Fast Fashion "Unser Kleiderkonsum ist Wahnsinn"

Die Bremerin Imke Müller-Hellmann wollte wissen: Wer hat ihre Kleidungsstücke produziert? Wo und wie? Also hat sie sich in den Flieger gesetzt. Ein Interview über unseren Modekonsum und seine Folgen für Mensch und Umwelt.

DPA

Von Jörg Oberwittler


Es gibt vietnamesische Fabriken, die jeden Tag 11.000 Jeans produzieren. Es gibt Näherinnen, die zwölf Stunden pro Tag und teilweise sieben Tage pro Woche Kleidungsstücke nähen. Und es gibt Millionen Textilarbeiterinnen, die pro Kleidungsstück statt pro Stunde bezahlt werden - und dafür auf Pausen verzichten und Rückenschmerzen sowie ewige Monotonie mit immer gleichen Arbeitsschritten hinnehmen. Nur drei Erkenntnisse von vielen aus der Lektüre des Buches "Leute machen Kleider - Eine Reise durch die globale Textilindustrie".

Die Autorin Imke Müller-Hellmann ist bis nach Bangladesch, Vietnam und China gereist, um die Näherinnen ihrer Kleidungsstücke aufzuspüren.

Zur Person
  • Imke Müller-Hellmann (42), lebt in Bremen. Ihre Kurzgeschichten wurden mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. 2014 erschien ihr Buch "Verschwunden in Deutschland ¿ Lebensgeschichten von KZ-Opfern". Für ihre Recherchen in Fernost zu "Leute machen Kleider" erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin. Parallel zu ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitet sie als Jobcoach für Menschen mit Behinderung.
    www.imkemuellerhellmann.de

SPIEGEL ONLINE: Frau Müller-Hellmann, was sind die schlimmsten Zustände, die Ihnen in der Textilproduktion begegnet sind?

Müller-Hellmann: Am meisten hat mich der verseuchte Fluss Buriganga in Bangladesch geschockt. Es gibt 3000 bis 4000 Textilfabriken in und um die Stadt Dhaka und viele von ihnen leiten ihre Abwässer in diesen Fluss. Das Wasser ist tiefschwarz und voller Plastik. Der Müll türmt sich meterhoch an den Ufern und auf den Müllbergen wohnen Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie arbeiten die Menschen in den Textilfabriken dort?

Müller-Hellmann: Es ist eine sehr verdichtete, monotone Arbeit. Oft führen die Näherinnen nur einen einzigen Arbeitsschritt aus. Sie arbeiten zehn bis zwölf Stunden am Tag und haben nur einen Tag in der Woche frei, wenn überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das mit den Menschen in den Fabriken?

Müller-Hellmann: Mich hat traurig gemacht, dass die Arbeiterinnen in China sogar noch stolz darauf waren, 300 Boxershorts pro Stunde zu schaffen - und dass sie keine Pausen machen, obwohl sie alle zwei Stunden zehn Minuten machen dürften. Sie wären ja schön blöd, erzählten sie, weil sie pro Stück und nicht pro Stunde bezahlt werden. Die traurige Wahrheit ist: Diejenigen, die für unseren wahnsinnigen Kleiderkonsum schuften, haben die Verhältnisse verinnerlicht und akzeptiert.

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Textilproduktion in Asien: Zehn bis zwölf Stunden arbeiten und nur einen Tag frei

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich auf die Spur Ihrer Lieblingsmarken begeben, die Marken aber nicht genannt. Warum nicht?

Müller-Hellmann: Das ist ein kniffliges Thema...

SPIEGEL ONLINE: ...weil der Anwalt ihres Verlags davon abgeraten hat?

Müller-Hellmann: Wir haben in der Tat darum gerungen, welche Namen wir rausnehmen und welche drinbleiben. Jetzt ist es ein Kompromiss: Die Namen der Kleidungsstücke und der Menschen sind drin, in zwei Kapiteln sind die Markennamen geblieben, aber die anderen Markennamen sind raus.

SPIEGEL ONLINE: Mit der versprochenen Transparenz in der Textilindustrie ist es also doch noch nicht so weit?

Müller-Hellmann: Die Anfragen an die Marken waren oft anstrengend. Da am Ball zu bleiben, hat viel Kraft gekostet. Es gibt eine große Angst vor dem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Welche Marken dürfen Sie denn nennen, die unter fragwürdigen Bedingungen produzieren?

Müller-Hellmann: Fragwürdig war einiges. Ich könnte viel erzählen. Zum Beispiel, dass der Generaldirektor von Nassa Group, die in Dhaka für Carrefour, Zara, H&M und viele andere produzieren, mich bei einem Spontanbesuch begrapscht hat. Da frage ich mich: Wie ergeht es den Frauen in der Fabrik?

Oder dass ein Produzent für Jack Wolfskin in Vietnam gegen die Vorgaben der Fair Wear Foundation kämpft, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt. Er führt den Streit offen, das ist korrekt. Aber was sagt die Marke Jack Wolfskin dazu? Fragen tauchen auch da auf, wo ich nicht reingelassen wurde. Der gelobte Berliner Hersteller von Öko-T-Shirts, Continental Clothing, lässt meine Anfrage genauso knallhart abblitzen wie Benetton. Warum?

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Imke Müller-Hellmann:
Leute machen Kleider

Eine Reise durch die globale Textilindustrie

Osburg Verlag; 250 Seiten; 20 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sichergestellt, dass Sie vor Ort nicht nur gefällige Antworten von Arbeiterinnen bekommen?

Müller-Hellmann: Das konnte ich nicht sicherstellen. Meine Gesprächspartnerinnen wurden oft vom Management ausgewählt. Deshalb habe ich Interviews mit Gewerkschaftsmitgliedern ergänzt und mich ebenfalls um Kontakte zu NGOs und ehemaligen Mitarbeiterinnen bemüht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man nun Kleidung anders kaufen? Manche Menschen boykottieren mittlerweile grundsätzlich Kleidungsstücke aus Bangladesch.

Müller-Hellmann: Der Boykott von T-Shirts aus Bangladesch ist nicht die Lösung. 80 Prozent der ausgeführten Güter aus Bangladesch sind Textilien. Mit einem Boykott nimmt man den Menschen dort ihre Lebensgrundlage. Stattdessen müssen wir die Labels großmachen, die sich dahinterklemmen, die Arbeitsbedingungen vor Ort zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Also achten Sie jetzt bei Ihrem Einkauf auf zertifizierte Labels?

Müller-Hellmann: Ja, unbedingt. Doch wir werden allein über den Weg eines "richtigen" Konsums den Wahnsinn nicht umstürzen können. Es gibt auch hierzulande immer noch viele Menschen, die wenig Geld für Mode zur Verfügung haben. Und es gibt weiterhin die Lust, mal zu bummeln und Spontankäufe zu machen. Das ist auch ok.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste noch passieren?

Müller-Hellmann: Auch die Politik muss hierzulande mehr Druck ausüben. Ist es richtig, dass wir Qualitäts- und Produktionsstandards ausschließlich den Mechanismen eines freien Marktes überlassen? Solche Produktionsbedingungen sind in unserem Wirtschaftssystem erlaubt und da wünsche ich mir auch die Auseinandersetzung mit radikaleren Antworten. Wenn weiterhin die Maxime "Profit vor Mensch, Profit vor Umwelt" gilt, wird mir um unseren Planeten angst und bange.



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Seite 1
Spiegelleserin57 21.12.2017
1. auch in andren Branchen genauso!
m meisten hat mich der verseuchte Fluss Buriganga in Bangladesch geschockt. Es gibt 3000 bis 4000 Textilfabriken in und um die Stadt Dhaka und viele von ihnen leiten ihre Abwässer in diesen Fluss. Das Wasser ist tiefschwarz und voller Plastik. Der Müll türmt sich meterhoch an den Ufern und auf den Müllbergen wohnen Menschen. So etwas sieht man aber auch in den Flüssen die an den Pharmafabriken vorbei laufen. Der Umweltschutz ist in diesen Ländern immer noch nicht angekommen. Das hat wenig mit den Kunden hier zu tun sondern wohl eher mit den Maßnahmen die die Regierung dort ergreifen muss und die hat wohl kaum Verständnis dafür.
stefan.mahrdt 21.12.2017
2. Wahnsinn ist eine Krankheit
.
Newspeak 21.12.2017
3. ...
Was soll man dazu sagen? Ich kaufe meine Kleidung auch billig, aber auch nicht staendig neue, und selbst die Jeans fuer 25 Euro wird geflickt, damit sie laenger haelt, und das T Shirt dessen Farbe verblasst und dessen Kragen ausgeleiert ist, wird auch noch getragen. Manchmal muss ich mich auf alten Fotos sehen, um zu wissen, dass ich bestimmte Kleidungsstuecke schon seit Jahren trage. Aber ich bin da wohl nicht sehr typisch fuer den deutschen Konsumenten. Und ich habe auch noch nie erlebt, dass im Kapitalismus wirklich der Konsument Macht gehabt haette, diese Zustaende zu aendern. Jeder, der es wissen will, weiss es doch. Und Tausende handeln auch danach. Und dennoch, derjenige, der Mensch und Umwelt ausbeutet, wird in unserem Wirtschaftssystem, IMMER belohnt. Weil ein paar Tausend Boykotteure gar nicht ins Gewicht fallen, bei solchen Massenartikeln mit entsprechenden Gewinnmargen.
whitewisent 21.12.2017
4.
Simple Frage, wie soll der Welthandel funktionieren, wenn der wohlhabene Westen nicht in Entwicklungsländern Industrieprodukte kauft? Was würden die Kindern sonst machen? Zur Schule gehen, spielen? Schöner Gedanke, aber vieleicht realistischer, Betteln, Hungern und zur Prostitution gezwungen. Denn es ist ja nicht so, daß dort Eltern aus Spaß ihre Kinder zur Arbeit zwingen, und Daheim bleiben. Klar, man könnte die Löhne verdoppeln, wie in der chinesischen Schuhindustrie. Nur was hatte das zur Folge? Die Schuhe werden heute noch billiger in Äthiopien hergestellt. Mal davon abgesehen, daß es in Deutschland gar nicht mehr genug Schneider und Schuster gibt diesen Bedarf zu decken. Wollen wir ernsthaft zu den Zeiten zurück, wo man sich nur 2 Paar Schuhe und 3 Hemden/Blusen leisten konnte?
karlm99 21.12.2017
5. Es
ist überheblich uns arrogant die sozialen Maßstäbe anderer Länder festlegen zu wollen. Es ist Aufgabe dieser Nationen dies selbst zu gestalten. Im Übrigen sorgt der Konsumwahn dafür, dass diese Jobs existieren. Wovon sollen die Menschen sich denn ernähren, wenn diese nicht benötigt würden?
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