Kulturgeschichte der Kopfbedeckung Allzeit gut behütet

Ausdruck des Glaubens, politisches Statement, Statussymbol oder Stigma - ein Blick auf die Hutmode vom 19. Jahrhundert bis heute beweist: Hüte sind selten nur Accessoires. Und selbst ein Fahrradhelm ist weit mehr als nur ein Kopfschutz.

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Wenn man etwas auf den ersten Blick sieht, dann ist es die Kopfbedeckung. Deshalb erheitert es die Facebook-Literatin Stefanie Sargnagel, dass ihre Feinde beim Anblick einer roten Baskenmütze unweigerlich an sie denken müssen. Das rote Barett sitzt seit 13 Jahren auf ihrem Kopf mit den schönen, runden und festen Ohren, über die sie in ihrem Videoporträt zum diesjährigen Bachmannpreis sprach. Da saß sie auf der Bühne und lauschte den Kritikern, von denen einige ihren Text mindestens so flach wie ihr Barett fanden, das im Gegensatz zu ihren Worten auf Papier allerdings ein Klassiker ist. Und ihr Markenzeichen.

Kleider machen Leute, Hüte vielleicht noch mehr. Das ist der Ansatz der Ausstellung "Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes" des Wien Museums, die ein fast 200-seitiger Katalog begleitet. Erzählt werden soll gleichzeitig die Sozialgeschichte Wiens von 1848 bis heute anhand von Kopfbedeckungen. Denn wie es im Vorwort heißt, stehen sie "immer sowohl für Stand und Uniformität als auch für Individualität - also gleichsam für gesellschaftliche wie persönliche Identität".

Eine der vielen roten Pullmankappen von Sargnagel wird auch gezeigt, daneben ein kurzer Text von ihr, die in Wien lebt, trinkt und schreibt. Mit etwas Stolz hat sie aufgeschrieben, was die Menschen dort mittlerweile wissen: Die rote Baskenmütze ist ungeachtet aller Trends und Moden, Klischees und Assoziationen ihre. Sie ist ihr Mittel der Selbstinszenierung.

Hüte als politisches Statement

1848, im Jahr der bürgerlich-demokratisch motivierten Revolutionen, war das ganz anders - und ist es heute noch zum Teil. Einen Hut für jede Seite, für jede politische Haltung: Die Revolutionäre trugen auf den Barrikaden kämpfend den weichen, breitkrempigen, federgeschmückten Kalabreser, die Reaktionäre den steifen Zylinder. Die Revolution scheiterte, und der Zylinder wurde noch steifer und noch höher.

Ideologien und politische Haltungen lassen sich auch heute noch auf dem Kopf zur Schau stellen und hinaus in die Welt tragen. Nichts ist heute leichter als das. Eine rote Baseballkappe mit ein paar aufgedruckten Worten reicht dafür. Ab in einen Webshop damit, und ein paar zu viele Menschen fühlen sich wieder richtig großartig.

Hipster brauchen dazu längst den Fahrradhelm. Der einst unbeliebte Helm ziert inzwischen die Köpfe junger bärtiger Männer in Kopenhagen, Barcelona oder Zürich. Die Autorin Verena Mayer nennt es die "Hipsterisierung des Fahrradhelms". Heute sehen sie aus wie eine Mischung aus Motorradhelm und Reitkappe, irgendwie schick, irgendwie tragbar, zumindest auf dem Fahrradweg im Sattel eines Fixies.

Der Katalog verlässt über viele Geschichten der Autoren die österreichische Hauptstadt, verliert dabei aber Wien nie aus dem Blick. Beispiel Kopftuchdebatte: Esra Erdogan berichtet in ihrem Beitrag, wie sie sich mit zehn Jahren für ein Kopftuch entschieden hat, es dem väterlichen Protest zum Trotz weiter umband. Der Hidschab wird zu einem Statement gemacht, auch wenn es keines sein soll, schreibt Dudu Kücükgöl, Vorstandsmitglied der Muslimischen Jugend Österreich. Für sie bedeutet es nur eins: Freiheit.

Bei der historischen Aufarbeitung in den fünf Kapiteln über Hüte und Politik, Emanzipation, Religion, Identität und Wiener Mode schont man aus der Spur gekommene Bekanntheiten der Wiener Hutmacherszene nicht. Hut-Haute-Couture aus Wien, das ist Adele List, schreibt Barbara Staudinger, die Mitherausgeberin des Katalogs. Adele List war aber auch eine Profiteurin des NS-Regimes, denn sie verkaufte ihre Kollektionen an führende Modehäuser des Reichs, was ihrer Karriere erst den nötigen Auftrieb verlieh. In Nachrufen auf die 1983 verstorbene List wurde all das meist verschwiegen.

Das ist übrigens die Stärke des Katalogs: historische Präzision neben persönlichen Geschichten, fiktiven Spielereien und Anekdoten, wie der von Elfriede Jelinek, die auch über Pullmankapperl schreibt. Das traut sie sich nämlich noch zu tragen, aber nur in Schwarz. Und Jelinek weiter: "in Rot sind sie jetzt auch wieder bei der Jugend modern, also bei einem Stück weiblicher Jugend, Sie kennen es sicher. Mich kennen sie nicht, ich trage ein schwarzes."


Ausstellung "Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes." Wien Museum; 9. Juni bis 30. Oktober 2016; T: +43 (0)1 505 87 47.
Katalog zur Ausstellung; Brandstätter Verlag; 176 Seiten; 24 Euro.

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insgesamt 3 Beiträge
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troy_mcclure 11.08.2016
1. Hm
Und das Bild zum Artikel zeigt einen tapischen Hipster mit Fahrradhelm, gab es keine besseren bzw. passenderen Bilder?
troy_mcclure 11.08.2016
2. Haha
Und Udo Lindenberg versteckt damit ne Narbe, ist klar... Genau so wie beim Sänger der Scorpioms dient der Hut wohl eher dazu, die Glatze zu verdecken...
murksdoc 11.08.2016
3. Mainzelmännchen unterwegs
Es gibt keine bessere Methode, sich vor allen Menschen lächerlich zu machen, als mit so einem scheusslichen Fahrradhelm auf dem Kopf. Motorradfahrer, Soldaten, Bergsteiger, sogar Kanuten haben 1000 verschiedene Helme. Nur die Radfahrer scheinen designtechnisch in der Steinzeit leben zu wollen. Das spricht nicht gerade für Dynamik im Denken.
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