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Mode-Klassiker: "Die 501 ist die Mutter aller Jeans"

Ein Interview von

Berühmtes Levi's-Jeansmodell: Die Geschichte der Five-Oh-One Fotos
Levi's

Rockstars, Malocher und Präsidenten tragen die Five-Oh-One. Nun hat Levi's-Chefdesigner Jonathan Cheung den Jeans-Klassiker leicht verändert. Wie mutig muss man sein, an einem 142 Jahre alten Erfolgsmodell herumzuschnippeln?

Hamburg - Ein Overall für harte Kerle, die in Minen schufteten und sich ihre Kleidung nicht ruinieren wollten: 1873 tüftelten Levi Strauss aus dem deutschen Buttenheim und der US-Schneider Jacob Davis an einem robusten, bequemen, strapazierfähigen Kleidungsstück. Sie erfanden: die Blue Jeans.

Am 20. Mai meldeten die beiden ihr Patent für Männerhosen mit Kupfernieten an. Das erste Modell nannten sie schlicht XX. 17 Jahre später bekam die Hose den Namen, unter dem sie legendär werden sollte: 501. Das "Time"-Magazin kürte sie zum "Fashion-Objekt des 20. Jahrhunderts" - noch vor dem Minirock oder dem kleinen Schwarzen.

Der Schnitt von Levi's Five-Oh-One ist im Laufe der Jahrzehnte immer wieder leicht angepasst worden: mal kam eine Gesäßtasche dazu, mal wurden die Hosenbeine breiter, die Hüftpartie schmaler. Jetzt ist die jüngste Version auf dem Markt: die 501 CT. Die zwei Buchstaben stehen für customized und tapered: Die Jeans sitzt in der Hüfte etwas lockerer, vom Knie abwärts sind die Hosenbeine schmaler geschnitten, die Fußöffnung wurde verengt; die erste Änderung an der 501 seit fünf Jahren.

Verantwortlich dafür ist Jonathan Cheung, seit Juli 2013 Chefdesigner bei Levi's. Cheung wuchs im britischen Grantham auf, seine Familie hoffte, er würde etwas Vernünftiges machen: Anwalt werden. Oder Lehrer. Stattdessen besuchte Cheung die Londoner Kingston University, nach seinem Abschluss arbeitete er in Mailand erst für Moschino, dann für Iceberg. Nach einer Station bei Armani Jeans wechselte Cheung 2009 zu Levi's.

Designer Jonathan Cheung: "Die 501 ist eine für alle" Zur Großansicht
Levi's

Designer Jonathan Cheung: "Die 501 ist eine für alle"


SPIEGEL ONLINE: Herr Cheung, verzeihen Sie bitte: Welche Hosen tragen Sie gerade?

Cheung: Eine 501. Wie übrigens an 350 Tagen im Jahr. An den anderen trage ich eine 505. Oder ich bin schwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Paare haben Sie im Kleiderschrank?

Cheung: Bei 50 habe ich, ehrlich gesagt, aufgehört zu zählen. Aber es dürften deutlich mehr sein. Mir kommt es so vor, als würde meine Frau den Kopf schütteln, wenn ich wieder ein neues Paar anschleppe. Aber warum sollte ich etwas anderes tragen? Die 501 ist die Mutter aller Jeans und das großartigste Kleidungsstück aller Zeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nun ja, das müssen Sie bei Ihrem Job sagen.

Cheung: Ich war mir schon vor meiner Zeit bei Levi's bewusst, was diese Jeans bedeuten und welchen Einfluss sie haben. Auch während meiner Zeit bei Moschino und Armani habe ich die 501 getragen. Sie ist für Alte und Junge, für Männer und Frauen, für Minenarbeiter und Rockstars, für Steve Jobs und Beyoncé. Sowas gibt's kein zweites Mal in der Modebranche.

SPIEGEL ONLINE: Die 501 ist aber auch: ein schlichtes Paar Jeans. Und zwar eins, das in diesem Jahr seinen 142. Geburtstag feiert. Wie erklären Sie sich, dass es das Modell immer noch gibt?

Cheung: Mit einer Kreditkarte und Internetzugang können Sie heute rund um die Uhr einkaufen, sie können für eine Jeans 20 oder 1000 Dollar ausgeben. Aber gerade bei dieser schier unendlichen Auswahl besinnen wir uns auf die Dinge zurück, die etwas bedeuten. Die 501 schauen Sie an und erinnern sich daran, auf welchen Reisen Sie die Jeans getragen haben, bei welcher Arbeit oder Party.

SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als hätten Sie da Erfahrung.

Cheung: Ich notiere mir oft auf der Innenseite meiner Hosentaschen, wo und wann ich die Jeans gekauft habe. Eine besondere Bedeutung hat ein Paar, das meine Frau Zoe getragen hat, als sie schwanger war. In diesen 501 ist praktisch unsere Tochter gewachsen. Gerade habe ich das Paar mit einer kleinen Biene besticken lassen, die meine Tochter gezeichnet hat. Auf dem anderen Hosenbein ist eine Zeichnung meines Sohnes zu sehen, der Buchstaben B mit zwei Flügeln. Bee ist mein Spitzname für Zoe. Die Geschichte dieser 501 geht also weiter.

Die verzierte 501, die Cheungs Frau während ihrer Schwangerschaft trug Zur Großansicht
Jonathan Cheung

Die verzierte 501, die Cheungs Frau während ihrer Schwangerschaft trug

SPIEGEL ONLINE: Eine emotionale Bindung kann man zu jedem Kleidungsstück aufbauen.

Cheung: Das stimmt, aber die 501 hat eine kulturelle Bedeutung, die sonst kein Kleidungsstück hat. Die 501 haben Sie an Marlon Brando gesehen, an Bruce Springsteen, an Rihanna und Barack Obama. Die 501 war zuerst da, sie ist das Original, sie ist DIE Jeans.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie zum ersten Mal seit fünf Jahren den Schnitt leicht geändert. Wie erfindet man einen Klassiker neu?

Cheung: Mit viel Respekt. Wir ändern den Schnitt nur sehr selten und nicht leichtsinnig. Wir haben rund sechs Monate in unserem Innovationslabor Eureka getüftelt, nur fünf Minuten zu Fuß von meinem Büro entfernt. Und diesmal ging die Änderung von unten nach oben, das hat es leichter gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Von unten nach oben?

Cheung: Damit meine ich, dass der neue Schnitt daraus resultiert, dass wir Menschen beobachtet haben und was sie mit ihren 501 machen. Wir haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass zahlreiche Menschen ihre alten Jeans an den Beinen enger nähen. Ich selbst mache das seit den Achtzigerjahren so, meine Chefin Karyn Hillman auch. Und diesen Schritt nehmen wir unseren Kunden jetzt ab, indem wir die 501 standardmäßig mit engeren Hosenbeinen auf den Markt bringen.

SPIEGEL ONLINE: Die Modebranche lebt von Trends. Ist es nicht ziemlich uncool, eine Jeans zu tragen, die schon die Mutter und der Opa getragen haben?

Cheung: Für ein Modeunternehmen ist es heutzutage eine große Versuchung, ein bisschen von allem zu sein: ein bisschen schick, gleichzeitig sportlich und alltagstauglich. Aber wenn man versucht, alles ein bisschen zu sein, wird man nichts wirklich. Deshalb ist es so wichtig, als Modelabel eine Identität zu haben. Und das wird nie uncool.

SPIEGEL ONLINE: In Modemagazinen und Streetstyle-Blogs wird Denim als Trend für die kommende Saison gefeiert. Wo liegt der Reiz am Jeanslook?

Cheung: In der Vielfältigkeit. Denim können Sie mit einem simplen weißen T-Shirt und dreckigen Sneakers kombinieren oder mit Christian-Louboutin-Heels und einer Celine-Handtasche.

SPIEGEL ONLINE: Die 501 war Goldgräber- und Cowboyhose, zu Zeiten der Großen Depression billige Allzweckkleidung, dann Symbol für cooles Understatement. Was ist sie heute?

Cheung: Authentisch, bodenständig, ehrlich. Und sie zeigt ihre Wurzeln, die in der Arbeiterkleidung für Männer liegen. Sie ist eine für alle.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. gutes Material
jamguy 16.03.2015
Ich find toll das Die so lange halten!
2. Der Niedergang
derhatschongelb 16.03.2015
der Jeans lässt sich an kaum einer Hose so deutlich nachvollziehen, wie an der 501. Ursprünglich in der Valencia Street auf Shuttle Looms gewebt, mit Webkante und ungeaschenem Denim von Cone Mills. Heute: Endloswebstühle in Massenproduktion und Tragespuren aus Chlorbleiche. Ein Mythos vielleicht, aber vom Original zu heute so weit entfernt, wie ein handgemachter Rohmilchkäse von einer Scheiblette!
3. Besser wäre es
carranza 16.03.2015
wieder auf stabilere, nicht so leicht dehnbare und haltbarere Stoffe in der Verarbeitung zu setzen. Mir sind etliche Nachbauten begegnet, die man im Vergleich eher fürs Orginal gehalten hätte.
4.
CrocodileDandy 16.03.2015
Zitat von derhatschongelbder Jeans lässt sich an kaum einer Hose so deutlich nachvollziehen, wie an der 501. Ursprünglich in der Valencia Street auf Shuttle Looms gewebt, mit Webkante und ungeaschenem Denim von Cone Mills. Heute: Endloswebstühle in Massenproduktion und Tragespuren aus Chlorbleiche. Ein Mythos vielleicht, aber vom Original zu heute so weit entfernt, wie ein handgemachter Rohmilchkäse von einer Scheiblette!
Volle Zustimmung, wenn man robuste ungewaschene Qualität möchte, muss man auf japanische Marken ausweichen, die 501 ist schon lange keine bauchbare Jeans mehr
5. Kupfernieten?
ding.dong 16.03.2015
Wo sind di Kupfernieten geblieben?
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