es waren so viele Leute an dem Buch beteiligt, dass wir nicht für alle sprechen wollen. Ich kenne nicht von jedem die politische Einstellung und weiß nicht, was sie mit ihren Bildern sagen wollen. Es sind einfach mehr Körper von Frauen im Buch, weil Frauen sich mehr mit ihrem eigenen Körper befassen und sich mehr selbst fotografieren.

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Arvida Byström/Molly Soda:
Pics or It Didn't Happen

Images Banned from Instagram

Prestel Verlag; 300 Seiten; Englisch; 19,95 Euro

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich denn selbst als feministische Künstlerin bezeichnen?

Soda: Natürlich. Ich bin definitiv eine Feministin. Der Terminus Feminismus kann heute so unterschiedlich interpretiert werden. Zumindest in Amerika wird gerade sehr viel diskutiert, was es heißt, eine Feministin zu sein. Ich würde sagen, dass meine Kunst irgendwie feministisch ist. Aber ich würde nicht sagen, dass es in meiner Arbeit nur darum geht und dass ich mich darüber definieren möchte.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten auch einen Tumblr einrichten können. Ist ein Buch ein Medium, das Ihnen hilft, als Künstlerinnen wahrgenommen zu werden?

Soda: Wir wollten ein Buch machen, weil es so einfacher ist, gelöschte Bilder zu archivieren. Instagram wird es nicht für immer geben. Wir wissen nicht, was mit all diesen Plattformen irgendwann passieren wird. Wir haben darüber keine Kontrolle. Das Buch soll eine Art Zeitkapsel sein, ein Platz außerhalb des Internets für all diese Bilder, den es länger geben wird als unsere Inhalte auf Instagram.

SPIEGEL ONLINE: Eine andere Netzkünstlerin, Amalia Ulman, sagte kürzlich in einem Interview, sie hasse Instagram. Machen Sie sich Gedanken, ob Sie Instagram nun besonders mögen oder nicht?

Soda: Ich bin frustriert, weil ich die größte Fangemeinde auf Instagram habe, und das der Account ist, den ich am wenigsten gern nutze. Instagram ist die Plattform, auf der sich alle Leute den ganzen Tag miteinander vergleichen. Das kann sich sehr negativ auf das Selbstbewusstsein und die Zufriedenheit auswirken. Alles, was Leute posten, ist Werbung. Alles andere ist auch Werbung. Jeder versucht, etwas zu verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Follower nehmen Ihre Arbeit wahrscheinlich als authentisch wahr.

Soda: Authentisch, das ist inzwischen auch so ein Marketing-Begriff. Alles, das gebranded wird, muss authentisch sein. Und das ist es ganz offensichtlich nicht. Meine Arbeit ist nicht authentisch. Ich kuratiere meine Bilder und schaffe ein Image. Bei Cindy Sherman ist das offensichtlicher, weil sie sich verkleidet.

SPIEGEL ONLINE: Schämen Sie sich manchmal, wenn Sie Bilder von sich online teilen?

Soda: Ja, natürlich. Nicht alles, was ich poste, hat mit Scham zu tun. Aber es ist wahrscheinlicher, dass ich etwas poste, wenn es mich beschämt oder mir peinlich ist. Weil ich mich nicht so fühlen möchte, poste ich es. Um das Gefühl loszuwerden. Bei vielen meiner Fotos wird man denken: Mein Gott, ist das peinlich, das würde ich niemals teilen. Warum postet sie das?

SPIEGEL ONLINE: Und warum?

Soda: Manchmal gibt es den Leuten ein besseres Gefühl, wenn sie sehen, dass das jemand macht.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
01099 25.04.2017
1.
Mich würde viel mehr interessieren, was genau solche Leute dazu treibt, sich so freizügig im Netz zu präsentieren und damit den letzten Rest Privatsphäre aufzugeben. Warum diese Sucht nach öffentlicher Aufmerksamkeit? Kein Mensch würde darauf kommen, nackt auf der Straße herumzulaufen, also warum wird das in der virtuellen Realität getan? Und warum wird das immer in Verbindung mit "Feminismus" gebracht? Funktioniert der nur, wenn man sich entblößt und seine Schambehaarung als Ausdruck seiner geschlechtlichen Identität macht? Ich finde das alles ziemlich absurd und was mich stört, ist die narzisstische Nabelschau dieser Leute und keineswegs ein nackter Körper oder irgendeine Behaarung. Am Strand renne ich auch nicht zum Bademeister und fordere, dass die Nackedeis bitte nach Hause gehen oder sich zumindest etwas anziehen sollen.
quark2@mailinator.com 25.04.2017
2.
Also zumindest das Titelbild gehört auch zensiert, oder wer will den unbedeckten Oberkörper scheinbar minderjähriger Mädchen sehen. Im Privatbereich mag man das Alter kennen, aber online ? Besser auf der sicheren Seite bleiben, denk ich.
ubbo 25.04.2017
3. Deren Plattform, deren Regeln!
Wenn man sich daran stört, wenn das eigene Unterhosenbild gelöscht wird, hat man immer noch die Möglichkeit zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Also warum die Aufregung?
nordschaf 25.04.2017
4. Also soo spektakulär...
... schön oder künstlerisch finde ich die gelöschten Fotos nun auch wieder nicht. Ich muss mir sowas ja zum Glück nicht permanent ansehen, aber man fragt sich doch, warum Menschen ... nennen wir's mal "hautlastige Fotos" von sich weltweit abrufbar machen. Man kommt nicht umhin, da eine gewisse Nabelschau zu vermuten, einen "Thrill des Zeigens". Dass andere das wiederum als Vorlagen zur sexuellen Selbststimulation benutzen könnten.. tja.. gute Frage.. ist das Teil des Thrills oder gar nicht erst bewusst? Nein, Pornographie ist es natürlich nicht, aber eine Gradwanderung des guten Geschmacks bei einigen Fotos zweifellos. Tja, wenns dem persönlichen Glück dient... bitteschön.
steellynx 25.04.2017
5.
In einer Welt in der Aufmerksamkeit am einfachsten über Sex generiert wird, was hat die Autorin denn erwartet? Natürlich melden sich mehr Frauen bei gesperrten Bildern. Auch, weil oben ohne beim Mann gesellschaftlich akzeptiert wird, bei Frauen nicht. Warum, das ist rätselhaft genug. Aber so ist es nun mal. Trotzdem, man schaue sich YouTuber oder irgendwelche Gaming-Streamer an. Sind die Kerle da in Unterwäsche? Nein, Frauen aber recht häufig schon. Während man sich als Mann eigentlich nur öffentlich ausziehen darf ohne gleich geröstet zu werden wenn man mindestens das Sixpack vorzuweisen hat, reicht als Frau ein tiefes Dekolleté. Da sich hier aber ein zu großer Konkurrenzkampf ergeben hat, gehen manche eben den Schritt weiter... Fakes darf man auch noch dazu rechnen. Das hat meiner Meinung nach also absolut nix damit zu tun, dass Frauen strenger kontrolliert werden. Und neben dem offensichtlichen... bitte... ich habe gar kein Problem wenn jemand die Detailaufnahme einer Unterhose meldet. Der geistige Wert für die Menschheit ist da ja doch sehr überschaubar, selbst der kleine Kreis der Viewer wird damit wohl kaum wirklich was anfangen können. Sind es kunstvolle Fotos, ist mir völlig egal ob in der Öffentlichkeit Mann oder Frau komplett nackt gezeigt werden.
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