Leih-Boutiquen Schick siehste aus - schon wieder!

Leih-Boutiquen schaffen einen neuen Nischenmarkt im Netz. Von Designer-Abendroben bis Alltags-Jeans kann man hier alles bekommen. Im Abo liefern die Verleiher alle paar Wochen ein neues Outfit.

Denys Karlinskyy

Von Carolin Wahnbaeck


Vor mir liegt der Karton, eine Blackbox voller unbekannter Klamotten - für mich. Genau mein Stil sollen sie angeblich sein. Ich schlitze den Karton auf, schlage die Klappen zur Seite - und darin: ein armeegrünes, unförmiges Teil, irgendwo zwischen langem Hemd und Kleid, oben weit, unten eng. Weiter: ein rosa Grobstrickpulli, eine schwarze, weich fließende Bluse und eine blau gepunktete, im Schulmädchenstil, sehr durchsichtig. Will ich das tragen? Vielleicht. Und wenn nicht, auch kein Drama - ich besitze nichts davon. Denn die Blackbox ist eine Leihkiste, nach vier Wochen tausche ich die Klamotten gegen eine neue Überraschungskollektion aus.

Die Kiste kommt von der Kleiderei, ein Onlinekleiderverleih aus Hamburg. "Stil hast Du, Kleider leihst Du", so der Slogan, mit dem Thekla Wilkening und Pola Fendel die Kleiderei betreiben. Ihr Geschäftsmodell: Kleiderverleih per monatlicher Abokiste, vier Teile für 34 Euro im Monat. Nur für Frauen. Noch ist das ein kleiner Markt - ein weiterer deutscher Anbieter, Myonbelle aus dem rheinischen Leichlingen, funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, bei Kilenda gibt es Kinderkleidung auf Leihbasis.

Leihstück: Zwischen Kleid und Hemd
Kleiderei

Leihstück: Zwischen Kleid und Hemd

Um meine Überraschungsteile zu bekommen, hatte ich der Kleiderei meine Größe mitgeteilt und einige Stilfragen beantwortet: Lieblingsjahrzehnt? Lieblingsstadt? Pattern? Nach drei unterhaltsamen Minuten hatte ich den Fragebogen durch und die Kleiderei ein Stilprofil von mir. Tragen darf ich die darauf abgestimmten Teile einen Monat lang, dann schicke ich sie per Retourschein zurück und bekomme postwendend vier neue zugeschickt.

Weg vom Kleider-Besitz, weg vom reinen Konsum

"Musik kann man streamen, Autos mieten, Bohrmaschinen ausleihen. Nur Kleidung nicht! Die muss man immer kaufen. Das hat mich echt aufgeregt", sagt Wilkening, 28. Bei einem Glas Wein vor fast vier Jahren kam sie mit ihrer Freundin Pola auf die Idee, Kleidung zu verleihen.

Danach ging alles ziemlich schnell: Sie fanden einen ungenutzten Raum in Hamburg-St. Pauli, stellten vier Kleiderständer hinein und verliehen ihre eigene Kleidung und die von Freundinnen. Der Raum stand anfangs voller Bücher, so entstand der Name: Kleiderei statt Bücherei.

Mittlerweile ist der Kleiderbestand von 400 auf knapp 3000 Teile angestiegen. Von der schlichten schwarzen H&M-Bluse über einen silber glänzenden Lederblouson von Pepe Jeans bis hin zum spitzenbesetzten Abendkleid kann man alles leihen. Dazu kommen einzelne Designerstücke von jungen, aufstrebenden Modeschöpfern wie Irina Rohpeter oder etablierten Eco-Fashion-Labels wie Lanius. Damit es passt, muss man ein bisschen Glück haben, denn die Teile gibt es jeweils nur einziges Mal, in einer bestimmten Größe und Farbe.

Die Kundinnen müssen ein Abo über mindestens drei Monate abschließen, Kostenpunkt: immerhin hundert Euro. Wie viele Abonnentinnen die Kleiderei hat, geben Pola und Thekla nicht preis. "Aber wir können davon leben. Und wir wachsen", sagt Thekla. Mit dem Abomodel wollen sie einen Wandel erreichen, nachhaltig wirken, weg vom Kleiderbesitz, weg vom Konsum.

Der breiter werdende Kundenstamm scheint ihnen recht zu geben: Auch Teenager und Großmütter leihen sich hier Kleidung. Für mehr Wachstum fehlt es nicht an Kunden, sondern an Klamotten. Achtzig Prozent der Teile sind immer ausgeliehen. "Wir brauchten viel mehr Auswahl", sagt Pola. Kleiderspenden sind also jederzeit willkommen - auch die vergessene Klamottenkiste aus dem Keller.

Was nicht ins Sortiment passt, geht an Flüchtlinge oder Altkleidersammler. Dorthin wandern auch Kleidungsstücke, die nicht mehr gut genug für den Verleih sind - es sei denn, ein Teil ist zum absoluten Lieblingsstück einer Leihkundin geworden. Dann darf es ausnahmsweise in ihren Besitz übergehen.

Aus welcher Kellerkiste wohl mein armeegrünes Hemdkleid stammt? Anprobieren will ich es zumindest. Bockig rutscht der Stoff an mir runter, oben viel zu weit für meinen Geschmack, am Po beult es, naja, sagen wir unvorteilhaft aus, unten ist das Bündchen so eng, dass ich kaum normal gehen kann. Aber die anderen Teile finde ich interessant, die schwarze Bluse ist nicht ganz mein Stil, aber könnte ja mein Stil werden. Und wenns nicht passt, auch gut. In vier Wochen schick ich die Teile zurück.

Berlin Fashion Week



insgesamt 3 Beiträge
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cagutmann 05.04.2016
1. Besitz und Eigentum
Hi, nur so am Rande. Das was Ihr in dem Artikel Besitz nennt, ist in Wahrheit Eigentum. In dem Moment, wo Du etwas aus dem Karton nimmst, genaugenommen schon dann, wenn Du den Karton vor Deiner Wohnungstür aufhebst, ist der Karton und der Inhalt in Deinem Besitz. Umschrieben: In Deiner Verfügungsmacht. Eigentum bedeutet, etwas gekauft zu haben oder geschenkt bekommen zu haben und wer Eigentümer ist, kann verleihen. Ein Besitzer kann verleihen, darf es aber nicht ohne Genehmigung des Eigentümers.
kommanditente 05.04.2016
2. Monatsgarderobe
In Fritz Langs "M" sieht man in einer Szene einen Laden mit der Aufschrift "Monatsgarderobe" - ich schätze mal, dass das die "analoge" Version aus den 1930ern war.
0forearth 05.04.2016
3. Funktioniert so nicht
Grundsätzlich eine gute Idee, aber dann muss man schon perfekt sitzende Teile versenden, die jeder Frau stehen. Wenn ich daran denke, wie Bekannte regelmäßig ein Dutzend Stücke online bestellen und maximal 1-2 davon behalten, bezweifle ich doch sehr, dass diese Idee funktionieren wird. 34 € für 4 Stücke? So wird es laufen: Eines passt nicht, weil die Größen bei unterschiedlichen Marken nicht gleich sind. Das zweite ist ein Stück wie der grüne Sack in dem Artikel. Das dritte gefällt nicht, und das vierte ähnelt vielleicht einem Stück, das die Kundin bereits hat. Wenn sie also Glück hat, wird sie 1-2 Stück in diesem Monat tragen, für die sie 34 € bezahlt hat und die sie bald wieder abgeben muss. Im schlimmsten Fall hat sie 34 € für nichts bezahlt. Kein gutes Geschäft meiner Meinung nach. Vielleicht würde es funktionieren, wenn man die nicht passenden Stücke gleich zurücksenden könnte und dafür kostenlos Ersatz bekäme.
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