Fotoprojekt "Dancers After Dark" "Diese Hintern - oh mein Gott!"

Nachts und nackt: Jordan Matter hat Balletttänzer vor dem Brandenburger Tor, auf dem Times Square oder am Louvre fotografiert. Er wolle ihre Körper feiern, sagt er. Ist ihm gelungen - schauen Sie selbst.

Dancers After Dark by Jordan Matter (Workman Publishing)

Ein Interview von


Zur Person
    Jordan Matter, Jahrgang 1966, arbeitet als Fotograf in New York City. Er war lange Schauspieler, bevor er In seinen Serien inszeniert er häufig Berufsgruppen in Alltagssituationen, etwa "Athletes Among Us", "Circus Among Us", "Dancers Among Us".

    Website von Jordan Matter

SPIEGEL ONLINE: Herr Matter, Sie fotografieren seit Jahren Tänzer in Alltagssituationen. Wieso jetzt nachts - und nackt mitten in der Stadt?

Matter: Ich will ihre Körper feiern, als Dokumente ihrer Leidenschaft: Denn die Karriere von Tänzern endet relativ früh, wenn sie 30 sind, ist es in der Regel vorbei. In diese kurze Zeitspanne packen sie die Arbeit, für die andere ein ganzes Leben haben. Diese Tausenden Stunden haben sich in ihre Körper eingeprägt - und das sehen wir nur, wenn sie sich ausziehen, sie sind wie zeitgenössische Skulpturen. Dazu kommt: Wer eine Karriere als Tänzer einschlägt, muss furchtlos sein und gewillt, Risiken einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: So wie das Risiko, nachts nackt ein Pas de Deux auf der Brooklyn Bridge zu tanzen?

Matter: Genau - solche Situationen sind aufregend und zugleich fühlt sich jeder verletzlich. Beide Begriffe benutzen Tänzer oft, um ihre Arbeit zu beschreiben. Und die Nacht verstärkt das noch. Ich wollte mit dem Buch unser aller Bereitschaft thematisieren, Risiken einzugehen für das, was wir wirklich wollen im Leben. Wie etwa eine Tanzkarriere einzuschlagen, gegen alle Widerstände und ohne finanziellen Reiz. Oder wie ich, der mit Mitte 30 und null Erfahrung beschloss, Fotograf zu werden. Deswegen die Nacktheit: Je öffentlicher und ikonischer die Settings, desto deutlicher wird die Furchtlosigkeit. Schließlich ist Grand Central Station nicht nur einer der schönsten, sondern auch einer der trubeligsten Orte.

SPIEGEL ONLINE: Times Square, Notre-Dame, Brandenburger Tor, Sie waren überall. Was war die beste Location dafür?

Matter: Es ist zwar auch eine alte Burg oder Natur dabei, aber das Tollste war, visuell Überwältigendes mit öffentlichem Raum zu verbinden. Darum suchte ich die Touristenorte jeder Stadt - wie etwa Notre-Dame in Paris.

SPIEGEL ONLINE: Mit wie vielen Tänzern waren Sie unterwegs?

Matter: Fürs allerletzte Foto des Projekts inszenierte ich 25 Tänzer im Washington Square Park. Aber am Anfang zog ich mit nur einem oder zwei los, immer in dunklen Ecken. Ich wollte nicht geschnappt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn so gefährlich?

Matter: Ich war besorgt wegen der juristischen Konsequenzen. Ich war mit über 300 Tänzern in fünf Ländern unterwegs, in Europa, Kanada, den USA, wir hätten verhaftet oder zu einem Bußgeld verdonnert werden können. Deswegen haben die Tänzer ihre Klamotten immer erst ausgezogen, nachdem die Pose geprobt war.

SPIEGEL ONLINE: Aber größere Gruppen sind doch erst recht auffällig.

Matter: Stimmt, wenn mitten auf dem Times Square fünf nackte Menschen ineinander verschlungen herumstehen, fällt das auf. So gab es die Gefahr, dass Passanten die Polizei rufen. Wir mussten also schneller sein. Wir versteckten uns, rannten kurz hin, machten Fotos, rannten wieder weg. Wir waren letztlich immer auf der Flucht.

SPIEGEL ONLINE: Ein Bild zeigt den U-Bahn-Einstieg Weinmeisterstraße in Berlin, andere entstanden in der New Yorker Subway oder der Pariser Métro. Da kann ja jederzeit einer die Treppe raufkommen und direkt in Brüste und Penisse knallen.

Matter: Ich wollte keine Bilder, auf denen Leute tatsächlich die Tänzer anstarren, sondern Orte, bei denen klar ist, dass jede Sekunde jemand um die Ecke kommen könnte. Am Louvre war's am knappsten: Als wir ankamen, war das Museum schon zu, der Innenhof leer und die Beleuchtung noch an. Als der nackte Tänzer und ich zu einem der Podeste im Hof rannten, kam ein Wachmann. Ich war so panisch, dass ich auf Spanisch zurückschrie, mit amerikanischem Akzent: "Uno momento, uno momento!". Der Tänzer nahm derweil seine Pose ein, wie Auguste Rodins "Denker". Wir hatten 15 Sekunden wegen des Wachmanns, dann sprinteten wir um die Ecke, schauten aufs Foto - es war scharf und wunderschön.

SPIEGEL ONLINE: War es leicht, die Tänzer zum Mitmachen zu überzeugen?

Matter: Es half, dass mein voriges Projekt, "Dancers Among Us", so erfolgreich war, sie kannten meine Arbeit. Dazu kommt, dass sie mit Nacktheit weniger Probleme haben als andere Berufsgruppen. Einer sagte mir: "Ich möchte endlich meinen ganzen Körper feiern, statt nur die einzelnen Teile. Im Training vor dem Spiegel schaue ich auf den Fuß, die Hand oder die Hüfte. Hier bin ich einfach nur ich, und zwar ganz."

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den letzten Jahren Tausende Tänzer fotografiert. Welcher Körperteil ist denn aus Nicht-Tänzer-Sicht besonders bemerkenswert?

Matter: Wenn es um "Oh mein Gott!"-Momente geht: ihre Hintern. Diese komplexe Muskulatur haut mich um. Deswegen soll die Nacktheit, die ich zeige, nicht aufdringlich sein, sondern ein Aufruf: Schaut Euch diese unfassbaren Körper an! Als würde man Michelangelos David nehmen und er erwacht vor Deinen Augen zum Leben. Wenn die Tänzer ihren Körper in Stellung brachten, wirkte alles wie in Zeitlupe. Allein das war so wunderschön, dass ich manchmal vergaß, das Foto zu schießen.

SPIEGEL ONLINE: Die Körperformen korrespondieren oft mit der Architektur drumrum. Wie gelang das?

Matter: Es war wie Streetart. Vor diesem Projekt habe ich immer nach Settings gesucht, die Geschichten, Alltag erzählen. Nun hielt ich nach Linien und Formen Ausschau. Damit die Tänzer die Elemente im Hintergrund aufgreifen können, etwa die Kurven einer Brückenkonstruktion.

SPIEGEL ONLINE: Noch ein Unterschied zu sonst: Sie fotografierten nachts. Was änderte das?

Matter: Die Kontraste sind stärker, erst recht im Winter. Und die Alltagsregeln sind ausgesetzt, Zeit vergeht wie in einem Rausch. Das erlebte ich auch mit den Tänzern: Wir trafen uns gegen 9 Uhr abends, machten uns auf in das Abenteuer der Nacht - auf einmal war es früher Morgen. Unser Ritual war immer: Bis Mitternacht tranken wir Kaffee, wenn wir zwei wirklich tolle Shots im Kasten hatten, gingen wir in eine Bar und feierten mit Drinks. Dann waren wir ein wenig angetütert. Und fotografierten weiter.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich denn auch mal nackig gemacht?

Matter: Ja, in Paris, in der letzten Nacht um 3 Uhr morgens. Einer der Tänzer fragte, ob ich denn schon posiert hätte. Also zog ich mich aus, Pariser in einem Café nebenan feuerten mich an. Endlich verstand ich, was die Tänzer immer beschrieben hatten: Ich hatte einen Adrenalinrausch.

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