Rotwein-Revolutionär Antinori "Bier kann man alleine trinken, Wein nicht"

Der Florentiner Piero Antinori führt eine der ältesten Weinbau-Familien der Welt. Er hat den italienischen Rotwein revolutioniert und experimentiert bis heute gern. Sein nächstes Projekt ist ein Wein ohne Sulfite.

Thilo Weimar/ Tre Torri

Ein Interview von Eva Lindner


SPIEGEL ONLINE: Marchese Antinori, bis heute schaut die Welt, was Spitzenweine betrifft, auf Frankreich. Wo in der Rangliste steht Italien?

Antinori: Als ich vor 45 Jahren im Weingeschäft anfing, dominierten französische Weine im Export. Italienische Weine waren bekannt für niedrigere Qualität - und niedrige Preise. Doch seitdem hat sich viel getan. Es gab eine Revolution, wie ich es nenne. Wir haben unsere Ressourcen gebündelt, um bessere Qualität zu produzieren. Heute würde ich sagen, dass italienische Weine an erster Stelle stehen, was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zu dieser Revolution vor allem mit ihrem Tignanello beigetragen. Der Supertoskaner, den Sie 1971 kreiert haben, gilt als Vater moderner italienischer Qualitätsweine. Worin liegt sein Geheimnis?

Antinori: Wir haben uns damals von einem bekannten Weinexperten aus Bordeaux beraten lassen, Professor Émile Peynaud. Wir wählten das beste Weinbaugebiet, das wir hatten, und sortierten schwache Rebsorten aus. Außerdem haben wir den Wein nicht mehr wie früher jahrelang in alten, riesigen Fässern gelagert. Stattdessen nahmen wir kleine, bessere Eichenfässer, um die Frische der Trauben zu erhalten. Der Tignanello galt als innovativ, als Rebell mit Finesse, Komplexität und Eleganz. Das hat ihm Erfolg eingebracht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Familie produziert seit dem Spätmittelalter Wein. Wie schafft man es, einen Familienbetrieb so lange zusammenzuhalten?

Antinori: Ich glaube, das Geheimnis liegt in dem Produkt, mit dem wir arbeiten. Man muss es lieben. Und wir sind leidenschaftlich verliebt in das Land, die Anbaugebiete und natürlich in den Wein selbst.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben drei Töchter, die in Ihrem Unternehmen arbeiten. Viele Familienbetriebe brechen durch interne Konflikte auseinander. Wie wahren Sie den Frieden?

Antinori: Meine Töchter sind sehr unterschiedlich und ergänzen sich gut. Um Konflikte zu vermeiden, habe ich eine Treuhandgesellschaft gegründet. Das verhindert, dass Teile der Firma verkauft werden können.

SPIEGEL ONLINE: Was sind heute die größten Herausforderungen für Ihr Weinunternehmen?

Antinori: Unsere größte Herausforderung ist Mutter Natur, weil die ganze Arbeit von ihr abhängt. Wir können sie nicht kontrollieren und nicht vorhersehen. Wenn wir auf einem Anbaugebiet in einem Jahr einen Totalausfall in der Ernte haben, dann können wir das kompensieren. Ein Jahr. Aber kein zweites. Das Wetter ist ein großes Risiko, vor allem starke Regenfälle und Stürme, die wir jetzt immer häufiger haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Unternehmen produziert sowohl Spitzenklasse-Weine als auch günstige Varianten. Kann ein Supermarktwein gut sein?

Antinori: Die Durchschnittsqualität hat sich stark verbessert. Als ich angefangen habe, war es schwer, in einem Restaurant einen guten Wein zu finden. Heute ist es schwer, einen schlechten zu finden. Man kann in einem Supermarkt für fünf oder sechs Euro sehr gute Weine erstehen. Für einen Spitzenklasse-Wein muss man aber mindestens das Zehnfache ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Welches ist Ihr wertvollster Wein?

Antinori: Ich würde sagen: unser Solaia. Der kostet 150 Euro die Flasche. Das ist viel, aber immer noch viel weniger als man für einen großen französischen Château-Wein bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Welches ist Ihr Lieblingswein?

Antinori: Der Tignanello. Er ist mein Lieblingswein, aber nicht nur wegen seiner Qualität, sondern weil er für mich und für die Geschichte unseres Unternehmens so viel bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das selbst Ihr Unternehmen nach 600 Jahren im Geschäft und nach all den Erfolgen noch lernen kann?

Antinori: Auf jeden Fall. Im Weingeschäft steht man immer am Anfang, es gibt immer etwas zu erforschen. Zur Zeit versuchen wir, Wein ohne Sulfite zu kreieren. Laut Definition ist Wein ein natürliches Produkt, und wir versuchen, diese Ursprünglichkeit ganz ohne Zusätze wieder herzustellen. In ein paar Jahren sollten wir so weit sein.

SPIEGEL ONLINE: Entwickeln Sie auch neue Verschlüsse, oder ist der Korken unsterblich?

Antinori: Wir haben viel mit Verschlüssen experimentiert. Mal abgesehen von dem Image eines Plastikverschlusses glauben wir, dass ein natürlicher Korken - gerade für exzellenten Rotwein, der lange lagert - der richtige Verschluss ist. Ein Korken erlaubt ein kleines bisschen Oxidation, der Drehverschluss nicht.

SPIEGEL ONLINE: Als Chef von zahlreichen Weingütern in Italien und Kalifornien trinken Sie sicher viel Wein?

Antinori: Ich bin ein guter Trinker. Früher habe ich durchschnittlich eine Flasche pro Tag getrunken, heute ist es ein bisschen weniger. Das Leben ist natürlich zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Gutes Essen und guter Wein gehören zu einer hohen Lebensqualität und verbessern menschliche Beziehungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Antinori: Wein ist etwas, das man teilt. Bier kann man auch alleine zu Hause trinken, Wein nicht. Er ist ein Symbol für Freundschaft.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
DidiViefie 15.06.2015
1. Als Antinori
noch Kartoffeln und Tomaten in den Weinbergen angebaut hat, wurden ANGELO GAJA's Weine in New York schon mit Medaillen ausgezeichnet. GAJA wurde fuer verrueckt erklaert, als er auf den Anbau von Kartoffeln, Tomaten etc. verzichetete, seine Familie nicht mehr ernaehren zu koennen. Gaja stammt aus dem Piemont . Seine Heimat ist Barbaresco. Es ist wert, mal einen Blick auf seine beruehmtesten Weinlagen zu werfen. Nur als Ergaenzung zur Entwicklung in Italien.
jamon 15.06.2015
2.
"Bier kann man alleine trinken, Wein nicht" es liegt immer an einem selber. ich kann einen wein auch alleine genießen. an manchen tagen kann es sogar besser sein, alleine zu genießen. wenn herr antinori das nicht kann, so ist er zu bedauern.
domingo 15.06.2015
3.
Der Satz mit dem Bier ist natürlich Blödsinn.
otelago 15.06.2015
4. Wichtigtuerei
sogenannte Weinkenner schlucken teure Weine mit italienisch aussehendem Etikett. Das sind i.r.R. Leute, die Probleme hätten, einen Tetrapak-Lambrusko zu identifizieren und weiterhin glauben, daß Parker wehr wäre als eine Marketingmasche.
otelago 15.06.2015
5. Soll er
Zitat von jamon"Bier kann man alleine trinken, Wein nicht" es liegt immer an einem selber. ich kann einen wein auch alleine genießen. an manchen tagen kann es sogar besser sein, alleine zu genießen. wenn herr antinori das nicht kann, so ist er zu bedauern.
italienische Weine sind so zuverlässig wie spanisches Olivenöl.
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