Erste Chanel-Show ohne Lagerfeld Die Karl-Bye-Festspiele

Seide, Tweed und Tränen: In Paris zeigt Chanel die letzte Kollektion, die unter Karl Lagerfeld entstand. Die Modenschau war Abschied und Neubeginn zugleich.

IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX

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Für Chanel zog Karl Lagerfeld immer alle Register. Viermal im Jahr verwandelte er das Pariser Grand Palais für seine Modenschauen in einen fantastischen Ort. Seit 2005 ließ er dort unter anderem Chanel-Raketen und Partys steigen, künstliche Wasserfälle und Herbstlaub fallen, sogar eine 45 Meter hohe Eiffelturm-Kopie und ein Eisberg dienten ihm schon als Kulisse für seine Entwürfe.

Am Dienstag war nun die letzte Schau zu sehen, die unter Mitwirkung des am 19. Februar gestorbenen Designers geplant wurde. Die Szenerie war diesmal einem Ski-Ort nachempfunden: Chalets (mit rauchenden Kaminen, Lagerfeld war schließlich Perfektionist) umringt von Bergen, der Laufsteg bedeckt von Kunstschnee.

Bevor es jedoch richtig losging, wurde des Maître mit einer Schweigeminute gedacht. Mehr wäre ihm wahrscheinlich auch zu viel gewesen. "The beat goes on ..." stand in den Einladungskarten, darunter eine von Lagerfelds berühmten Zeichnungen: er an der Seite Coco Chanels. Als letzte Reverenz an den großen Karl trugen die meisten Besucher zumindest ein Teil von ihm. "Im Publikum ist mehr Chanel als in irgendeiner Chanel-Boutique", twitterte die Chefkritikerin der "New York Times", Vanessa Friedman.

Außerdem im Publikum: langjährige Wegbegleiter und Freunde des Hauses. Claudia Schiffer saß in der ersten Reihe, Naomi Campbell, die Schauspielerinnen Kristen Stewart und Monica Bellucci, die Sängerin Janelle Monáe (eine der meistfotografierten Besucherinnen dieser Fashion Week) und natürlich die Familie Wertheimer, Eigentümer von Chanel.

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Emotionaler Abschied in Paris: Karls Winterwunderland

Den ersten Look präsentierte Cara Delevingne, eine weitere Lagerfeld-Muse: weißer Einteiler mit tiefem Ausschnitt und Fensterkreuz-Karos, dazu ein passender Hut und ein bodenlanger Mantel mit schwarzweißem Hahnentrittmuster. Danach kommen flauschige Boucléjacken in Lippenstiftrot, Rüschenblusen, weit geschnittene Tweedhosen, weiße Bolerojäckchen, Handtaschen mit Teddyfellbesatz, grober Strick in Schwarz-Weiß - und natürlich Perlenschmuck.

So weit die Klassiker.

Es gibt aber auch hauchzarte Kleider, auf deren schneeweißer Seide kleine bunte Skifahrer ihre Schwünge ziehen und Chanel-Logos an Drahtseilen entlanggondeln, die ein großflächiges Rautemuster bilden. Die Vorderseite wird von einem Reißverschluss geschlossen wie Skipullis. Die Füße der Models stecken in dicken Wanderstiefeln aus schwarzem Leder, deren Lammfellfutter die Front ziert.

Modern wirken die gefütterten Jacken mit Kapuze, die Taschen und Krägen sind mit Frottee betupft. An Schnee und Eis erinnert auch ein Kleid mit Ballonrock - ein einziger Schneeball aus Federn. Der U-Boot-Kragen - typisch Chanel - und die Ärmel sind ebenfalls mit Daunen geschmückt. Was nicht von Flaum bedeckt ist, glänzt voll goldener Eiskristalle. Für die Streetwear-Fraktion gibt es rote Logo-Sweater und Schlauchbootjacken in Rot- und Violetttönen.

Beim Schlussdefilee konnten etliche Mannequins ihre Tränen nicht verbergen. Lagerfeld war eben mehr als ein Auftraggeber. Er war für viele ein Freund.

Wie es mit Chanel weitergeht

Lagerfelds endgültige Chanel-Kollektion, sein modischer Abschied war zugleich auch die erste, die Virginie Viard - seine ehemalige Studioleiterin und jetzt Nachfolgerin als Kreativdirektorin - allein bestreiten musste. Der Designer hatte zwar schon bei der Haute-Couture-Präsentation im Januar gefehlt, das erste Mal in 36 Jahren. Er habe es sich aber nicht nehmen lassen, das Geschehen vom Krankenbett aus zu verfolgen und Anweisungen zu geben, hieß es.

Von nun an wird Viard die acht Kollektionen pro Jahr allein entwerfen und inszenieren. "Sie ist meine rechte und meine linke Hand", sagte Lagerfeld gern über seine engste Mitarbeiterin. Das Zitat macht deutlich, welch wichtige Rolle die 57-Jährige bereits vor seinem Tod bei der Entwicklung der Chanel-Kollektionen spielte.

Viard war seit 1997 Studioleiterin von Chanel. Kennengelernt hatten sie sich bereits zehn Jahre zuvor: Sie war damals Praktikantin. "Karl ist die Begegnung meines Lebens", sagte sie einmal in einem Interview der Zeitschrift "Madame Figaro". Sie kannte Lagerfeld vermutlich besser als jeder andere, fast täglich standen die beiden in Kontakt - per SMS, Fax oder bei Besprechungen im gemeinsamen Büro in der Rue Cambon.

Video: Lagerfelds Mode

DER SPIEGEL

Viard hatte die Rolle der Übermittlerin. Sie war das Bindeglied zwischen Lagerfeld, seinen Zeichnungen, Gedanken, Wünschen und den rund 200 Mitarbeitern des Chanel-Studios. Seine zweidimensionalen Entwürfe auf Papier ließ sie von den Näherinnen und Nähern in dreidimensionale Träume aus Stoff verwandeln. Eine Form der Interpretation, wenn man so will. Von nun an ist sie diejenige, die den Ton angibt.

mit Material von dpa



insgesamt 10 Beiträge
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Zeus300 05.03.2019
1. Ihre Wortspiele
Gehen mir mittlerweile wirklich auf die Nerven. Wozu ist das nötig? Ich nehme an, das soll geistreich erscheinen? Kann man vielleicht ganz selten mal anbringen, wenn es wirklich gut ist, aber mittlerweile gibt es fast jeden Tag so einen platten Joke in einem SPON-Titel. Ist in den allermeisten Fällen echt nicht witzig. Und eigentlich schon gar nicht im Zusammenhang mit dem Tod eines Menschen, muss ich sagen, egal wie schrill und hart im Nehmen er vielleicht zu Lebzeiten gewesen ist.
House_of_Sobryansky 05.03.2019
2. Uncroyable c'est unportable
Bei allem Respekt wird nun aber auch deutlich, wie überholt das alles ist. Bis auf die Joaillerie ist das nun wirklich extrem démodé. Ebenso wie diese ganze Nutznießer, die in der Tat hinabreichen bis zur völlig unkreativen und mehr als deplatzierten Headline.
gippertm 05.03.2019
3. Wortspiele aus der Hölle
Ganz im Ernst liebe SPON-Leute ... jeden zweiten Artikel mit teils immer dämlicheren Wortspielen zu titulieren ist einfach nur grottig und läßt Euch auf BILD- oder STERNOnlineniveau sinken. Spart Euch diese Plattheiten doch einfach dafür auf, wenn es sich mal richtig anbietet. "Friedensnobelpreis ? Hanoi!" fand ich zum Beispiel klasse .... aber dieser hier ... na ja, siehe oben.
erlemann - forscher 05.03.2019
4. Kalle katapultiert Spiegel in Regenbogenpresseoberliga
Mal Hand auf's Herz. Haben die Spiegel Redakteure wirklich nichts besseres zu tun, als einen Artikel nach dem anderen zu einem Modemacher zu schreiben? Hat er Krebs besiegt, in Nordkorea die Demokratie eingeführt, veganes Wasser erfunden, Impfgegnern den Wind aus dem Segel genommen, die Rente gesichert oder irgendein anderes weltbewegendes Ding gedreht? Ein Hamburger Junge aus reichem Haushalt macht auf Mode und kommt in Paris groß raus. Anstatt es nach ein, zwei Artikeln gut sein zu lassen möchte der Spiegel in die erste Regenbogenpressenliga aufsteigen.
Newspeak 05.03.2019
5. ...
Karl-Bye-Festspiele. Ein guter Kalauer, aber wie bei jedem Kalauer vermisst man den guten Geschmack. Es ist auch ein wenig pietaetlos. Immerhin ist ein Mensch gestorben. Aber den Mangel an Stil haette Lagerfeld mit Sicherheit fuer Schlimmer befunden. Die Krise des Journalismus ist eine Krise des Stils und mangelnden Sprachempfindens.
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