Keramikausstellung in Frankfurt Tonangebend

Ton ist der Urboden des Designs. Lore Kramer lehrte ihre Studenten eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Ihre eigenen Arbeiten waren ein handwerklich perfekter Gegenentwurf zum Zeitgeschmack der Siebzigerjahre.

Privatarchiv Kramer

Als die halbe Nachkriegs-BRD ihre Haushalte mit Vasen, Schalen und Schüsseln aus grobem Steingut ausstaffierte und Kuchen von psychedelisch bunten oder geblümten Tellern aß, arbeitete Lore Kramer in ihrer Keramikwerkstatt im hessischen Offenbach am gestalterischen Gegenprogramm: Runde um Runde drehte sie ihre Töpferscheibe, bis die Fliehkräfte aus den Tonklumpen in ihrer Hand klare, schnörkellose Objekte herausformten. Hinterher veredelte die Designerin ihre Handarbeiten mit Glasuren in brillant leuchtendem Blau, Orange, Grau oder Weiß.

Lore Kramer in Wahlwies am Bodensee, 1954
Rudolf Peer

Lore Kramer in Wahlwies am Bodensee, 1954

Heute ist Lore Kramer 91 Jahre alt, und wer ihr nur ein paar Minuten zuhört, weiß schnell, dass hier jemand spricht, der immun ist gegen Effekthaschereien und kurzlebige Trends. An der Drehscheibe stand sie schon lange nicht mehr, umso überraschter scheint sie selbst über die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main.

Dass ihre Arbeiten nun einem größeren Publikum bekannt werden, ist Direktor Matthias Wagner K zu verdanken. Er war so hingerissen von Kramers Privatsammlung, dass er diese aus deren Keller in die Ausstellungsräume des Designmuseums hievte - an einen Ort, an dem noch bis vor Kurzem zum Beispiel Jil Sander präsentiert wurde (wenn auch auf deutlich größerer Fläche).

Modell und Designobjekt sind eins

Mit Lore Kramer wird eine Gestalterin vorgestellt, die sich wohl nie explizit als Designerin verstand, aber funktionale Formgebung liebt. Das verband sie mit ihrem weitaus bekannteren Ehemann, dem Architekten Ferdinand Kramer (1898-1985). In die Lehre ging sie bei dem Bauhaus-Keramiker Otto Lindig. Später gab sie ihr Wissen an der Werkkunstschule Offenbach weiter. 1956 baute sie die erste Keramikwerkstatt der heutigen Hochschule für Gestaltung auf, danach leitete sie die Vorlesungen in Designgeschichte.

Kramer stellte sich vollkommen in den Dienst ihrer Studierenden, die sie in eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit einführte. Ton ist quasi der Ur-Boden des Designs. Hier wird nicht am Computer oder mit Ersatzmaterial am Modell gebaut, hier sind Modell und Designobjekt eins. Bei ihren eigenen Arbeiten prägte sie nicht mal ein eigenes Signet auf die Unterseite. Das war ihr einfach nicht so wichtig.

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Keramik von Lore Kramer: Handwerklich perfekt

Lore Kramer formte und goss Objekte so schön wie funktional. Stapel- und kombinierbare Gegenstände - gemacht für die Serienproduktion, aber der Zeit wohl voraus. Für Wächtersbach Keramik entwarf sie mehrere Gefäße, kein einziges wurde ein Erfolg. Heutzutage, ein halbes Jahrhundert später, wären die Vasen, Doppelschalen, Tassen und Becher vermutlich ein Renner.

Gefäße wie leuchtende Edelsteine

Kuratorin Annika Sellmann ließ Kramers Arbeiten auf meterhohe Tapeten drucken, um die schon von Natur aus kleinteilig wirkende Welt der Keramik ins rechte Licht zu rücken. Die Exponate sehen dank Kramers ausgefeilter Glasurformeln aus wie leuchtende Edelsteine. Das Museum hat ihnen jahrhundertealte Artefakte an die Seite gestellt: Schalen und Gefäße aus China, Deutschland, Iran oder Korea. Geschichtsträger, in die sich Lore Kramers Werke seltsam zeitlos einreihen.

Heute erleben Material und Technik zwar wieder einen Aufschwung, vor allem in der Bildenden Kunst. In den Kaderschmieden künftiger Produktdesigner spielt die Keramikwerkstatt aber doch eher die Nebenrolle. Die von Lore Kramer aufgebaute Lehrwerkstatt wurde in den Siebzigern dichtgemacht. Die 91-Jährige erinnert sich gut daran. Es war kurz nach einer Rückreise aus New York, wo man ihr noch erklärt hatte, was für ein großer Fehler das Schließen der örtlichen Keramikabteilung doch gewesen sei.

Video: Glas und Keramik - Die geheime Welt der Materialien


"Lore Kramer. Ich konnte ohne Keramik nicht leben", bis 26. August im MAK Frankfurt

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hantwerck 05.07.2018
1. Ich kann ohne Keramik nicht leben!
"Heute erleben Material und Technik zwar wieder einen Aufschwung, vor allem in der Bildenden Kunst." Aber das ist doch sehr schade! Einer der ältesten Handwerksberufe droht zu verschwinden, weil ganz normale gelernte TöpferInnen-GesellInnen nur noch sehr schwer davon leben können. Von promovierten Designern gestaltete und in Fernost hergestellte hippe Keramik erlebt einen Aufschwung, ja, und Töpferkurse für gestresste Städter auch, und abstrakte Tongebilde von KünstlerInnen (mit Namen!) auch, aber das in reinster Handarbeit mit viel Liebe und Erfahrung hergestellte Service? Wer kauft sich das heute noch? Ich bin gespannt, ob ich als Keramikerin in Zukunft doch noch ohne Keramik leben werden muss. Viele KollegInnen haben schon aufgegeben, oder brauchen zusätzliche Jobs zum Überleben. "...was für ein großer Fehler das Schließen der örtlichen Keramikabteilung doch gewesen sei." Was für ein großer Fehler, es kleinen Werkstätten so schwer zu machen. Digitalisierung im Handwerk, zwingende, repräsentative Onlinepräsenz, ständig wechselnde Moden, ... daran gibt es zusätzlich zum eigentlichen Beruf, genug zu knabbern. Die Ausstellung werde ich mir auf jeden Fall anschauen. Welch ein Lebenswerk und wie schön, dass dieser großen Tonmeisterin noch zu Lebzeiten diese Ehre zuteil kommt!
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