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Frauen mit Kurzhaarfrisur: Je kürzer, desto lesbisch?

Promi-Frauen: Rebels without a Zopf Fotos
AP

Kampflesbe, frisch getrennt und so oder so unweiblich - die Gesellschaft hat sehr genaue Vorstellungen über Frauen mit kurzem Haar. Christina Rietz findet das ärgerlich. Sie verzichtet auf eine Mähne, seit sie 13 ist.

Langhaarige Frauen müssen sich für ihre Frisurwahl nie rechtfertigen, sie entsprechen automatisch dem Archetyp einer Frau. Wir Kurzhaarigen nicht. Immer noch nicht! Man unterstellt uns immer eine Agenda. Bestimmt wollen wir unkonventionell sein. Knabenhaft, fast rebellisch - rebels without a Zopf.

Jede kurzhaarige Frau hat ja nach der Fön- und Stylingprozedur im Friseursalon von ihrem Haarschneider schon das Urteil gehört, nach dem gar nicht gefragt wurde: "Sieht aber frech aus!" Wenn wir uns frech geben wollten, hätten wir andere Ausdrucksmöglichkeiten als Gel und Haarspray. Und könnte man nicht auch mit Mittelscheitel eine Göre sein? Der Satz klingt nach Kompliment, ist sicher nett gemeint, unterstellt aber eine Geisteshaltung und Charakterzüge.

Als ich mir die Haare abschnitt, war ich 13 und hatte keine Agenda. Alle Frauen in meiner Familie trugen kurzes, gefärbtes Haar und Brille. Ich wollte zu den Erwachsenen dazugehören. Ich habe meine Mutter und meine Tanten noch nie mit langen Haaren gesehen. Sie ihre Mutter übrigens auch nicht.

Die Tradition ist aus rein ästhetischen Gründen zustande gekommen, nicht aus politischen: Weil das weiße Haar sich bei uns schon mit Anfang 20 durchsetzt, muss färbend eingegriffen werden. Wenn man kurzes Haar trägt, kann man den weißen Ansatz durch Zupfen, Föhnen und Toupieren besser verstecken.

Tiefpunkt: Wasserstoffblonde Stacheln

Während es bei vielen Mädchen beim einmaligen pubertären Ausprobieren des Kurzhaars bleibt, wurde meines in den ersten Jahren stetig knapper - und das Styling immer elaborierter. Der Zickzackscheitel verlangte einen sicheren Umgang mit Stielkamm und Schaumfestiger; der angeschrägte Nacken ein Jahr danach musste mit der Rundbürste hochtoupiert werden, bevor eine halbe Flasche Haarlack (Haltestufe 5) zum Einsatz kam. Den handwerklichen Höhepunkt - gleichzeitig ein ästhetischer Tiefpunkt - erreichte ich im Jahr 2000: Die wasserstoffblonden Stacheln mussten jeden Morgen mit so viel Chemie hochzementiert werden, dass man das Zeug abends über der Toilette herausrieseln lassen musste.

Mein kurzes Haar hat mir schon viele Anmachsprüche eingebracht. Weniger von Männern allerdings. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber Haarlänge und sexuelle Orientierung korrelieren für viele immer noch. Je kürzer, desto homo. Frauen mit kurzen Haaren müssen entweder lesbisch oder alt sein. Oder in einer Art Lebensumbruchphase.

Seinen Kopf schor man im Abendland immer gern zu Bußzwecken. In der Filmwelt hat sich das heute noch erhalten: Beziehung geht kaputt? Protagonistin macht eine innere Wandlung durch? Zu Beginn des Warmstarts ihrer weiblichen Existenz fallen stets die Haare. Oft schnippeln die Frauen selbst, und die Kamera ergötzt sich dran. Das Scheren soll sicher etwas Kathartisches haben.

Mit langen Haaren prasselt es Komplimente

Vor ein paar Jahren war mein Haar zur Abwechslung mal so lang, dass ich einen kleinen Zopf zustande brachte. Es war eine Offenbarung: Türen wurden mir auf einmal aufgehalten, es prasselte Komplimente. Man fragt sich da schon: Hängt gentleman-artiges Verhalten an der Haarlänge?

Die misogyn-mittelalterliche Website "Return of Kings" hat im letzten Jahr ein Pamphlet gegen Frauen mit kurzen Haaren veröffentlicht, das sich gar in die tollkühne Feststellung verstieg: "Kurzes Haar ist nicht nur unattraktiv, es ist eines der größten Signale für einen Mann, dass die Frau so kaputt ist, dass keine Hoffnung auf Heilung mehr besteht." Der Text wurde rund 54.000-mal geteilt.

Lange Haare sind ein Zeichen von Weiblichkeit, okay - aber der umgekehrte Schluss gilt längst nicht mehr. Der französische Friseur Monsieur Antoine, der vermutlich 1909 in Paris den klassischen Bob erfand, behauptete, sich mit dem Damenschnitt auf ein historisches Vorbild zu beziehen: Jeanne d'Arc. Eine Heerführerin, die ihr Haar kurz tragen musste, um unter den männlichen Haudegen im Hundertjährigen Krieg nicht aufzufallen. Damals notwendige Camouflage. 500 Jahre später ist aus ihr ein lästiges Stereotyp geworden. Frau mit kurzem Haar will aussehen, wirken und sich durchsetzen wie ein Mann.

Reizende Kurzhaardamen

Dabei haben diverse Ikonen der Popkultur im 20. Jahrhundert reizende Kurzhaardamen abgegeben, denen wirklich alles Männliche abging: Coco Chanel, Audrey Hepburn, zuletzt sogar Anne Hathaway, Jennifer Lawrence und Miley Cyrus, der ihr Undercut hervorragend steht.

Die Autorin Erin Tatum erklärt das Phänomen, dass Betrachter Kurzhaarigen noch immer etwas Männliches zuschreiben, in einem Essay auf der Website "Everyday Feminism", so: "Dieser falsche Glaube rührt von der heteronormativen und binären Idee her, dass Männlichkeit Weiblichkeit ergänzt und umgekehrt." Heißt: Ein Mann soll so aussehen, wie eine Frau nicht aussieht, und umgekehrt. Etwas dazwischen gibt es nicht. Sonst werden falsche Schlüsse gezogen. Oder überhaupt Schlüsse gezogen. Dementsprechend wird man als junge Frau mit kurzen Haaren schon mal für einen jungen Mann gehalten. Auch wenn man eine gefestigte Identität hat, ist das unangenehm.

Ich unterstelle, dass die meisten Frauen kurzes Haar tragen, weil sie das schön finden. Was für Feministinnen unangenehm sein mag, weil sie sich sicher wünschen, dass mit kurzem Haar eine bestimmte Politik verknüpft, ja verflochten sein möge: Emanzipation von männlichen Erwartungen durch Friseurbesuch. Als ob es so einfach wäre. Wenn kurze Haare überhaupt für irgendetwas stehen, dann für die Entscheidung eines Individuums, sein Äußeres nach dem eigenen Willen zu gestalten.

So oder so sind die Unterstellungen, die an Kurzhaarige gerichtet werden, unterkomplex - egal, von welcher Seite sie kommen.

Es geht um Gleichberechtigung: Kurzes Haar ist genauso weiblich wie langes Haar. Sonst nichts.

Zur Autorin
  • Privat
    Christina Rietz, 29, ist freie Journalistin in Hamburg. Sie kann sich nie entscheiden: Haare undercutmäßig nach hinten kämmen oder Haare römisch nach vorn zupfen?

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