18-jähriger Designer "Wenn's nicht klappt, mache ich Abitur"

Conchita Wurst, MC Fitti und Fettes Brot tragen seine Shirts: Eric Wodegnal ist einer der jüngsten Designer Deutschlands. Hier spricht der 18-Jährige über Motto-Shirts, ehrfürchtige Fans - und Homophobie.

Eric Wodegnal

Ein Interview von Eva Lindner


Zur Person
Eric Wodegnal, 18 Jahre, hat vor drei Jahren das Label MTAS (More than a shirt) gegründet, das vor allem T-Shirts und Pullover mit Zeichnungsdrucken und Sprüchen produziert. Wodegnal studiert an der Fahmoda Akademie für Mode und Design in Hannover, zur Zeit hat er ein Urlaubssemester, um sich ganz seinem Label zu widmen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Wodegnal, in der neuen Kollektion ihres Labels "MTAS (More Than A Shirt)" gibt es nur einen Druck, der von Ihnen gezeichnet wurde. Sonst besteht die Kollektion aus Motto-Shirts. Warum?

Wodegnal: Das liegt daran, dass mein Drucker kaputtgegangen ist und ich jetzt keine Zeichnungen mehr einscannen kann. Außerdem habe ich keinen Stift zu Hause. Ich weiß, das klingt verrückt, aber ich wollte vorgestern was zeichnen und habe keinen Stift gefunden. Dann habe ich's halt gelassen.

SPIEGEL ONLINE: An Motto-Shirts sieht man sich schnell satt. Warum glauben Sie, dass Ihre Kunden ein T-Shirt mit dem Aufdruck "If you're stressed remember: nobody cares" auch nach zehn Wochen noch gerne aus dem Schrank ziehen?

Wodegnal: Meine Zielgruppe sind Leute, die eine gewisse Antihaltung haben und Trends hinterfragen. Das ist weniger der fröhliche Eismann von nebenan, sondern das sind Leute, die gesellschaftskritisch und nachdenklich sind. Mir sagen dauernd Menschen: Oh Mann, ich bin so gestresst. Karl Lagerfeld hat gesagt: "Wer gestresst ist, macht etwas falsch. Den amüsiert seine Arbeit nicht." Das glaube ich auch. Ich persönlich sehe mich allerdings immer schon nach zwei Tagen an meinen Sachen satt. Aber ich bin auch mein größter Kritiker.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie tragen Ihre Sachen selbst gar nicht?

Wodegnal: Fun Fact: Die passen mir gar nicht. Ich bin zu groß und zu untergewichtig.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihre T-Shirts und Pullover schreiben Sie gesellschaftskritische Aussagen wie "No place for homophobia". Ist Mode für Sie ein politisches Werkzeug?

Wodegnal: Sobald man anfängt, Politik zu machen, wird man richtig gehasst. Wenn Schwulsein in fünf Jahren in Deutschland komplett akzeptiert wird, dann habe ich es nicht mehr nötig, das Shirt zu verkaufen. Die Message ist dann angekommen. Aber so traurig es ist, ich denke nicht, dass Homophobie verschwinden wird. Bestes Beispiel: Als ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich mich mit Conchita Wurst treffe, war sie entsetzt. Meine Familie kommt aus Russland und aus einem Kulturkreis, in dem Homosexualität nicht akzeptiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Erleben Sie auch Anfeindungen im Netz?

Wodegnal: Überraschenderweise gar nicht. Dabei suche ich jeden Tag das halbe Internet danach durch. Ich finde es lustig, wenn mich jemand beleidigt. Ich trage einen Plüschmantel, ich biete genug Angriffsfläche. Stattdessen habe ich neulich von jemandem eine Nachricht bekommen, der mein Shirt in der Bahn gesehen und dann auf dem Heimweg darüber nachgedacht hat. Er hat mir geschrieben, dass er seitdem nicht mehr homophob ist. Das habe ich total gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Auf ihren Klamotten steht "Nicht mal deine Eltern lieben dich". Die Models tragen Smiley-Shirts und halten den Mittelfinger in die Kamera. Einen Beutel mit dem Aufdruck "Halt die Fresse" verschicken Sie mit Sticker und Konfetti. Wie wichtig ist Ihnen Provokation?

Wodegnal: Klar will ich provozieren. Aber alle denken immer, ich bin der unfreundlichste Mensch der ganzen Welt. Das ist aber nur ein Teil von mir. Zu den Leuten, die ich mag, bin ich ganz lieb. Aber hey, wenn man aus Hannover kommt, kann man nur ein Menschenfeind sein. Sogar in Berlin sind alle viel freundlicher. Ich hasse nichts mehr als unfreundliche Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Fettes Brot, MC Fitti und Conchita Wurst tragen ihre Designs. Wie sind die auf Sie aufmerksam geworden?

Wodegnal: Wir unterstützen uns gegenseitig. MC Fitti habe ich schon unterstützt, als er erst 2000 Facebook-Fans hatte: Ich habe überall seine Sticker dran geklebt und mit ihm gechattet. Jetzt unterstützt er halt mich.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Label hat über 10.000 Facebook-Fans, mit denen Sie viel kommunizieren. Wächst Ihnen das über den Kopf?

Wodegnal: Ich kommuniziere gerne, aber ich würde meine Kunden nicht als Fans bezeichnen. Wobei es mittlerweile schon ziemlich krass ist. Letztens hat mich bei einem Konzert ein Mädchen erkannt und vor Aufregung angefangen zu zittern. Sie konnte nichts mehr sagen, das war echt komisch. Selbst wenn ich Lady Gaga wäre, gäbe es keinen Grund zu verstummen.

SPIEGEL ONLINE: Im Alter von 15 Jahren haben Sie Ihr Label gegründet. Wo haben Sie das Handwerkszeug gelernt?

Wodegnal: Grundstiche kannte ich noch aus dem Textilunterricht in der Grundschule. Nähen habe ich dann von meiner Oma gelernt. Was allerdings dazu geführt hat, dass ich mich jetzt auch anstelle wie eine Oma, die sich im Nähkurs eingetragen hat und nur zweimal da war. Zeichnen habe ich mir selbst beigebracht. Das ist der Grund, warum ich an die Fahmoda-Akademie für Mode und Design in Hannover gegangen bin. Ich will dort das Handwerk von Grund auf lernen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind Sie 18 und können von dem Verkauf Ihrer Mode leben. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Wodegnal: Ich habe ja nie darauf hingearbeitet. Ich wollte auch nie Designer werden, ich habe das Label aus Spaß gegründet. Das ist etwas total Persönliches. Alle Etiketten schneide ich selbst aus, klebe sie zusammen und beschrifte sie. Ich packe das Konfetti persönlich in jedes Paket. Für mich ist es dadurch unmöglich, abzuheben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie manchmal Sorge, dass Ihre Designs ein Trend sind, der vergehen könnte?

Wodegnal: Klar! Gerade mache ich an der Fahmoda ein Urlaubssemester, damit ich mehr Zeit für mein Label habe. Aber ich kann jederzeit zurück. Und wenn es nicht klappt mit dem Label, dann mache ich mein Abitur. Dann ziehe ich halt wieder bei meiner Mutter ein und sage: "Hey Mama, ich bin wieder da!"



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
eiznekcm 03.06.2015
1. Ich verstehe nicht
was an normalen, bedruckten Shirts so toll ist
optism 03.06.2015
2.
Den Unterschied machen nicht die Kleider, sondern derjenige der sie erstellt hat. Und die Youtube Kids von heute kaufen -alles-, was ihre Halbgötter als cool markiert haben. Aber heute ist auch jmd. mit billigen, banalen YOutube Videos ein Star. Und alte Frauen bestehlen ist auch nicht so schlimm, solange man DSDS gewonnen hat. Gewöhnen Sie sich besser an diese Welt.
JKStiller 03.06.2015
3. @eiznekcm
Ich wollte dasselbe fragen. Schwarze Sack-Shirts ohne besonderen Schnitt, ohne Applikationen, kein Spiel, kein Aha-Moment, dafür weiße Prints. So so, das ist also Design? Na dann.
Rock Strongbow 03.06.2015
4.
Designer und kein Stift zu Hause. Ich fasse es nicht. Und das mit dem Drucker ist ja wohl auch ne faule Ausrede.
appendnix 03.06.2015
5. Erinnert mich stark an den Medizinerinnnenspruch:
Wenn ich bis 30 keinen Doktor habe, mache ich den selber.
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