Stil-Klassiker Krawattenknoten Rezepte gegen Bindungsangst

Muss man Krawatten auf hundert verschiedene Arten binden können? Nein, sagt Patrick Novotny - und zelebriert die Vielfalt dennoch auf YouTube. Hier zeigt er, welcher Knoten zu welchem Anlass passt.

Patrick Novotny

Ein Interview von und


In der Reihe "Stil-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Stil-Archiv. Dieser Artikel erschien zuerst im März 2015.

Er wollte nur üben, vor der Kamera zu stehen. Patrick Novotny sollte für Freunde eine Show über seinen Wohnort Victoria moderieren. Und er wollte sich nicht blamieren. Also entschied er, ein Video auf YouTube hochzuladen - Feedback gibt es dort schließlich reichlich. Aber worum sollte es in dem Kurzfilm gehen? Krawattenknoten seien doch ein gutes Thema, schlug ein Bekannter vor. Am 28. Januar 2013 ging das erste Video online.

Seither hat sich Novotnys YouTube-Kanal zu einem Muss für Krawattenliebhaber entwickelt. Er gibt Tipps, macht Produkttests und zeigt vor allem Schritt für Schritt, wie sich Einstecktücher falten und korrekte Krawattenknoten binden lassen.

Zur Person
  • Patrick Novotny
    Patrick Novotny, 38, lebt in Victoria an der kanadischen Westküste. Er arbeitet als Immobilienmakler, doch in seiner Freizeit widmet er sich dem Thema Krawattenknoten: Auf YouTube gibt er Tipps, Krawatten auf kreative Weise zu binden; mehr als hundert Knoten sind im Repertoire.

SPIEGEL ONLINE: Herr Novotny, Krawatte oder nicht - was macht das schon für einen Unterschied?

Novotny: Es ist okay, ohne Krawatte den obersten Hemdknopf zu öffnen. Aber wer ernst genommen werden will, muss eine Krawatte tragen. Wer das nicht tut, ist ein bisschen entkleidet. Man sollte anderen den Respekt entgegenbringen, komplett angezogen zu sein - und sich selbst auch.

SPIEGEL ONLINE: Und warum sollte man unterschiedliche Knoten kennen? Reicht nicht einer?

Novotny: Ja, einer reicht. Mein Vater hat mir beigebracht, einen halben Windsor zu binden, das hat mich durch Schule und einige Vorstellungsgespräche gebracht. Beim Militär habe ich einen ganzen Windsor gelernt. Und ganz ehrlich, mehr braucht niemand.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sollte man sich dann die Mühe machen, bei Ihnen verschiedene Knoten zu lernen?

Novotny: Sie sind einfach eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Und sie sind super, um ins Gespräch zu kommen, Aufmerksamkeit zu kriegen, ohne sich zu blamieren. Leute gehen auf mich zu, anstatt dass ich sie ansprechen muss. Und sie fragen: Wie hast du den Knoten gebunden? Das bricht einfach das Eis.

SPIEGEL ONLINE: Das klappt?

Novotny: Allerdings. Ich bekomme ständig Komplimente für meine Outfits, werde oft so vorgestellt: Das ist Patrick, er arbeitet als Makler, aber du musst dir seinen YouTube-Kanal ansehen, er ist der Tie Guy.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben schon mehr als hundert Möglichkeiten präsentiert, eine Krawatte zu binden. Wie viele bleiben noch?

Novotny: Es gibt die Schätzung eines Mathematikers, dass theoretisch noch 177.000 Knoten übrig sind. Ich könnte die nächsten 50 Jahre Erklärvideos machen und wäre immer noch nicht fertig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie viele Knoten selbst erfunden?

Novotny: Nein, vielleicht fünf oder sechs. Meine YouTube-Abonnenten schicken mir Ideen. Von vielen habe ich noch keine Videos gemacht. Und es gibt andere Leute, die online Krawattenknoten präsentieren. Das ist keine Konkurrenz, sondern eine Community.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Knoten ist Ihr Favorit?

Novotny: Der Trinity-Knoten ist ein Klassiker und ziemlich verbreitet. Einfach, aber doch ungewöhnlich genug.

SPIEGEL ONLINE: Bitte helfen Sie uns: Wir nennen einen Anlass, Sie den passenden Knoten.

Novotny: Einverstanden.

SPIEGEL ONLINE: Hochzeit.

Novotny: Was Ihnen gefällt, da hat man viele Freiheiten. Ich habe sogar schon Hochzeitsgesellschaften mit Eldredge-Knoten gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Beerdigung.

Novotny: Windsor-Knoten. Bei so einem Anlass sollte man nicht auffallen.

SPIEGEL ONLINE: Geburtstag.

Novotny: Was man will. Je abgefahrener, desto besser. Überraschen Sie die Partygäste. Ich empfehle einen Finfrock-, Eldredge- oder doppelten Eldredge-Knoten.

SPIEGEL ONLINE: Büromeeting.

Novotny: Besonders wenn man mit neuen Geschäftspartnern zu tun hat, sollte man einen einfachen Knoten wählen, damit es nicht so aussieht, als habe man einen Fehler gemacht. Zu empfehlen ist etwa der Trinity-Knoten: Er sieht ungewöhnlich aus, aber es ist trotzdem klar, dass er so gewollt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wann verzichten Sie auf eine Krawatte?

Novotny: Zu Hause oder im Urlaub.

SPIEGEL ONLINE: Und im Beruf?

Novotny: Der Trend ist so weit in Richtung lockerer Dresscode gegangen, dass ich auf einen Krawattenaufschwung setze. Ursprünglich war der Casual Friday ja eine Wohltätigkeitssache - wenn ich spende, darf ich Jeans tragen. Aber das hat auf die anderen Wochentage abgefärbt, und jetzt macht sich niemand mehr schick. Als Makler bin ich früher auch in diese Falle getappt.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt?

Novotny: Hier an der kanadischen Westküste geht es entspannter zu, man kommt gut damit durch, Jeans und Hemd zu tragen. Irgendwann wurde mir das zu viel. Ich habe wieder angefangen, Krawatten anzuziehen, weil ich mich damit gut fühle. Momentan habe ich etwa fünf Dutzend Stück - plus Fliegen und Plastrons.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich an Ihre erste Krawatte erinnern?

Novotny: Es war eine meines Vaters, die ich zum Schulball trug. Sie war blau und hatte ein weiches florales Muster, aber keine richtigen Blumen. Heute fände ich sie hässlich.

SPIEGEL ONLINE: Und was finden Sie heute hübsch?

Novotny: Die Italiener machen die schönsten Krawatten. Aber manche der Modelle sind für Normalverdiener kaum zu bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss man denn investieren?

Novotny: So 110 Euro sollten es für ein hochwertiges Exemplar schon sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst damit sieht man ja noch nicht zwangsläufig schick aus. Was sind die drei Krawatten-Todsünden?

Novotny: Erstens: Stecken Sie sie niemals in Ihr Hemd. Verwenden Sie eine Krawattennadel oder ein Befestigungsband. Zweitens: Tragen Sie eine Krawatte niemals locker. Das ist nicht casual, das ist schlampig. Bevor Sie den Knoten weiten, nehmen Sie die Krawatte lieber ab. Und machen Sie das nicht vor anderen Leuten. Drittens: Sorgen Sie dafür, dass die Krawatte die richtige Länge hat. Die Spitze sollte genau auf Höhe der Gürtelschnalle enden. Zwei Zentimeter hoch oder runter sind okay. Aber Bauchnabelhöhe ist auf jeden Fall zu kurz, Höhe des Hosenstalls auf jeden Fall zu lang. Dort sollte einfach gar nichts baumeln.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
jensrenner 31.03.2015
1. Wunderbare Sache
Man(n) sollte wirklich häufiger Krawatte tragen. Und Hut.
felisconcolor 31.03.2015
2. Ein Kollege
sagte mal zu mir wenn du was rüberbringen und seriös wirken willst zieh dir ein Jacket an und bind dir nen Schlips um. Das geht sogar zu Jeans. Und er hatte recht. Der hemdsärmelige Typ ist nur am Grill gefragt. Nur im Büro tue ich mir das nicht an. Da mag ich es doch lieber etwas lockerer.
ohne_mich 31.03.2015
3. Meinetwegen abschaffen.
Eine der überflüssigsten Innovationen der Menschheit. Nutzlos, einengend und darüber hinaus sexistisch. Unfaßbar, wie die Menschheit auf diesen Lappen besteht, um "Seriösität" zu demonstrieren.
Petersbächel 31.03.2015
4.
Hut hatte ich mal - bis ich realisierte, daß ich eigentlich keine Gelegenheit habe, den zu tragen - vom Büro bis ins Auto bzw. vom Auto bis Kino/Italiener usw macht ja dann doch keinen Sinn. Krawatte finde ich eines der ungelösten Rätsel der Menschheit. Was für nen Sinn hat dieses Kleidungsstück? Klar, man kann sich mit schmücken, man kann schöne Knoten machen - aber ist es dann nicht Schmuck? Wie Uhr, Armband, Knochen in der Nase? Ich kapiere das einfach nicht. Zu nem respektvollen miteinender Begegnen bzw. vollständig gekleidet sein gehört das für mich auf jeden Fall nicht.
Danares 31.03.2015
5. Respekt
Schade, dass dieser Herr offenbar andere Mitmenschen nicht respektieren kann, wenn diese seine Vorstellung von Vollständigkeit beim Dresscode nicht teilen. Ich demonstriere im Büro meine Kompetenz lieber durch Lösung von Sachfragen anstatt über die Kleidung (die ist lediglich sauber, schlicht und unauffällig), und bin bislang stets gut damit gefahren. Krawatten tragen bei uns nur diejenigen, die fachlich nicht gerade die Überflieger sind und ihre Wichtigkeit dann eben damit zum Ausdruck bringen müssen, daß man sie für (angehende) Manager hält. Unsere wirklichen Macher haben das hingegen gar nicht nötig.
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