Meisterfotograf Irving Penn Ein Mann geht ran

Als Künstler verkracht, als Fotograf Weltkarriere gemacht: Zum 100. Geburtstag feiert eine Monografie den Ausnahmefotografen Irving Penn, der sehr vielen Stars sehr nahe kam.

The Irving Penn Foundation/ Courtesy Schirmer/Mosel

Als sich Irving Penn 1943 eingesteht, dass er nie mehr als ein mittelmäßiger Maler sein wird, muss er sich einen Job suchen. Fündig wird er bei einem Bekannten: Alexander Liberman, künstlerischer Leiter der amerikanischen "Vogue", schickt ihn in die Titelbildherstellung, um Entwürfe zu zeichnen. Weil die Hausfotografen sich weigern, Penns Ideen umzusetzen, geht er kurzerhand selbst ins Studio, arrangiert dort einen Handschuh, ein Notizbuch, ein paar Accessoires - und fertig ist das Cover der Ausgabe vom 1. Oktober 1943.

Von diesem Zeitpunkt an prägt Irving Penn die Ästhetik der einflussreichen Modezeitschrift, allein mehr als 150 Titelbilder macht er für das Blatt. Dazu kommen zahlreiche Modestrecken, von denen einige bis heute zu den bedeutendsten Arbeiten dieses Genres zählen. 1947 soll er ein Gruppenporträt von zwölf der zu diesem Zeitpunkt meistfotografierten Models machen, darunter seine spätere Frau Lisa Fonssagrives. Das Shooting gerät zu einem regelrechten Erweckungserlebnis.

Penn, der sich eigentlich nicht ernsthaft für Mode interessiert, porträtiert nun auch die Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Diese Bilder sind es, die den meisten Menschen heute bekannt sind: der sitzende Salvador Dalí mit breit aufgestützten Armen; Pablo Picasso, wie er den Betrachter aus dem Halbschatten anstarrt; Marcel Duchamp, eingezwängt zwischen zwei Stellwände - das sogenannte Corner Portrait ist ein Klassiker von Penn.

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Irving Penn: Ikonische Porträts und raffinierte Stillleben

Aus der Idee mit den im spitzen Winkel platzierten Wänden, zwischen denen er die Menschen in die Ecke stellt, entwickelt er eine ganze Fotoserie. Eine Situation, mit der jeder anders umgeht: Spencer Tracy lehnt sich lässig an, Marlene Dietrich auch, die Herzogin von Windsor gibt sich anmutig, die Malerin Georgia O'Keefe zieht sich schüchtern zurück.

Der Aufbau in Penns Studio bleibt über die Jahre weitgehend derselbe: der Mensch vor einem hellen Hintergrund, am liebsten im Tageslicht, manchmal mit einem Stillleben. Einfachheit und eine klare Bildsprache werden zu seinen Markenzeichen. Nur der Ausschnitt verändert sich, Penn kommt seinen Modellen im Laufe der Jahre immer näher. Zeigen seine Bilder am Anfang noch den ganzen Menschen, beschränkt er sich später meistens aufs Gesicht.

Anfang der Siebzigerjahre zieht sich Penn dann fast vollständig aus der Modefotografie zurück. 1973 wird er als erster Fotograf überhaupt im New Yorker Metropolitan Museum ausgestellt. Er verwendet seine Zeit jetzt immer mehr für ausgefallene Blumenporträts, raffinierte Stillleben und Aktfotografien korpulenter Frauen. Außerdem fotografiert er Stammesvölker - und noch mehr Porträts.

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Irving Penn: Meister der Modefotografie

Auf diesen Porträts liegt der Schwerpunkt einer Monografie, die der Schirmer/Mosel Verlag nun zum 100. Geburtstag des 2009 verstorbenen Meisterfotografen auflegt. Insgesamt 365 Abbildungen geben einen enzyklopädischen Überblick über alle Aspekte seines Werkes. Essays von Maria Morris Hambourg, Philip Garner und anderen Fotohistorikern beschreiben Irving Penns einzigartige Stellung an der Schnittstelle von Berufs- und Kunstfotografie.

Der Band, der in Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum entstanden ist, begleitet die große Irving-Penn-Ausstellung, die am 24. April 2017 in New York eröffnet, bis zum 30. Juli 2017 zu sehen sein und danach durch die Welt reisen wird. Stationen in London, Paris, Berlin und München sind für das Jahr 2018 vorgesehen.

Als Maler mag ihm der Erfolg versagt geblieben sein. Als Fotograf hat es Irving Penn trotzdem zum Künstler gebracht.

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Irving Penn:
Centennial

Schirmer Mosel, 372 Seiten; 68 Euro

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