Zum Tode Karl Lagerfelds Das Leben als Laufsteg

Als Kreativer prägte er die Modeszene mit seinen Entwürfen, als Provokateur reizte er mit Sprüchen. Als Großmeister der Selbstinszenierung wird Karl Lagerfeld in Erinnerung bleiben.

Karl Lagerfeld bei einer Chanel-Modenschau 1983
AP

Karl Lagerfeld bei einer Chanel-Modenschau 1983

Von und


Die Kindheit? Das war "die größte Zeitverschwendung meines Lebens", sagte Karl Lagerfeld einmal, er habe einfach schnell erwachsen werden wollen.

1933 kommt er als zweites Kind eines Dosenmilchfabrikanten und dessen Frau Elisabeth in Hamburg-Blankenese zur Welt, damals heißt er noch Lagerfeldt mit "dt", das T wird er später streichen lassen, aus ästhetischen Gründen.

Die ersten Jahre verbringt er größtenteils auf Gut Bissenmoor bei Bad Bramstedt, dem Landsitz der Familie, wo die Lagerfeldts auf das Ende des Zweiten Weltkriegs warten. Statt mit Gleichaltrigen zu spielen, verkriecht sich der Junge auf dem Dachboden, wie er später erzählen wird, als er längst berühmt ist. Dort stöberte er in alten Ausgaben der Satirezeitschrift "Simplicissimus". Besonders die Zeichnungen Olaf Gulbranssons und Thomas Theodor Heines faszinieren ihn. Ein Eigenbrötler ist er, ein Karikaturist will er werden.

Vielleicht findet er auf dem Papier eine Leichtigkeit, die ihn ablenkt vom strengen Elternhaus. Der Vater? "Ein lieber Mensch", aber hauptsächlich mit seiner Glücksklee Milch-GmbH beschäftigt. Die Mutter? Schon 42, als sie endlich den erwünschten Erben zur Welt bringt. Das Verhältnis bleibt zeitlebens distanziert. "Die hatte keine Lust auf Kindergeschwätz, man musste schon etwas Erwachsenes sagen", wird sich der Sohn später erinnern, da trägt er die Eheringe seiner Eltern stets an einer Halskette.

"Deutschland, das vergessen wir mal, du musst hier raus."

Der kleine Karl hält sich an die Vorgaben, entwickelt eine Vorliebe für Maßgeschneidertes, Krawatte und Monokel. Auch einen Zopf trägt er schon, was bei einem seiner Lehrer gar nicht gut ankommt. Als der bei einer zufälligen Begegnung die Mutter ins Gebet nimmt wegen der Frisur, schleudert sie dem Mann seine Krawatte ins Gesicht und kontert: "Wieso? Sind sie immer noch ein Nazi?"

Mit 18 nimmt ihn seine Mutter das erste Mal mit nach Paris. Danach steht für ihn fest: Hier will er leben. Wieder zu Hause, bricht er die Schule ab, lernt aber fleißig Französisch. 1953 zieht er mit seiner Mutter an die Seine, der Vater bleibt bei der Firma in Deutschland. Karl versucht, an einer Privatschule das Abitur nachzuholen. Es klappt nicht. Zeichnen kann er aber, findet Arbeit als Modeillustrator. Geld ist kein Problem, das kommt aus Deutschland.

Der Aufstieg zu einem der bekanntesten Modedesigner der Welt beginnt mit dem Entwurf eines Kamelhaarmantels, mit dem der 21-jährige Lagerfeld 1954 einen Preis des Internationalen Wollsekretariats gewinnt. Ein anderes Jungtalent siegt in der Kategorie "Abendkleid": Yves Saint Laurent, damals 18. Die beiden werden ein Leben lang Rivalen bleiben.

Lagerfeld bekommt von der Mutter ein cremefarbenes Mercedes-Benz 190 SL Cabrio, mit dem er sich fast zu Tode fährt, weswegen er sich später nur noch chauffieren lässt: Rolls-Royce auf dem Land, Bentley in der Stadt.

Fotostrecke

25  Bilder
Karl Lagerfeld: Sein Leben in Bildern

Der Mantel und der Schneider Lagerfeld werden bei Pierre Balmain gemacht. Auch der damals angesagtere Cristóbal Balenciaga will das junge Talent für sein Atelier gewinnen, aber Karl ist "von ihm nicht so beeindruckt". Die Ausbildung führt ihn zur Haute Couture, in Handarbeit gefertigte Maßkleidung für den Jetset. Bald hat der Jungdesigner jedoch "die Nase voll davon, Assistent zu sein". Dazu fühlt er sich nicht geboren.

Mit 25 wird er künstlerischer Direktor bei Jean Patou. Es folgen Stationen bei Mario Valentino und Krizia - weniger Haute Couture, mehr Prêt-à-porter. Dann wechselt er als künstlerischer Direktor zu Chloé.

Nach anfänglicher Kritik feiert ihn die Presse bald als "Jahrhunderttalent" ("International Herald Tribune"). Insgesamt arbeitet er 34 Jahre für das Label. Nebenbei kreiert er sein erstes Parfüm und die Pelzkollektionen für Fendi, gründet sein erstes eigenes Unternehmen und arbeitet frei für verschiedene Modehäuser.

In Paris findet Lagerfeld auch die Liebe seines Lebens: Jacques de Bascher, ein großer Verführer und Manipulator, der ihm in Sachen Eitelkeit und Dandytum mindestens ebenbürtig ist: "Er war der eleganteste Franzose, den ich je gekannt habe."

18 Jahre sind sie ein Paar, angeblich ohne Sex. Dabei ist de Bascher bekannt für seine Promiskuität, seine von Lagerfeld finanzierten "Moratoire Noire" gelten als SM-Soireen mit bis zu 1500 Gästen. Eine Affäre de Baschers mit Yves Saint Laurent, den er einmal in einen Schrank einsperrt, führt zur lebenslangen Feindschaft zwischen den beiden Modemachern.

Vom wilden Sex und den Drogen hält Lagerfeld sich immer fern, wie er beteuert. "Ich bin sehr tugendhaft, aber ich fand Jacques' Abenteuer unterhaltsam", sagt er einmal.

Sein Geliebter infiziert sich in den Achtzigern mit HIV. Lagerfeld bleibt an seiner Seite, begleitet ihn bis zum Ende.

Chefdesigner "auf Lebenszeit"

Beruflich liefert Lagerfeld zu dieser Zeit Höchstleistung. Seit 1983 ist er der Kreativdirektor bei Chanel, das damals in einer schweren Krise steckt. Lagerfelds Variationen des klassischen Chanel-Kostüms bringen die Wende, er verziert es mit Strass und Perlen: alt, aber sexy.

Bald verantwortet er als Chefdesigner "auf Lebenszeit" alle Linien des Hauses. Er zeigt immer neue Ideen, die aber stets auf dem Stil von Coco Chanel (1883-1971) beruhen. Heute ist es die bekannteste Luxusmarke der Welt.

Stillstand gibt es nicht, den würde Lagerfeld nicht aushalten. Mindestens 16 Kollektionen entwirft er pro Jahr, oft mehr. Ein Workaholic in der Positur eines kreativen Sisyphos: "Ich bin ein Nymphomane der Mode, der nie den Orgasmus erreicht."

Auch als Fotograf reüssiert er, beginnt zunächst die eigenen Modelle abzulichten, später arbeitet er auch für Magazine und verlegt Kunstbücher. Mit Erfolg: Die Bilder von Muse Claudia Schiffer, von Prinzessin Caroline von Monaco oder von Popkünstler Jeff Koons machen Lagerfeld als Fotografen bekannt. Später arbeitet er regelmäßig mit dem Verleger Gerhard Steidl zusammen, der seine Bücher im LSD-Verlag (Lagerfeld, Steidl, Druckerei Verlag) veröffentlicht.

Seinen Ruhm mehrt der Designer zusätzlich durch den Wandel zum exzentrischen Provokateur, der sich stets neu erfindet. Zur Jahrtausendwende - sein Kollege Hedi Slimane hat gerade mit seiner ultraschlanken Silhouette bei Dior den Slim-Fit-Trend gesetzt - verordnet sich der eher schwergewichtige Modeschöpfer ein neues Äußeres. Binnen Wochen hungert er sich 40 Kilo herunter, er wolle ein "idealer Kleiderbügel sein" für die Entwürfe Slimanes.

Seitenhiebe gegen Promis

Lagerfeld ist hart zu sich und zu anderen. Er lebt nach dem Motto: "Mich interessiert nur meine eigene Meinung." Er verteilt Seitenhiebe gegen Promis ("Heidi Klum, wer ist das?") und Konkurrenten von Jil Sander bis Wolfgang Joop ("International kennt ihn doch keiner"). Das trägt ihm den Ruf des "Karl Lästerfeld" ein. Kein Sujet ist vor ihm sicher: Liebe, Leben, Kunst, Politik - zu jedem Thema verbreitet er seine Meinung.

Im Jahr vor seinem Tod sagt er der französischen Zeitschrift "Le Point", dass er Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik "hasst". Sie habe sich "als Pastorentochter ein besseres Image zulegen" wollen mit ihrer Entscheidung, "eine Million Zuwanderer" in Deutschland aufzunehmen, damit aber der AfD 2018 den Weg in den Bundestag geebnet. Nun säßen "100 dieser Neonazis im Parlament", weil Merkel die deutsche Geschichte "vergessen" habe.

Freunde braucht Lagerfeld nie viele, auf Familienbeziehungen legt er keinen Wert. Er hat sieben Patenkinder, von denen ihn angeblich nur zwei interessieren.

Nach de Baschers Tod gibt es zwar immer wieder Männer in seinem Leben, so verfallen wie ihm ist er aber niemandem mehr. Baptiste Giabiconi begleitet ihn lange als männliche Muse. Gerüchte gibt es auch über ihn und seinen Bodyguard Sébastien Jondeau. "Es ist mehr als Freundschaft", sagt Lagerfeld nur.

Video: Karl Lagerfeld im Interview (1997)

SPIEGEL TV

Vermutlich kauft Lagerfeld sich einfach Nähe, wenn ihm danach ist. "Ich mag nur hochklassige Escorts", zitiert ihn die "Gala" einmal. Die meiste Zeit ist er aber wohl allein, mal abgesehen von seinen Bediensteten. Drei davon - zwei Zofen und ein Leibkoch - sind allein für Choupette da, "die berühmteste Katze der Welt".

Lagerfelds Birma-Katze ist wohl lange Zeit das einzige Lebewesen, das zu ihm ins Bett darf. Während seiner Besuche bei Lagerfeld für dessen Biografie fällt dem Gesellschaftsreporter Paul Sahner einmal auf, dass die Betten sehr schmal sind. In einem Interview erinnert Sahner sich: "Dann habe ich ihn gefragt, wie man da zu zweit schlafen kann, und er sagte, dass er es hasst, überhaupt mit einem Menschen in einem Bett zu übernachten. Er will nicht sehen, wie der morgens aussieht, und der soll nicht sehen, wie er aussieht."

Denn er ist der Mann mit dem schlohweißen Schopf. Der geschniegelte Dandy in hautengen schwarzen Hosen (von Stouls in der Rue du Mont Thabor) und weißem Hemd mit Vatermörderkragen (abgeschaut beim französischen Philosophen Henri Bergson). Der Star, der sein Gesicht erst hinter einem Fächer, später hinter einer Sonnenbrille versteckt. Gefeiert in Magazinen, Talkshows und TV-Dokumentationen, Tausendsassa für Volkswagen, Cola-Light oder den Fernsehsender Sky, Modeschöpfer wie Fotograf. Er wird "Genie" genannt, "Karl der Große" oder schlichtweg "Kaiser".

Jetzt ist er tot, gestorben in Paris im Alter von 85 Jahren - er selbst hätte korrigiert: 83 Jahren, um sich jünger zu machen. Er war der wichtigste deutsche Modemacher, eine Ikone zu Lebzeiten, ein Repräsentant der Welt der Schönen und Reichen, immer gestylt zum Spitzenprodukt. "Ich bin ein lebendes Label", nannte Karl Lagerfeld diesen vielleicht besten seiner Entwürfe.



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bogedain 19.02.2019
1. Schade
dass es von diesem Typ Menschen immer weniger gibt. Er wird uns fehlen!
vera gehlkiel 19.02.2019
2.
Wie mag der Himmel für einen wie Lagerfeld aussehen? Ich wünsche ihm jedenfalls von Herzen, dass sie dort keine Jogginghosen tragen. Verletzliche Männlichkeit und Androgynitaet hat Lagerfeld als ein Vorreiter für eine breite Öffentlichkeit verkörpert, das wird vielleicht unterschätzt. Den mochten auch Mutti und Vati, trotzdem er so schräg war. Das weiß ich noch aus Hilfsschwesternzeiten auf der Privatstation, die morgens während der Grundpflege komplett nach Lagerfeld-Essenzen duftete. Nach Dieter "Thomas" Heck, und das meine ich ganz unironisch, ist wieder ein Stück deutscher Leitkultur der ehemaligen Bonner Konsensrepublik dahingegangen, das wohl zu seinen Zeiten ebenso kohaesiv wirksam war wie die toten Kanzler Schmidt und Kohl.
ManfBurmeister 19.02.2019
3. Sonderling
Danke für einen guten Beitrag zu diesem Sonderling - auch ein Vertreter der deutschen Geschichte.
Björn L 19.02.2019
4. Freischnauze, unterhaltsamer Egomane
Seine Interviews waren stets unterhaltsam. Ich mochte ihn als einen der wenigen in diesem Metier
totalausfall 19.02.2019
5. Toller Mann!
Vor allem seine Zitate haben immer wieder aufblitzen lassen, was für eine Bodenständigkeit und Intelligenz hinter der Figur Lagerfeld steckt! " Am Fließband stehen ist Arbeit. Was ich mache ist Freizeitgestaltung mit beruflichem Hintergrund! " Wer Jogginghosen trägt hat die Kontrolle über sein Leben verloren!" " Ich kenne keinen Stress. Nur Strass!"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.